Fehldiagnose Krebs : Spitzenmedizin mit Todesfolge

An einer Uniklinik wird ein Patient falsch diagnostiziert und stirbt. Es zeigt sich: Das Versagen der Ärzte hat tiefere Ursachen.

Michael de Ridder,Lothar Weissbach
Intensive Medizin. Auch hochgerüstete Krankenhäuser machen Fehler – etwa, indem sie sich zu sehr auf Apparate verlassen und dabei Grundregeln der Erkennung und Behandlung von Krankheiten außer Acht lassen. Foto: mauritius images
Intensive Medizin. Auch hochgerüstete Krankenhäuser machen Fehler – etwa, indem sie sich zu sehr auf Apparate verlassen und dabei...Foto: mauritius images

Qualität! – ein Begriff, ohne den unsere westliche Konsumgesellschaft nicht denkbar ist. Ob Fernreise, Tomatenketchup oder Herrensocken – ohne das Siegel der Qualität lässt sich heute kaum mehr etwas an den Mann oder die Frau bringen. Und längst ist auch dort, wo es um unser höchstes Gut geht, die Gesundheit, der Ruf nach Qualität unüberhörbar geworden. Heute versprechen Kliniken, Ärzte, Apotheken und Medizingeräteindustrie wie selbstverständlich höchste Qualität. Ihre Empfänger indes, die Patienten, von vielen Ärzten und Kliniken heute zu „Kunden“ deklariert und als solche beworben, erwarten, dass sie der Zusicherung bestmöglicher Behandlungsqualität auf der Grundlage besten Wissens und Gewissens derer, die sie bereitstellen, vertrauen dürfen.

Was aber bedeutet Qualität in der Medizin? Was sind ihre Kriterien? Klinische Qualitätszirkel, Tumorkonferenzen, Ärztekammern, Krankenkassen, Medizinkongresse und nicht zuletzt Politik und Medien machen sich hierzu seit Jahren Gedanken. Immer wieder wird höhere Qualität gefordert: Sie betrifft schlichtes ärztliches Hygieneverhalten (Händewaschen!) ebenso wie die Unterbewertung sprechender Medizin, die mangelnde Berücksichtigung medizinischer Leitlinien, fehlendes Lernen aus Behandlungsfehlern, den ausufernden ökonomischen Druck auf ärztliche Behandlungsentscheidungen sowie manch andere Faktoren, die auf ärztliches Entscheiden und Handeln Einfluss nehmen.

Tod nach vier Wochen Behandlung

Hier sei am „Fall“ eines Patienten gezeigt, was gute Qualität nicht ist. Es geht um das Schicksal eines Patienten, der sich im letzten Jahr an einer norddeutschen Universitätsklinik einer vierwöchigen Behandlung unterzog, die mit seinem – vermeidbaren – Tod endete.

Karl R. ist 79 Jahre alt, ein rüstiger (Privat-)Patient. Vor vielen Jahren hatte er einen Schlaganfall, es bestehen ein Bluthochdruck und eine koronare Herzerkrankung, der Vorhof seines Herzens flimmert. Ambulante ärztliche Behandlung ermöglicht ihm ein fast normales Leben, er publiziert wissenschaftliche Arbeiten, hält Vorträge.

Das ändert sich schlagartig. Wenige Tage vor seiner Einlieferung in die zentrale Notaufnahme der Universitätsklinik bekommt er plötzlich Fieber; Herr R. fühlt sich unwohl und schwach, geht unsicher und erscheint leicht verwirrt – Symptome, die vielen verschiedenen Krankheiten zugrunde liegen können. Der Hausarzt weist Herrn R. in die Klinik ein.

Eine notwendige internistische Eingangsuntersuchung lassen Arztbrief und Krankenblatt vermissen, dokumentiert sind dagegen zahllose nicht aussagekräftige Blutwerte; eine Untersuchung des Nervensystems ergibt keinen wegweisenden Befund, aus nicht ersichtlichen Gründen wird der Patient dennoch in die Neurologie eingewiesen. Die Ehefrau erhält auf ihre Frage, warum hier über Tage nichts geschehe, die Antwort, es gebe zur Zeit „viele dringliche Fälle, ihr Mann jedoch sei nicht lebensbedrohlich erkrankt“ – ein Urteil ohne ausreichende Grundlage.

Folgenschwerer Fehlschluss: Röntgenärzte diagnostizieren Krebs

Während der folgenden Tage erhält Herr R. nach Einspruch eines ärztlichen Verwandten (!) Antibiotika, gegen bakterielle Krankheitserreger gerichtete Medikamente: Er erholt sich zusehends und kann mit seiner Frau im Park der Klinik spazieren gehen. Der Arztbrief erwähnt eine „deutliche Besserung des Allgemeinzustandes“(!), was eine Infektion als Grunderkrankung mehr als nahelegt, allerdings nicht weiter beachtet wird. Es folgt eine Flut weiterer Blut- und Spezialuntersuchungen, wie EEG (Hirnstromkurve), Entnahme von Rückenmarksflüssigkeit und die Hinzuziehung eines Herzspezialisten. Ein MRT (Magnetresonanztomografie) des Kopfes und ein PET-CT (ein spezielles bildgebendes Verfahren zur Darstellung des Körperinneren) sollen nun weiteren Aufschluss geben. Tatsächlich, im PET-CT zeigen sich mehrere „Herde“ in beiden Lungenunterlappen sowie Veränderungen an den Nebennieren, auch das MRT des Kopfes lässt mehrere auffällige Bezirke erkennen. Die Röntgenärzte stellen daraufhin die niederschmetternde Diagnose eines bereits gestreuten (metastasierten) Bronchialkarzinoms. Der Ehefrau wird mitgeteilt, „dass es schnell gehen werde, bald werde sich eine Verwirrtheit einstellen und mit mehr als sechs Monaten solle sie nicht rechnen“.

Man empfiehlt eine Nadelbiopsie (Gewebeentnahme) der auffälligen Bezirke in der Lunge. Während der Untersuchung kommt es zu einem Zwischenfall. Herr R. kollabiert, Puls- und Blutdruck sind vorübergehend nicht messbar, Luft tritt in die linke Herzkammer und die große Körperschlagader ein. Die für erfolgreich erklärte Punktion der Lungenherde weist jedoch kein Tumorgewebe auf. Deshalb entschließt man sich zu einer Thorakoskopie, bei der in den Brustkorb eine Optik eingeführt wird, um Zellmaterial aus einem der verdächtigen Lungenbezirke für eine erneute Untersuchung zu gewinnen. Während dieser Operation kommt es zweimal zum Herzflimmern, der Patient muss wiederbelebt werden. Nach seiner Stabilisierung entschließt man sich zu einer Öffnung des Brustkorbs zwecks Entnahme des verdächtigen Lungengewebes. Dessen mikroskopische Untersuchung zeigt wiederum kein Tumorgewebe. Jetzt wird der Patient, künstlich beatmet, auf die Intensivstation übernommen. Eine erneute Wiederbelebung wird notwendig. Schließlich dringt man darauf, die Herzkranzgefäße zu untersuchen (Koronarangiografie). Der Patient, geschwächt und erschöpft, lehnt diese ab, ebenso seine Ehefrau. Ihr Vertrauen in die behandelnden Ärzte ist dahin. Wenig später führen erneute Herzrhythmusstörungen wiederum zu Wiederbelebungsmaßnahmen. Sie bleiben erfolglos.

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