• Exzellenzinitiative und wissenschaftlicher Nachwuchs: "Die Wissenschaft braucht mehr als Reförmchen"

Exzellenzinitiative und wissenschaftlicher Nachwuchs : "Die Wissenschaft braucht mehr als Reförmchen"

Wie geht es weiter mit der Exzellenzinitiative? In der Neuauflage sollten auch Unis gefördert werden, die im Transfer oder in der Lehre exzellent sind, schreibt Hubertus Heil (SPD) in einem Meinungsbeitrag für den Tagesspiegel.

Hubertus Heil
Studierende sitzen im Hörsaal.
Neue Perspektiven. Mit dem Nachwuchspakt von Bund und Ländern sollten nicht nur Tenure-Track-Professuren finanziert, sondern auch...Foto: picture-alliance/ ZB

In der deutschen Wissenschaftspolitik stehen große Entscheidungen an: Mit der Fortsetzung der Exzellenzinitiative für Spitzenhochschulen und der Aussicht auf einen Bund-Länder-Pakt für den wissenschaftlichen Nachwuchs ergeben sich für das gesamte Hochschulsystem neue Chancen. Sie werden weitreichende Auswirkungen haben auf Hochschulen und ihr Renommee sowie auf die Menschen, die in der Wissenschaft arbeiten, lernen, forschen und lehren.
Beide Großprojekte bieten für Bundesministerin Johanna Wanka die Chance, Spuren im Wissenschaftssystem zu hinterlassen, die weit über ihre Amtszeit hinaus sichtbar bleiben. Ihren Amtsvorgängerinnen Edelgard Bulmahn und Annette Schavan gelang das jeweils mit der Exzellenzinitiative und dem Hochschulpakt. Von beiden Weichenstellungen profitiert die Wissenschaft noch heute.

Es reicht nicht, nur Bewährtes zu verlängern

Damit Ähnliches jetzt gelingt, muss Frau Ministerin Wanka ihren Gestaltungsauftrag jetzt auch entschlossen annehmen. Wer Innovationen in der Wissenschaft fördern will, muss selbst innovativ sein und darf sich nicht mit halbherzigen Reförmchen zufrieden geben. Was ist also zu tun, um den Herausforderungen und den hohen Erwartungen in der Wissenschaft gerecht zu werden?

Hubertus Heil,  stellvertretender Fraktionsvorsitzender der SPD-Bundestagsfraktion.
Hubertus Heil,  stellvertretender Fraktionsvorsitzender der SPD-Bundestagsfraktion.Foto: Thilo Rückeis

Beim ersten Projekt der Fortsetzung der Exzellenzinitiative muss der Bund einen stärkeren Innovationsimpuls setzen. Es reicht nicht, nur Bewährtes zu verlängern. Der Erfolg der Initiative liegt vor allem in der Reformdynamik, die sie in der gesamten Hochschullandschaft ausgelöst hat. Es gibt keine Universität, die sich nicht auf den Weg gemacht hat, ihr Profil zu schärfen und neue Kooperationschancen zu suchen. Um dieses Reformmoment zu erhalten, müssen zwei Dinge gelingen: Zum einen müssen erfolgreiche Projekte eine neue Perspektive erhalten. Die Exzellenzcluster, in denen die eigentliche Spitzenforschung stattfindet, sind und bleiben das Herzstück der Initiative. Sie fortzusetzen und hier den Großteil der Mittel zu investieren, ist völlig richtig.

Nicht nur Hochschulen, sondern auch ihre Verbünde direkt fördern

Zum anderen müssen aber auch innovative Impulse gesetzt werden und der Bund muss gerade an dieser Stelle vorangehen. Es gilt: mehr Exzellenz zu wagen. Deshalb wollen wir endlich den neuen Artikel 91b des Grundgesetzes nutzen und eine dauerhafte Bundesförderung eröffnen. Wir wollen nicht nur Hochschulen, sondern auch ihre innovativen Verbünde direkt fördern. Und nicht zuletzt deshalb wollen wir neben den forschungsstarken Universitäten auch andere in den Blick nehmen, deren exzellente Leistungen in Bereichen des Transfers in Wirtschaft und Gesellschaft, einer guten Lehre oder bei wissenschaftlichen Dienstleistungen liegen. Auch diese Leistungsprofile müssen eine faire Förderchance erhalten, um zusätzliche exzellente Potenziale zu heben. Es ist die Mischung von Bewährtem und Neuem, die die Reformdynamik erhalten kann.

Mehr als ein Mini-Programm mit Tenure-Track-Stellen

Beim zweiten großen Thema, dem Pakt für den wissenschaftlichen Nachwuchs, darf der Bund nicht länger auf der Bremse stehen. Das Bundesbildungsministerium verhandelt hier bisher nur halbherzig und ist lediglich zu einem Mini-Programm für zusätzliche Tenure-Track-Stellen bereit, die eine planbare wissenschaftliche Karriere versprechen. Wenn es dabei bleibt, wird der Pakt nur ein vergängliches Strohfeuer sein. Stattdessen brauchen wir Anstöße, um auch die Personalstrukturen an den Hochschulen grundlegend zu erneuern. Wir brauchen nicht weniger als eine Trendumkehr im Bereich des Mittelbaus mit modernen Personalentwicklungskonzepten. Ziel muss sein, endlich wegzukommen von dem deutschen Sonderweg „Professur oder nichts“.

Anreize für einen neuen Mittelbau setzen

Der Nachwuchspakt ist die Chance, hier Anreize für einen neuen Mittelbau zu setzen. Die Länder Berlin, Bremen, Schleswig-Holstein und Sachsen sehen das auch so und haben in der Arbeitsgruppe der Wissenschaftsstaatssekretäre einen entsprechenden Vorschlag gemacht. Die SPD-Bundestagsfraktion unterstützt diese Initiative. Wir brauchen einen guten Pakt auch als Ergänzung zur Novelle des Befristungsrechts in der Wissenschaft, die wir im Herbst verabschieden werden. Mit dem Gesetz werden wir willkürlichen Befristungen an Hochschulen entgegenwirken. Dieses allein liefe aber leer, wenn nicht auch das Stellenangebot und die Karrierechancen an den Hochschulen konkret verbessert werden.
Die Wissenschaft wartet auf mehr als auf Reförmchen. Wer Innovationen an unseren Hochschulen fördern will, muss selbst innovative Wissenschaftspolitik betreiben. Dazu gehört auch der Mut, bei der Exzellenzinitiative und bei dem Nachwuchspakt die Chancen zu nutzen und nicht länger kleinmutig zu zögern.

Der Autor ist stellvertretender Vorsitzender der SPD-Fraktion im Bundestag.


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