Erster Studiengang für Hebammen in Berlin : Wenn der Bachelor das Baby bringt

Die Evangelische Hochschule Berlin und das St. Joseph-Krankenhaus haben den ersten Berliner Studiengang für künftige Hebammen eröffnet.

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Hausbesuch. Erforscht werden soll unter anderem, was die Beratung von Familien nach der Geburt bringt.
Hausbesuch. Erforscht werden soll unter anderem, was die Beratung von Familien nach der Geburt bringt.Foto: picture alliance / dpa

Bachelor of Science of Midwifery – ein höchst moderner Name, wie er eines neuen, Bologna-kompatiblen Studienganges würdig ist. Passt er auch zu einem der ältesten Berufe der Menschheit, dem der Hebamme? Michael Abou-Dakn hat da keine Bedenken. „Unsere Hoffnung ist, dass wir neugierige Studierende gewinnen können, die auch an wissenschaftlichen Fragestellungen interessiert sind und ihr Handeln kritisch hinterfragen“, sagt der Chefarzt der Abteilung für Gynäkologie und Geburtshilfe am St.-Joseph-Krankenhaus in Berlin-Tempelhof. Abou-Dakn ist maßgeblich am neuen Studiengang Hebammenkunde beteiligt, den die Evangelische Hochschule Berlin und sein Krankenhaus am Montag mit einem Festakt aus der Taufe gehoben haben.

Wer sich für den neuen Studiengang einschreibt, ist zugleich Studierende und Auszubildende. In diesem Jahr gab es keine männlichen Bewerber, doch die Ausbildung kann prinzipiell auch mit dem Berufsziel „Entbindungspfleger“ absolviert werden. Den Berufsabschluss hat man nach drei Jahren und einem Staatsexamen. Bis dahin gibt es eine Ausbildungsvergütung. Im vierten Studienjahr werden wissenschaftliche Fragestellungen vertieft, am Ende stehen eine Bachelorarbeit in Hebammenwissenschaft und eine mündliche Prüfung. Die praktische Ausbildung erfolgt am St.-Joseph-Krankenhaus. Für die theoretischen und akademischen Anteile ist die Evangelische Hochschule Berlin (EHB) verantwortlich. Abou-Dakn, der sich dort schon in einem Pflegestudiengang engagiert, wird den geburtsmedizinischen Part übernehmen.

Studieren, um Hebamme zu werden. Was in Deutschland noch gewöhnungsbedürftig klingt, ist in den meisten europäischen Ländern schon üblich, etwa in der Schweiz oder in Österreich. Die Hebamme, Diplom-Pflegewirtin und Koordinatorin des neuen Studienganges, Heike Polleit, hat in Graz einen Studiengang gleicher Ausrichtung über fünf Jahre Jahre geleitet. Während das Bachelorstudium dort in drei Jahren absolviert wird, steht dem hierzulande die Ausbildungs- und Prüfungsordnung für Hebammen aus dem Jahr 1987 entgegen. „Sie lässt für die Auseinandersetzung mit wissenschaftlichen Inhalten wenig Zeit. Wir brauchen dafür das vierte Jahr“, sagt Polleit.

Der Studiengang soll Ärzte und Hebammen zusammenbringen

Inzwischen gibt es in Fulda und Bochum vergleichbare grundständige Studiengänge, an einigen anderen Hochschulen kann man ein mehrsemestriges Bachelorstudium auf eine Ausbildung „draufsatteln“. Die Berliner Initiatoren hoffen, dass ihr Projekt auch gegen die Vorbehalte und Konkurrenzängste von Ärzten wie Hebammen wirken wird. „Die Akademisierung wird uns helfen, eine gemeinsame Sprache zu finden“, meint Abou-Dakn.

Polleit erwartet, dass sich durch diesen Trend die Profile der an der Geburtshilfe beteiligten Berufsgruppen schärfen. „Wir Hebammen haben schon heute eine gesetzlich verbriefte Autonomie, wir dürfen ohne ärztliche Supervision arbeiten, solange es sich um gesunde Verläufe handelt.“ Aufgabe der Hebammenwissenschaft sei es, im Gefüge der Geburtshilfe das Wissen über diese gesunden Abläufe zu vermehren und sie zu fördern.

Neue Erkenntnisse für die Geburtshilfe erwartet

Abou-Dakn hofft, dass diese Entwicklung auch sein eigenes medizinisches Fachgebiet beflügeln wird: „Es gibt in der Geburtshilfe viele Dinge, die in den Lehrbüchern immer weiter tradiert werden, die aber in Studien noch nicht streng wissenschaftlich überprüft wurden.“ Dazu gehöre die Frage, ob es sinnvoll ist, Frauen bei der Geburt anzuleiten oder die empfindliche Dammregion mittels bestimmter Handgriffe zu schützen – und wenn, dann wie. Relevant seien auch sozialwissenschaftliche Fragestellungen. So nehmen Hebammen längst wichtige Funktionen für junge Familien im ersten Lebensjahr wahr. Der Nutzen dieser Arbeit der „Familienhebammen“ harrt ebenfalls der wissenschaftlichen Evaluierung.

Weil solche Themen den kritischen Geist der Studierenden anregen, könnte es nach Ansicht von Polleit und Abou-Dakn sinnvoll sein, auf den Bachelor- einen Masterstudiengang der Science of Midwifery folgen zu lassen. In Graz macht jede zehnte Bachelorabsolventin ihren Master.

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