Evolution : Diebische Nagetiere

Mittelamerikanische Agutis klauen jeden Samen, den sie finden können und buddeln ihn andernorts wieder ein - und helfen damit Palmen, sich zu verbreiten.

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Diebisch. Die Agutis rauben jeden Vorrat, den sie finden können. Foto: Christian Ziegler
Diebisch. Die Agutis rauben jeden Vorrat, den sie finden können. Foto: Christian Ziegler

Gerade einen halben Tag war es her, da hatte ein Aguti die große, orange Frucht einer Schwarzen Palme abgenagt und den Stein knapp neun Meter vom Baum entfernt vergraben, um für schlechte Zeiten vorzusorgen. Der Schatz war nicht lange sicher. Ein anderes Exemplar der katzengroßen Nagetiere hatte Wind von dem Versteck bekommen. Es grub den Palmensamen wieder aus, schleppte ihn in dicken Backentaschen ein paar Meter weiter und stockte seinen eigenen Vorrat auf – der wiederum von Artgenossen ausgeräubert wurde.

Bis zu 36-mal kann sich dieses Spielchen wiederholen, schreiben amerikanische und niederländische Wissenschaftler um Patrick Jansen im Fachmagazin „PNAS“. Ein Samen kann dabei knapp 750 Meter im Zickzackkurs zurücklegen und schließlich 280 Meter von der Palme entfernt landen, von der er fiel. Die diebischen Nagetiere helfen so der Palme, sich zu verbreiten.

Samen zu bilden, die kein Tier in der Umgebung komplett verschlucken und ausscheiden kann, ist eigentlich für keine Pflanze vorteilhaft. Die Forscher vermuten daher, dass die Schwarze Palme ein Überbleibsel jener Megaflora ist, von der sich bis vor 10 000 Jahren riesige Rüsseltiere wie das Mastodon ernährten. Es war jedoch rätselhaft, wie die Palmenart ohne die längst ausgestorbenen Helfer bis heute überleben konnten.

Mitten im Regenwald auf einer kleinen Insel in Panama haben Jansen und seine Kollegen daher 589 Samen und 16 Agutis mit Funksendern ausgestattet und ein Jahr lang beobachtet, was geschieht. Einzelne Verstecke wurden außerdem mit Kameras überwacht. Ihr Ergebnis: 84 Prozent der von einem Tier vergrabenen Samen wurden gestohlen, etwa 35 Prozent der Samen wurden so mehr als 100 Meter geschleppt. 14 Prozent der Samen überlebten bis zum nächsten Jahr. Dann wurden sie für die Tiere uninteressant und konnten neue Wurzeln schlagen.

Vermutlich wurde die Palme von Anfang an nicht nur von Riesen, sondern auch von zwergenhaften Nagetieren verbreitet, vermuten die Forscher. Die Verstecke der Agutis seien für Setzlinge geradezu ideal – viel besser als Mega-Dunghaufen mit hunderten Konkurrenten.

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