Forscher machen Embryonen resistent gegen HIV : Die Optimierung des Menschen

Das Erbgut von Embryonen mithilfe von Gen-Scheren zu verändern, ist nicht mehr tabu. Zumindest in der Grundlagenforschung. Wir müssen jetzt genauer definieren, wo die rote Linie in Zukunft verlaufen soll. Ein Kommentar.

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Ganz am Anfang. Auf dem Bildschirm ist ein fünf Tage alter menschlicher Embryo zu sehen.
Ganz am Anfang. Auf dem Bildschirm ist ein fünf Tage alter menschlicher Embryo zu sehen.Foto: dpa

Bisher ist es eine Lotterie. Ein paar Glückliche haben von Vater und Mutter eine Veränderung geerbt, die sie zeitlebens vor einer HIV-Infektion bewahrt. In ihrem Gen CCR5 fehlen 32 Buchstaben. Eine Andockstelle auf ihren T-Helferzellen ist dadurch so verformt, dass der Aidserreger sie nicht befallen kann. Sie sind von Natur aus gegen HIV resistent. Wäre es nicht erstrebenswert, wenn Eltern diesen Schutz für ihr Kind wählen könnten?

Ein Team um den chinesischen Stammzellforscher Yong Fan von der Medizinischen Hochschule in Guangzhou hat ausprobiert, ob das möglich ist. Wie die Wissenschaftler nun im Fachblatt „Journal of Assisted Reproduction and Genetics“ berichten, haben sie im Laufe des Jahres 2014 versucht, bei 26 Embryonen das CCR5-Gen mithilfe einer Gen-Schere namens Crispr zu redigieren. Dieses „Gene Editing“ funktionierte in vier Fällen. Im Erbgut der anderen Embryonen gab es zwar Veränderungen – allerdings an Stellen, die nicht beabsichtigt waren.

Der Konsens ist bisher zu vage formuliert

Es ist das zweite Mal weltweit, dass das Ergebnis solcher Experimente veröffentlicht wird. Der Aufschrei blieb aus. Schließlich verstoßen die Chinesen nicht gegen den vage formulierten Konsens, der seit einem internationalen Forschergipfel im Dezember letzten Jahres gilt. Demnach soll kein Crispr-Baby ausgetragen werden. Die Technik sei noch viel zu unsicher, um in die Keimbahn des Menschen einzugreifen, und die Debatte in der Öffentlichkeit nicht weit genug. Für die Grundlagenforschung gibt es jedoch kein Moratorium. So hat ein Team um Kathy Niakan vom Francis-Crick-Institut in London bereits Ende Januar die Erlaubnis der britischen Behörden bekommen, das Erbgut von Embryonen mit Crispr zu verändern. Niakan will ein Gen nach dem anderen ausschneiden, um die allerersten Stadien menschlicher Entwicklung besser zu verstehen – und damit die Ursachen für Unfruchtbarkeit oder Fehlgeburten.

Auf den ersten Blick haben die Versuche in China und Großbritannien viele Gemeinsamkeiten. Beide Teams arbeiten mit befruchteten Eizellen, die Eltern freiwillig und nach ausführlicher Aufklärung gespendet haben. Beide Studien wurden von einer Ethikkommission abgesegnet. Beide haben Ziele, die durchaus nachvollziehbar sind. Alle Embryonen werden nach den Experimenten zerstört und nicht etwa einer Frau eingepflanzt. So weit, so gut.

Während ihr über Ethik streitet, perfektionieren wir die Technik

Gleichzeitig zeigen sie, dass die internationale Diskussion um Embryonen mit redigiertem Erbgut nach wie vor hinter den Tatsachen herhinkt. Denn Grundlagenforschung ist nicht gleich Grundlagenforschung. Kathy Niakan will biologische Prozesse der embryonalen Entwicklung nachvollziehbar machen. Die Ergebnisse sind etwas für die Lehrbücher, eventuell helfen sie in Zukunft bei ganz normalen Kinderwunschbehandlungen.

Die Chinesen dagegen schreiben: „Wir glauben, dass jeder Versuch, genetisch veränderte Menschen durch eine Modifikation von Embryonen zu erzeugen, strikt verboten sein sollte, bis wir die ethischen und wissenschaftlichen Probleme ausräumen können.“ In der Zwischenzeit seien Versuche wie ihre wichtig. Das heißt im Klartext: Momentan ist das Redigieren der Gene nicht sicher genug. Aber solange ihr über die Ethik streitet, perfektionieren wir schon mal die Technik und beweisen, ob es im Prinzip möglich ist.

Eine rote Linie wird neu gezogen

Noch bemerkenswerter: Ihr Ziel ist es nicht etwa, Embryonen von extrem schweren Erbkrankheiten wie Chorea Huntington zu befreien. Schon das ist ethisch umstritten. Mit CCR5 und dem damit verbundenen HIV-Schutz geht es um eine Verbesserung des Erbgutes, die potenziell für alle Eltern attraktiv ist, die genug Geld haben und sich mit der Technik anfreunden können. Von dort bis zum „Designerbaby“ ist es nicht mehr allzu weit.

In Deutschland sind solche Experimente nicht denkbar. Trotzdem sollten wir uns stärker als bisher an dem internationalen Dialog beteiligen. Eine rote Linie, die alle angeht, wird gerade neu gezogen. Wenn es zumindest in der Grundlagenforschung nicht mehr tabu ist, am Erbgut von Embryonen herumzuschneiden, dann müssen die Ziele solcher Experimente genauer definiert werden. Und zwar nicht nur von Forschern. Sonst müssen wir uns nicht wundern, wenn eines Tages eine Klinik in China, Israel oder irgendwo anders auf der Welt Crispr-Babys anbietet. Obwohl das doch angeblich niemand wollte.

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