Evolution : „Affen haben keine Sprache“

Im Interview spricht die Primatenforscherin Julia Fischer über den Ursprung menschlicher Kommunikation – und ihre Angst vor wütenden Pavianen.

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Stimmgewaltig und doch sprachlos. Paviane können viele Laute bilden, aber weder Wörter noch Grammatik nutzen.
Stimmgewaltig und doch sprachlos. Paviane können viele Laute bilden, aber weder Wörter noch Grammatik nutzen.Foto: picture-alliance/ dpa/dpaweb

Frau Fischer, Sie erforschen den Ursprung von Kommunikation und Sprache. Seit wann sind Tiere überhaupt in der Lage, Laute von sich zu geben? Konnten bereits die Dinosaurier rufen?

Aber klar! Das weiß jeder, der „Jurassic Park“ gesehen hat. Im Ernst: Die verschiedensten Tiere nutzen Laute. Natürlich Säuger, aber auch Fische oder Insekten. Meist geht es darum, den anderen zu etwas zu bewegen, im Sinne von Geh weg! oder Komm her! Lautäußerungen sind in jedem Falle nützlich und es ist sehr wahrscheinlich, dass die Evolution sie bereits früh hervorgebracht hat.

Wie lässt sich das belegen? Es gibt schließlich keine fossilen Tonbänder.

Nein, aber aus der Anatomie lässt sich ableiten, ob Urzeittiere Organe zur Lauterzeugung hatten. Eine andere Frage ist, ob sie diese auch nutzten. Das können wir nicht sicher sagen, aber es ist sehr wahrscheinlich.

Primaten – da nehmen wir jetzt mal den Menschen aus, der laut Definition auch dazugehört – können verschiedenste Laute von sich geben. Dennoch hätten sie keine Sprache, sagen Sie. Warum?

Julia Fischer erforscht am Deutschen Primatenzentrum in Göttingen die Evolution von Sozialverhalten, Intelligenz und Kommunikation.
Julia Fischer erforscht am Deutschen Primatenzentrum in Göttingen die Evolution von Sozialverhalten, Intelligenz und...Foto: Deutsches Primatenzentrum/O.Möst

Ihre Rufe erfüllen zwei Eigenschaften nicht, die wir als Anforderungen an Sprache stellen. Da sind zunächst Wörter. Das bedeutet, es muss einen willkürlichen Zusammenhang geben, also innerhalb einer Sprachgemeinschaft einigt man sich, dass ein bestimmtes Wort eine bestimmte Bedeutung hat. Und das muss gelernt werden. Man kann einen Tisch „Tisch“ nennen oder ein Bett „Bett“. Oder umgekehrt einen Tisch „Bett“. Solange sich alle einig sind, ist das frei wählbar. Die zweite Anforderung ist Grammatik – dass wir Wörter in größere Einheiten zusammensetzen und damit neue Bedeutungen erzeugen. Das schaffen Primaten nicht.

Würde ihnen vielleicht etwas Training helfen?

Das wurde jahrelang versucht, die Ergebnisse sind sehr bescheiden. Natürlich kann man große Menschenaffen dazu bringen, mit Symbolen zu kommunizieren oder eine Art Gebärdensprache zu nutzen. Aber sie wenden das in der Natur einfach nicht an, obwohl sie die Fähigkeit dafür haben.

Warum tun sie das nicht?

Man vermutet, dass ihnen das Mitteilungsbedürfnis fehlt. Sie verstehen vermutlich gar nicht, dass sie eine eigene Erlebenswelt haben, die sie mit jemand anderem teilen wollen. Sie gehen wohl eher davon aus, dass alle in derselben Welt leben.

Sprache haben also erst unsere unmittelbaren Vorfahren entwickelt. Aber wann?

Nehmen wir die Neandertaler, ich gehe davon aus, dass diese bereits über eine rudimentäre Sprache verfügten. Aber das ist sehr umstritten. Anatomisch waren sie durchaus dazu in der Lage, das wissen wir. Doch haben sie diese Möglichkeit auch genutzt? Ich glaube, es hat sich zu einer bestimmten Zeit wahnsinnig viel im Gehirn getan. Am Anfang stand die Einsicht, dass die anderen Individuen ein eigenes Leben haben, einen eigenen Wissensstand. Wenn man das begriffen hat, sind der Druck und der Wert, zu kommunizieren, viel größer. Hier kommt noch eine Besonderheit von Sprache hinzu: Sie bedeutet auch, sich gegenseitig zu informieren und nicht nur zu manipulieren. Wann das passierte, können wir nicht sagen.

