Erbgut : Die politische Einstellung steckt in den Genen

03.11.2012 00:00 Uhrvon
Liberale und Konservative nehmen die Welt unterschiedlich wahr, sagen Forscher. Das liegt unter anderem an den Genen. Im Bild: Anhänger von Barack Obama, Präsidentschaftskandidat der Demokraten. Foto: AFP
Liberale und Konservative nehmen die Welt unterschiedlich wahr, sagen Forscher. Das liegt unter anderem an den Genen. Im Bild: Anhänger von Barack Obama, Präsidentschaftskandidat... - Foto: AFP

Links oder rechts? Darüber entscheidet auch unser Erbgut, sagen Wissenschaftler. Ihre Forschung erklärt, weshalb Konservative die Welt mit anderen Augen sehen – und warum Gene unsere politischen Ansichten mitbestimmen.

Aristoteles wusste es schon vor 2000 Jahren. Der Mensch sei „von Natur aus ein politisches Tier“, schrieb der griechische Philosoph in seiner „Politik“. Der Satz ist das Lieblingszitat einer kleinen Gruppe von Wissenschaftlern, die zurzeit die Erforschung der Politik umkrempeln. Sie untersuchen, wie die Gene eines Menschen seine politischen Überzeugungen beeinflussen.

Der Zweiklang von Politik und Genetik klingt gefährlich nach Eugenik, und so traute sich lange Zeit niemand, so eine Frage ernsthaft anzugehen. Einen Anfang machten Nicholas Martin, Lindon Eaves und Hans Eysenck 1986. Im Fachblatt „PNAS“ veröffentlichten sie eine klassische Zwillingsstudie.

Dabei machten sich die Forscher zunutze, dass eineiige und zweieiige Zwillinge zwar dasselbe Elternhaus und Umfeld haben, aber nur eineiige Zwillinge auch ihr gesamtes Erbgut teilen. Ähneln sich eineiige Zwillinge in einer bestimmten Eigenschaft im Schnitt mehr als zweieiige, so liegt das also an den Genen. Aus den Unterschieden der beiden Zwillingsgruppen in einer bestimmten Eigenschaft lässt sich errechnen, wie stark der Einfluss der Gene darauf ist.

Die Eigenschaft, die Martin und Kollegen an 4600 Zwillingspaaren aus Australien und Großbritannien untersuchten, war ihre politische Überzeugung, also etwa ihre Einstellungen zu Todesstrafe und Abtreibung, Gewerkschaften und Einwanderung. Im angelsächsischen Raum werden diese Einstellungen meist auf einer Skala Liberal-Konservativ verortet, was in Deutschland in etwa Links-Rechts entspricht. Das Ergebnis der Forscher war ein Tabubruch: Die Unterschiede in den politischen Ansichten seien etwa zur Hälfte auf die Gene zurückzuführen.

Doch die Schlussfolgerung verhallte ungehört. „Vielleicht waren die Leute einfach nicht bereit“, sagt der Politikwissenschaftler John Hibbing von der Universität Nebraska. 2005 veröffentlichte er eine Studie, die die gleichen Zusammenhänge zwischen Genetik und Politik zeigte. Dieses Mal gab es ein Echo, wenn auch kein freundliches. „Die meisten Politikwissenschaftler fanden die Behauptung, Genetik könnte bei der politischen Orientierung eine Rolle spielen, absurd und sogar gefährlich“, sagt Hibbing. Er erhielt etliche anonyme E-Mails, die seine Arbeit schmähten. Viele Menschen schienen das Ergebnis instinktiv abzulehnen.

Ein möglicher Grund: Die Ergebnisse legen nahe, dass die politischen Überzeugungen eines Menschen zum Teil von Kräften geformt werden, derer er sich nicht bewusst ist. „Viele glauben, dass unsere politischen Überzeugungen rational sind und dass wir sie durch sorgsames Abwägen von Argumenten erreichen“, sagt Hibbing. „In Wirklichkeit sind sie aber nicht rational, wir rationalisieren sie nur hinterher.“

In seinem neuen Buch „The Righteous Mind. Why Good People Are Divided by Politics and Religion“ vergleicht der Psychologe Jonathan Haidt die Rolle unseres Verstands mit der eines Regierungssprechers. „Egal, wie schlecht ein Gesetzentwurf ist, der Regierungssprecher wird einen Weg finden, ihn zu loben. Manchmal wird es eine peinliche Pause geben, während er die richtigen Worte sucht, aber was Sie niemals hören werden ist: ,Hey, das stimmt. Vielleicht sollten wir das Gesetz noch einmal überdenken.’ Regierungssprecher können das nicht sagen, weil sie nicht die Macht haben, Gesetze zu ändern. Ihnen wird erzählt, was das Gesetz ist und sie sollen Belege und Argumente finden, die dieses Gesetz gegenüber der Bevölkerung begründen.“

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