Forschung an Berlins Fachhochschulen : Der Waschmaschine ihre Geheimnisse entreißen

Die Fachhochschulen in Berlin wollen mehr forschen –gerne gemeinsam mit Firmen aus der Region. Ein Projekt untersucht Waschmaschinen, mit dem Ziel, den Waschgang zu optimieren.

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Wo ist die Socke? Forscher untersuchen den „Wäschefall“ in der Trommel.
Wo ist die Socke? Forscher untersuchen den „Wäschefall“ in der Trommel.Foto: picture alliance / dpa

Eine Waschmaschine in Aktion bietet ein großes Spektakel. Wohl deshalb haben die Ingenieure regulär ein Bullauge eingeplant. Die Benutzer können zusehen, wie ihre Jeans und Socken in seifigen Fluten auf- und niederwirbeln, bis die nasse Masse in atemberaubender Geschwindigkeit im Kreis geschleudert wird. Über 100 Jahre Erfahrung sind in die moderne Waschmaschine eingegangen, sie ist leiser geworden und spart immer mehr Wasser und Energie, während sie immer sauberer wäscht. Dennoch ist vieles, was in der Trommel passiert, bis heute nicht geklärt. Die Abläufe sind dermaßen komplex, dass sie erst im Ansatz erforscht sind.

Ulrich Bauer, Professor für Textiltechnik an Berlins Hochschule für Technik und Wirtschaft (HTW), und Joachim Villwock, Professor für Ingenieurwissenschaften an der Berliner Beuth-Hochschule, sind dabei, den „Wäschefall“ verschiedener Stoffarten unter unterschiedlichen Waschbedingungen systematisch zu klären. Das Ziel ist, den Waschgang weiter zu optimieren. In ihrem Projekt „Aspekte der Dynamik von Wäsche in der bewegten Trommel (DynTexTro)“, das von Siemens und Bosch unterstützt wird, simulieren die Wissenschaftler die Abläufe im Computer und kontrollieren die Ergebnisse dann in Testmaschinen: „Der Fall der Wäsche von oben nach unten folgt Gesetzen“, sagt Bauer. Diese gelte es zu durchschauen. Sei dies einmal gelungen, könne die Waschmaschine vielleicht sogar mit weniger Programmen auskommen als bislang. Womöglich könne sogar das alte Rätsel des Verschwindens einzelner Socken in der Trommel gelöst werden.

Braun und Villwocks „DynTexTro“ gehört zu den ersten Projekten des Berliner „Instituts für angewandte Forschung e. V. (IFAF)“. Das IFAF soll Unternehmen, besonders kleine und mittlere, sowie Non-Profit-Einrichtungen der Stadt mit Fachhochschulen (FHs) zusammenbringen. Die FHs haben das IFAF dem Land Berlin im Jahr 2009 abgetrotzt, nachdem der damalige Wissenschaftssenator Jürgen Zöllner (SPD) für die Forschung der Unis die viele Millionen schwere Einstein-Stiftung erfunden hatte. Die FHs pochten darauf, dass auch ihre Forschung eine eigene Fördereinrichtung bekommt, sagt Friedrike Maier, Vizepräsidentin für Forschung und Wissenstransfer der Hochschule für Wirtschaft und Recht (HWR) und stellvertretende Vorsitzende des IFAF. Das sah der Senator ein. Jährlich fließen zwei Millionen Euro ins IFAF, eine Million als fester Zuschuss, die andere Million müssen die vier staatlichen Berliner FHS vom Land einwerben.

Über das IFAF sollen die Hochschulen nun nicht nur neue Kontakte zu Firmen finden, sie sollen auch enger miteinander kooperieren, um ihre Kraft in der Forschung zu bündeln. Immer zwei Hochschulen müssen sich mit einem Partner aus der Region für ein Projekt zusammentun. Die Hochschulen hoffen, dank ihrer wachsenden kritischen Masse auch häufiger große Drittmittelprojekte, etwa von Bundesministerien, einwerben zu können.

IFAF-Projekte sind in vier Feldern möglich: Informatik, Ingenieurwissenschaften, Integration und Gesundheit oder Wirtschaft und Verwaltung. 30 Projekte sind über das IFAF schon angestoßen worden, die Themen reichen von „Alternde Gesellschaft“ über „Medizinische Diagnostik“ bis zu „Unternehmensgründung“. Dafür, dass wirklich ein relevantes Problem erforscht wird, soll die Auswahl der Projekte sorgen. Im Kuratorium, das die Entscheidung über die Anträge auf Basis von peer reviews trifft, sitzen neben den vier Hochschulen Vertreter der IHK, der Handwerkskammer, des DGB, der Berliner Unternehmensverbände und der Paritätischen Akademie. Von den gestellten Anträgen sind 30 bis 40 Prozent erfolgreich, heißt es aus der IFAF.

Eigentlich soll der erste Anstoß für die Erforschung eines „konkreten gesellschaftlichen Themas“ oder eines Problems, das ein oder mehrere Unternehmen umtreibt, von außen an die Hochschulen herangetragen werden. Das klappt bei Riesen wie Bosch oder der Deutschen Bahn, die sowieso gute Kontakte zu den Hochschulen haben, leichter. Kleinere und mittlere Unternehmen, an die sich die IFAF besonders richten will, tun sich schwerer: „Oft ist gar nicht bekannt, dass man ganz leicht mit uns in Kontakt kommen kann“, sagt Matthias Knaut, Vizepräsident für Forschung und Internationales der HTW und Vorstandsvorsitzender des IFAF. Die Hochschulen würden sich über wirkliche Forschungsfragen aus der Praxis freuen, gerade die Studierenden wollten lieber Probleme lösen, die nicht rein akademisch seien, sondern wirklich existierten.

Rund 160 Studierende waren oder sind an IFAF-Projekten als Hilfskräfte beteiligt, manche entwickeln dabei ihre Themen für die Abschlussarbeit oder sogar für die Dissertation. Mit der Einführung der Masterstudiengänge ist das Publikum an den FHs inzwischen „bunt gemischt“, sagt Vizepräsidentin Maier. Viele Studierende würden inzwischen erwarten, auch an einer FH forschend zu lernen – ein Anspruch, der den FHs helfe, forschungsorientierter zu werden. Die an IFAF-Projekten beteiligten Firmen ergreifen die Chance, Prototypen oder Funktionsmuster zu erstellen und neue oder verbesserte Produkte auf den Markt zu bringen, wie eine Umfrage unter den Partnern des IFAF ergab.

Die IFAF will mit ihrer Veranstaltung „Vier suchen das Superprojekt“ am 22. Mai neue Partner gewinnen. Beim Speeddating im Ludwig-Erhard-Haus warten zahlreiche Professoren auf Kontakte zu Unternehmen, es sprechen Werner Gegenbauer, der Vorsitzende des IFAF-Kuratoriums, und Berlins Staatssekretär für Wirtschaft, