Wissen : Europa soll stärker forschen

EU will Budget für Wissenschaft erhöhen

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Als im vergangenen Jahr der Physik-Nobelpreisträger Andre Geim nach der Verleihung zu seiner Dankesrede ansetzte, nutzte er die Gelegenheit zu einer Abrechnung mit der EU. Er sprach vor allem darüber, wie Europa gute Forschung verhindere. Der Förderdschungel sei so undurchschaubar, dass es praktisch unmöglich sei, Geld einzuwerben, wetterte Geim. So erinnert sich zumindest die EU-Forschungskommissarin Máire Geoghegan-Quinn an den Festakt: „Für mich war das ein unheimlich peinlicher Moment“, sagt sie – schließlich saß sie als verantwortliche Kommissarin mit am Tisch.

Geoghegan-Quinn erzählt die Begebenheit trotzdem gern, unterstreicht sie doch in ihren Augen die Notwendigkeit, die Forschungsförderung der EU zu vereinfachen. Mit dem EU-Finanzbudget, das für 2014 bis 2020 gelten soll und das derzeit in Brüssel verhandelt wird, soll es so weit sein. Die über mehrere EU-Direktorate verteilte Forschungsförderung soll unter ihrem Dach konzentriert werden. „Wir wollen die komplizierte Forschungsförderung vereinheitlichen“, sagt Geoghegan-Quinn im Gespräch mit dem Tagesspiegel. Das Forschungprogramm „Horizon 2020“ soll nach den Vorstellungen der EU-Kommission 80 Milliarden Euro umfassen, ein Anstieg von 25 Milliarden gegenüber dem aktuellen Budget.

Ob das Budget in Zeiten der Finanzkrise so durchkommt, wird sich erst zeigen. Schon das Lissabon-Ziel, bis zum Jahr 2010 EU-weit drei Prozent des Bruttoinlandproduktes in Forschung und Entwicklung zu investieren, wurde verfehlt, auch wenn die Kommissarin lieber davon spricht, die meisten Staaten hätten sich „sehr stark verbessert“. Am Drei-Prozent-Ziel halte die Kommission fest, bis 2020 soll es nun erreicht werden. Ihr Anliegen sei es, bei den EU-Staaten darum zu werben, die Wissenschaft von Kürzungen auszunehmen, sagt Geoghegan-Quinn. Als Vorbilder nennt sie Frankreich und Deutschland, die mehr in Forschung investierten. Das gelte auch für ihre von der Finanzkrise schwer gebeutelte Heimat Irland, die die Wissenschaft vom Sparkurs ausnehme.

Geoghegan-Quinn betont, das neue Rahmenprogramm sehe vor, den gesamten Erkenntnisprozess bis hin zur Umsetzung von Forschungsergebnissen in der Wirtschaft zu stärken. Unis dürften „nicht im Elfenbeinturm“ agieren, sondern müssten sich an den Bedürfnissen von Gesellschaft und Wirtschaft orientieren. Fokussiert die EU die Rolle der Hochschulen damit zu einseitig auf die von Dienstleistern der Wirtschaft, wie Hochschulexperten kritisieren? Dem Eindruck widerspricht Geoghegan-Quinn. „Voraussetzungslose, von Neugier getriebene“ Grundlagenforschung werde sehr wohl ein Schwerpunkt sein. Beste Beispiele seien die durch den Europäischen Forschungsrat (ERC) geförderten Wissenschaftler. Der ERC sei eine „spektakuläre Erfolgsgeschichte“, dessen Budget steige.

Zurückhaltender äußert sich Geoghegan-Quinn zu einem anderen Prestigeprojekt der EU, dem nur langsam in die Gänge gekommenen European Institute of Innovation and Technology (EIT). Das EIT sei zwar „sehr wichtig“, sagt die Forschungskommissarin. Es bleibe aber abzuwarten, wie es sich entwickle. Viel hänge davon ab, ob sich die Wirtschaft stärker als bisher daran beteilige. Tilmann Warnecke

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