Wissen : Forschen ohne Kinder

Hochschulen sollen familienfreundlicher sein

Ann-Kathrin Nezik

Wissenschaftlerinnen, die neben Experimenten im Labor und dem Einwerben von Drittmittelprojekten eine Familie gründen, sind zwar nicht ganz so selten wie Bundesministerinnen, die während ihrer Amtszeit ein Kind bekommen. Dennoch sind sie die Ausnahme: 75 Prozent aller wissenschaftlichen Mitarbeiterinnen an deutschen Hochschulen haben keine Kinder, so das Ergebnis einer Studie der TU Dortmund. Auch die männlichen Kollegen sind zu 72 Prozent kinderlos.

Über die möglichen Ursachen der hohen Kinderlosigkeit unter Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern – und was Hochschulen und Politik dagegen tun könnten – diskutierten jetzt Vertreter der Berliner Universitäten mit Wissenschaftssenator Jürgen Zöllner (SPD) in der Humboldt-Universität. Eines der größten Hindernisse für Nachwuchsforscher mit Kinderwunsch seien die in der Regel befristeten Verträge, darüber waren sich die Hochschulvertreter einig. „Wissenschaftler stecken oft über Jahrzehnte in unsicheren Arbeitsverhältnissen“, sagte Ursula Fuhrich-Grubert, Gleichstellungsbeauftragte der Humboldt-Universität. Sie forderte mehr unbefristete Verträge, insbesondere bei Juniorprofessuren.

Wissenschaftssenator Zöllner hielt dagegen: Zwar seien Verträge von weniger als drei Jahren „widersinnig“, befristete Arbeitsverhältnisse im akademischen Mittelbau aber grundsätzlich wünschenswert. Die Sorgen kinderloser Wissenschaftler würden unbefristete Arbeitsverträge ohnehin nicht lösen: „Stellen im Mittelbau würden dann einfach viel seltener frei“, sagte Zöllner. Statt den Hochschulen Vorschriften aufzuerlegen, solle die Politik lieber deren Eigeninteresse wecken. „Wenn die Entscheider in den Universitäten wissen, es gibt Geld, wenn sie familienfreundlicher werden, ist das ein attraktiver Anreiz“, sagte Zöllner und verwies auf die Berliner Hochschulverträge, die Frauenförderung finanziell belohnen.

Wie stark ist das Bewusstsein für die Vereinbarkeit von Familie und Karriere an den Hochschulen ausgeprägt? „Es wird von Wissenschaftlern erwartet, dass sie rund um die Uhr verfügbar sind“, sagte Peter Ruhenstroth-Bauer, Vorsitzender des Berliner Beirats für Familienfragen. Es müsse zur Regel werden, dass wichtige Besprechungen vor 17 Uhr stattfinden. Ursula Fuhrich-Grubert forderte mehr Flexibilität bei der Besetzung von Professuren. Anstatt allein auf die Anzahl der Veröffentlichungen zu schauen, sollten Kommissionen andere Kriterien, wie die Gründung einer Familie, berücksichtigen.

Die Besucher der Veranstaltung – in der überwiegenden Mehrheit weiblich – beschäftigten praktische Probleme: Was mache ich, wenn die Kita schließt und ich noch an der Uni bleiben muss? Warum liegen die Schulferien in Berlin außerhalb der Semesterferien? Bei der Kinderbetreuung sind die Unis bemüht, ihre Mitarbeiter mit Kind stärker zu unterstützen. Die FU bietet einen Notfall-Betreuungsservice an: Bei spontan einberufenen Besprechungen etwa werden die Kinder zu Hause betreut, sagte Sabrina Kusch vom Familienbüro der FU. Einer Abstimmung der Schulferien mit den Semesterferien gab Zöllner dagegen keine Chance: „In meiner Politikerlaufbahn habe ich nichts erlebt, dass so konfliktbesetzt und umkämpft war wie die Rechtschreibreform – und die Verlegung der Schulferien.“ Ann-Kathrin Nezik