Welche Methoden könnten helfen, diesen Zeitpunkt herauszufinden?

Sehr vielversprechend ist ein zweistufiger Ansatz. Da schaut man einerseits, welche Veränderungen es im Gehirn gab, die mit Sprache zu tun haben. Und man muss klären, welche Gene dafür verantwortlich sind. Das ist nicht nur das eine berühmte „FOXP2“-Gen, sondern es ist eine ganze Reihe. Dann kann man rekonstruieren, wann in der Evolution diese Mutanten aufgetreten sind. Doch da stochert man noch sehr im Nebel.

Wenn der Beginn der Sprache nun gar nicht bei Primaten zu finden ist, warum untersuchen Sie diese noch?

Das musste man doch erst mal herausfinden. Man hat sich jetzt drei Jahrzehnte intensiv mit der Kommunikation von Affen beschäftigt. Immer auf der Suche, ob sie nicht doch einige Vorformen von Sprache haben. Jetzt können wir sicher sagen: Nein. Deswegen wende ich mich mit meiner Forschung auch neuen Fragen zu. Ich möchte jetzt grundsätzlich klären: Was ist die Funktion von Kommunikation? Warum unterscheidet sich das Lautrepertoire zwischen einzelnen Arten? Was sind die Drücke in der Evolution, die das hervorbringen?

Sie reisen dazu häufiger nach Afrika und betreiben Feldstudien mit Pavianen. Was genau tun Sie dort?

Es gibt zwei wichtige Methoden. Das eine sind Lautaufzeichnungen. Dort geht es darum, detaillierte Informationen darüber zu bekommen, welches Tier gerufen hat oder in welcher Situation das war. War es ein gerichteter Ruf an einen Partner oder ein ungerichteter an die Gruppe? Dann folgt eine computergestützte Analyse, wo wir die Laute zerlegen und statistische Parameter ableiten. Damit lassen sich verschiedenste Fragen beantworten. Etwa: Sind gewisse Laute individuell oder rufen Weibchen, die gerade empfängnisbereit sind, anders als die übrigen Weibchen? Die zweite Methode widmet sich der Frage, was die Laute für die anderen bedeuten. Dazu spielen wir aufgezeichnete Töne ab und schauen, wie die Tiere reagieren.

Wenn Sie für Lautaufzeichnungen mit dem Mikrofon nah an die Paviane herangehen, haben Sie da nicht manchmal Angst?

Na sicher! So ein wütendes Pavianmännchen, das auf einen zurennt, ist kein schöner Anblick. Das ist furchterregend. Da muss man eisern bleiben und so tun als würde man es nicht bemerken. Und hoffen, dass es vorbeiläuft. Bis jetzt habe ich Glück gehabt.

Ihre Arbeit mit dem „Wunderhund“ Rico war weitaus weniger gefährlich. Der Border-Collie, der es bis ins Fernsehen schaffte, kannte die Bedeutung von mehr als 200 verschiedenen Wörtern. Ist das Hörverstehen bei Tieren viel weiter verbreitet, als wir vermuten?

Absolut. Ich glaube, das Hörverstehen ist nicht nur für die arteigene Kommunikation entstanden, sondern weil es grundsätzlich einen Überlebensvorteil verschafft, wenn man Laute interpretieren kann. Das kann auch der Laut von einem Räuber sein oder einer potenziellen Beute. Oder aus der Umwelt. Geräusche sind eine wichtige Informationsquelle, die viele Tiere zu nutzen lernten. Letztlich ist die Kommunikation zwischen Individuen einer Art nur ein Sonderfall dieser Fähigkeit.

Weitere Einblicke in ihre Forschung gibt Julia Fischer am Donnerstag, d. 11. Juli 2013 an der TU Berlin in ihrem Vortrag „Ursprung der menschlichen Sprache – was uns die Primatenforschung verrät“. Im Hauptgebäude der TU, Hörsaal H 104, Straße des 17. Juni 135, 10623 Berlin. Beginn 18 Uhr, Eintritt frei.

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