Wissen : Einfach vor sich hin forschen

Eine Diskussion über die Frage, wie das Neue entsteht.

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„Innovation“ gehört zu jenen Blähwörtern, die durch inflationären Gebrauch ihren ursprünglichen Sinn weitgehend verloren haben. Was sich heute „innovativ“ nennt, löst dieses Versprechen oft nicht ein. So verwunderte es nicht, dass der Konstanzer Philosoph Jürgen Mittelstraß mit dem I-Wort hart ins Gericht ging, bei einer Veranstaltung der Berlin-Brandenburgischen Akademie der Wissenschaften und der Schering-Stiftung zur Frage „Wie funktioniert Innovation?“.

„Innovativ sein ist alles“, spottete Mittelstraß. „Wer nicht innovativ ist, ist tot. Schreibt rote Zahlen, ist langweilig und fußlahm.“ Mittelstraß beließ es nicht bei seiner Kritik, sondern arbeitete den eigentlichen Sinn des Begriffs heraus. „Innovation ist die technikorientierte Anwendung von durch Forschung entstandenem Wissen für gesellschaftliche Zwecke“, lautete Mittelstraß’ Definition.

Wahre Innovation braucht also Forschung und es wäre falsch, ihr Zügel anzulegen. „Nur im freien Spiel der Wissenschaft passiert das wirklich Neue.“ Der Philosoph nannte den Ostblock als mahnendes Beispiel. Zwar habe man die Forschung als Motor der Innovation anerkannt, aber da es für diese keine Freiheit gab, blieb auch die Innovation aus. Nur wenn der Aufbruch ins Unbekannte gewagt werde, sei mit echten Durchbrüchen zu rechnen.

Zum „Imperativ von Wissenschaft und Forschung“ in modernen, technisch geprägten Gesellschaften gebe es keine Alternative. Wohl aber Reformbedarf, wie Mittelstraß mit Blick auf das deutsche Wissenschaftssystem anmerkte. Die starke Abgrenzung der einzelnen Elemente, etwa der Universitäten und Forschungsgesellschaften, behindere die Zusammenarbeit zwischen den Disziplinen.

Dass der Weg zum wissenschaftlichen Durchbruch langwierig und labyrinthisch sein kann, dafür ist der Heidelberger Medizin-Nobelpreisträger Harald zur Hausen ein Beispiel. Der Krebsforscher – er entdeckte, dass ein Virus Gebärmutterhalskrebs auslöst – plädierte bei der Veranstaltung für das Recht auf Eigensinn, auf „Spielraum zur Selbstfindung“, wie er am Anfang seines wissenschaftlichen Wegs stand. An einem Düsseldorfer Institut für Mikrobiologie konnte der junge Wissenschaftler drei Jahre ohne Zwang vor sich hin forschen. Man habe ihn einfach gewähren lassen. Damals hätte er es gehasst, aber später umso mehr geschätzt. Es folgten straffe Lehrjahre, insbesondere in den USA. Beides zusammen erwies sich in zur Hausens Fall als glückliche Mischung.

Zur Hausen bedauerte die Situation des wissenschaftlichen Nachwuchses. Auf jungen Forschern laste ein „enormer Publikationsdruck“. Sie schlössen sich häufig produktiven Arbeitsgruppen an, um viel zu veröffentlichen. Das führe zu „intellektueller Inzucht“. Statt originelle Fragen zu erforschen, widme man sich Detailfragen des Mentors.

Der Wissenschaftler setzte sich auch kritisch mit dem Schlagwort von der „Vernetzung“ auseinander. Sie wirke gleichmacherisch. Konkurrenz sei nicht weniger wichtig als Kooperation. Darin stimmte ihm der Philosoph Mittelstraß zumindest teilweise zu. Auch er sei gegen eine „verordnete Vernetzung“, wie sie in der EU stets gewünscht werde. „Der Wissenschaftler vernetzt sich selbst“, sagte Mittelstraß. „Es ist die Dialektik von Wettbewerb und Kooperation, die Wissenschaft kreativ und produktiv macht.“

„Translationale Forschung“ lautet ein weiterer Modebegriff, den zur Hausen skeptisch sieht. Gemeint ist, dass Medizin und Industrie beim Entwickeln und Prüfen von Arzneimitteln zusammenarbeiten. „Ist das Testen von Substanzen im Auftrag der Industrie wirklich Forschung?“ fragte der Mediziner. „Ich würde mir wünschen, dass ein Teil der Mittel in die Grundlagenforschung fließt, die ist erfolgreich bei der Translation.“

Der Grundlagenforscher zur Hausen kann immerhin darauf verweisen, dass auf der Basis seiner Erkenntnisse Impfstoffe gegen den Erreger von Gebärmutterhalskrebs entwickelt werden konnten. Allerdings in den USA, nachdem Jahre zuvor ein deutsches Unternehmen die Idee als nicht kommerziell aussichtsreich verworfen hatte. Inzwischen sind mehr als 100 Million Impfdosen verbraucht worden. Zur Innovation gehört eben mehr als hervorragende Forschung – ein guter Riecher für die Anwendung ist mindestens ebenso wichtig. Hartmut Wewetzer

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