Euthanasie-Ausstellung in Berlin : Unter den Blicken der Verfolgten

200.000 geistig behinderte und kranke Menschen wurden von den Nationalsozialisten ermordet, 400.000 zwangssterilisiert. Die Topographie des Terrors erzählt in einer neuen Ausstellung von der systematischen Verfolgung - und gibt den Opfern ihre Namen zurück.

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Geistig behinderte Kinder in Schwäbisch Hall um 1930
Geistig behinderte Kinder in Schwäbisch Hall um 1930Foto: dpa

Da ist Irma Sperling auf der einen Seite, mit 14 Jahren in einer „Kinderfachabteilung“ ermordet. Und da ist Philipp Bouhler auf der anderen Seite, mit 39 Jahren zu Hitlers „Euthanasie“-Beauftragtem ernannt. Ihre Porträts sind zwei unter vielen, sie hängen auf Schautafeln einander gegenüber. Die eine Tafel zeigt Opfer, die andere Täter. Der Besucher steht zwischen den beiden Tafeln, er steht zwischen Opfern und Tätern, zwischen ihren Blicken.

Diese Bilder eröffnen die neue Sonderausstellung in der Berliner Topographie des Terrors. „Erfasst. Verfolgt. Vernichtet“ lautet der Titel, thematisiert werden Euthanasie und Zwangssterilisation im „Dritten Reich“. Wer herkommt, wird nicht einfach an den Schautafeln entlang geleitet. Er muss sich entscheiden, welcher Seite er den ersten Blick schenkt: den erkrankten und behinderten Menschen, die im Nationalsozialismus ihr Leben ließen, oder jenen Ärzten, Psychiatern und Neurologen, die über diese Leben entschieden.

Konzipiert wurde die Ausstellung von der Deutschen Gesellschaft für Psychiatrie und Psychotherapie, Psychosomatik und Nervenheilkunde (DGPPN) in Zusammenarbeit mit den Stiftungen Denkmal für ermordete Juden Europas und Topographie des Terrors.

Die Ausstellung erzählt die "Aktion T4" nach - und ermöglicht die Ohnmacht in Gedanken

Die Kuratoren halten sich nicht mit langen Einleitungen auf. So wie die Opfer und Täter zu Beginn dem Betrachter entgegenblicken, so fordert auch die weitere Ausstellung ihre Aufmerksamkeit ein. Aus wenigen biografischen Notizen entstehen Schicksale, aus medizinischen Schaubildern erwachsen Tatbestände. Die Ohnmacht über das Geschehene entsteht im Kopf des Besuchers.

Die Nationalsozialisten sahen körperlich benachteiligte und kranke Menschen als minderwertig an. Nach der Lehre der Eugenik betrieben sie Rassenhygiene und verfolgten, sterilisierten und töteten all jene, deren „Erbwert“ nicht in den gesunden „Volkskörper“ passte.

Bereits im Juli 1933 wurde das „Gesetz zur Verhütung erbkranken Nachwuchses“ erlassen. 400.000 Menschen wurden in der Folge zwangssterilisiert. Im Auftrag Hitlers begann ab Sommer 1939 die systematische Erfassung und ab 1940 die Ermordung von Kranken und behinderten Menschen. Der „Aktion T4“, benannt nach ihrer Planungsstelle Tiergartenstraße 4, fielen bis 1941 über 70.000 Menschen zum Opfer. Noch mehr starben ab 1942 in eigens eingerichteten „Anstalten“, insgesamt kamen rund 200.000 Menschen zu Tode.

Täter wie Opfer werden gezeigt, aber in der Präsentation der Geschädigten liegt etwas Besonderes

Hauptverantwortlich war Hitlers Kanzleichef Philipp Bouhler. Seine und die Biografie anderer Täter wird in der Ausstellung offengelegt. Da steht dann, wie einer im Brief an die Frau „froh und stolz“ ist, dass die Tötungen „nun effektiv“ verlaufen. Beschrieben wird auch, was die Bevölkerung vom Treiben in den „Heilanstalten“ und „Kinderfachabteilungen“ wusste.

Mehr Raum erhalten die Opfer. Die Fachliteratur hatte sie lange anonymisiert, anders als andere Naziopfer. Erst ab den 1980ern wurde ihr Schicksal aufgearbeitet. Nun legen die Aussteller Wert darauf, „den Opfern ihre Namen zurückzugeben“. Unter den Verfolgten ist Irma Sperling, die Tochter eines Hamburger Beamten. Der Vater wurde als Mitglied der Arbeiterbewegung denunziert, die Tochter mit drei Jahren in eine Anstalt eingeliefert. Ärzte diagnostizierten ein „schwachsinniges Kind mit motorischer Unruhe“ – das Kind wurde elf Jahre später getötet. Ihre Schautafel – und die weiterer Verfolgter – ist leicht gekippt in die Ausstellungswände eingefasst. Sie ragen wie stille Signale hervor.

Ausstellung bis zum 13. Juli, täglich von 10 bis 20 Uhr in der Topographie des Terrors, Niederkirchnerstraße 8

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