• „Es muss auch mal was richtig schiefgehen“ Bedroht die Politik die Grundlagenforschung ?

Wissen : „Es muss auch mal was richtig schiefgehen“ Bedroht die Politik die Grundlagenforschung ?

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Herr Dreher, derzeit diskutieren Experten an der FU, wie die Forschungsplanung der Zukunft aussieht. Kann man Forschung, vor allem exzellente, überhaupt planen?

Das ist eine spannende Frage, inwieweit sich eine Universität oder ein Forscher durch veränderte Rahmenbedingungen navigieren kann, ohne auf Themen festgelegt zu werden. An der FU versuchen wir, den Diskurs frühzeitig mitzuprägen: Was braucht die Gesellschaft? Wo leisten wir den besten wissenschaftlichen Beitrag?

Die EU-Forschungsplanung  gefährde die Forschungsfreiheit, heißt es in einem auch von ihnen veröffentlichten Appell. Warum?

Es wird zu Veränderungen kommen, aber eine Gefährdung sehe ich dann, wenn Lehre und Forschung getrennt werden. Allerdings macht die EU meiner Meinung nach derzeit einen Schritt zurück. Jüngst hat die EU-Kommission Vorschläge zur Modernisierung der Hochschulen veröffentlicht, in denen die Aufgabe „Forschung“ für die Universitäten nicht einmal vorkommt. Das irritiert mich sehr. Unis sind da nur beschrieben als Produzenten von arbeitsmarktgerechtem Humankapital und Akteure im Dienste der regionalen Wirtschaft. Das geht stark in Richtung angewandte Forschung. Von der offenen Suche nach neuen Themen, wie es in der Grundlagenforschung üblich ist, ist das sehr weit entfernt.

Nun will die EU aber autonome Hochschulen, die ihre Strategie selbst bestimmen.

Autonome Hochschulen sind doch dort nur unter den eben genannten Prämissen gewünscht. In Frankreich gibt es eine ähnliche Entwicklung. Die Franzosen haben eine neue Agentur für Forschung gegründet. Die Hälfte ihrer Mittel geht an Themenfelder, die von sieben Wissenschaftlern unter Beteiligung des Elysee-Palastes festgelegt werden. Diese Entwicklungen ähneln denen in China. Dort hat man eine Roadmap aufgestellt, die Forschungsthemen bis 2050 festlegen möchte. Natürlich muss Forschung gesellschaftlichen Anforderungen entsprechen. Die gelegentlich übertriebenen Fokussierungen können aber auch die Vielfalt in der Wissenschaft bedrohen.

Der Staat subventioniert die Forschung doch. Hat er nicht das Recht mitzureden?

Er macht dies bereits sinnvollerweise in vielen Feldern, etwa in Fragen der Gesundheit oder des Umweltschutzes. Das Problem ist, dass es insgesamt weniger Spielräume für ganz neue Ideen gibt. Es gibt kaum freie Mittel, die es Wissenschaftlern an Universitäten ermöglichen, etwas einfach einmal auszuprobieren. Das ist aber genau das Spannende. Das erzeugt neue Themen. Dabei muss auch mal richtig was schiefgehen dürfen.

Sie sagen, weltweite Vernetzung schränke Forschungsthemen auch ein. Warum?

Forschung muss international sein. Aber nehmen Sie das Beispiel China. 2013/14 wird China die USA an Forschungsoutput überholen. Wir werden immer öfter mit China kooperieren, allerdings welche Themen werden wir bearbeiten? Die, die von den Chinesen vorgegeben werden? Hier wird man sich verständigen müssen, ohne die eigenen Spielräume aufzugeben.

Die Fragen stellte Tilmann Warnecke.

Carsten Dreher ist Direktor des Center for Cluster Development der FU, das derzeit einen Kongress zur Forschungsplanung ausrichtet. Dreher ist Professor für Innovationsmanagement.

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