Exzellenz-Initiative : Bildergeschichten im Labor

Ein neues Forschungsvorhaben der Humboldt-Uni untersucht Fotos, die keine sind, und Grafiken, die Forschern den Kopf verdrehen. Das geisteswissenschaftliche Projekt im Rahmen der Exzellenzinitiative baut dafür ein eigenes, interdisziplinäres Labor auf.

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Nanotechnologen fotografieren gern. Ihre Bilder zeigen oft flauschige Objekte, die im All zu schweben scheinen und sich als Moleküle herausstellen. Es gibt Kunstpreise für diese Fotos, in erster Linie dienen sie aber dazu, Phänomene darzustellen, die sich kein Mensch vorstellen kann. Um ein nanotechnisches Experiment zu erklären, werden solche Bilder millionenfach vergrößert oder der Einfachheit halber einfach nur skizziert.

Wissenschaft braucht Visualisierung, damit sie Bedeutung erhält. Dafür untermauern Forscher ihre Experimente gern mit Tabellen und Grafiken, die ihre Ergebnisse darstellen sollen. Dass diese Diagramme und Skizzen dabei nicht nur ein Experiment illustrieren, sondern eine eigene Bedeutung haben, ist die Leitidee des neuen Exzellenzclusters „Bild Wissen Gestalten“ an der Humboldt-Universität. „Bilder gestalten und verändern das, was sie nur scheinbar als Stellvertreter wiedergeben“, sagt der Kunsthistoriker Horst Bredekamp, einer der beiden Sprecher des Clusters. Mit dieser Überzeugung wendet sich das Projekt vehement gegen den Begriff der Repräsentation, der besagt, dass Bilder die Wirklichkeit schlicht darstellen.

Die Kulturwissenschaft hat die Macht der Bilder schon länger vermutet, weshalb der Cluster in erster Linie in den Geisteswissenschaften angesiedelt ist. Untersucht werden jedoch vor allem die Bilder, die Naturwissenschaftler produzieren, und zwar mit ihnen gemeinsam. Denn Naturwissenschaftler haben in Bredekamps Augen in Sachen Bildanalyse deutlichen Nachholbedarf. „Oft wissen die, die mit Grafiken arbeiten, nicht, was diese Bilder mit ihnen tun.“ Vor allem das geschichtliche Verständnis für die Bilder fehle. „Jetztzeit-Arroganz“ nennt Bredekamp das: Experimente im Labor würden häufig als zeitlos verstanden, das nachbaubare Experiment gelte immer.

Dabei sind naturwissenschaftliche Erkenntnisse ohne ihren historischen und medialen Kontext nicht zu verstehen, und den will der Cluster jetzt aufarbeiten. Davon sollen auch die Geisteswissenschaften profitieren, die sich bislang allzu selten ins Labor getraut haben. Die Diskussionen werden meistens „über Physik“ und nicht „mit der Physik“ geführt, sagt Bredekamp.

Die Forscher planen als Gegenmaßnahme eine ihrer Auffassung nach weltweit einzigartige Dimension von Interdisziplinarität: Der ideale Mitarbeiter hat ein Diplom in Physik und einen Master in Kunstgeschichte, denn allein das Lernen wissenschaftlicher Begriffe der anderen Disziplin kann Jahre dauern. Diese Erfahrung hat Bredekamp schon bei seiner Forschung zum „Technischen Bild“ am Hermann-von-Helmholtz-Zentrum für Kulturtechnik gemacht.

Die ersten Projekte starten im November mit den ersten 26 Forschern. Kooperationen mit Künstlern sind ebenso geplant wie mit den Verlagen alter zoologischer Handbücher. Darüber hinaus will sich der Cluster, der sich als eine „Forschung über die Forschung“ versteht, ständig selbst bei der Arbeit beobachten und die Erkenntnisse gleich wieder in den Wissenskreislauf einspeisen. Fünf Jahre lang wird der Cluster mit insgesamt 28,4 Millionen Euro gefördert. Fotopreise für die schönsten Mondlandschaften sind im Budget bislang nicht vorgesehen.Sarah Schaschek

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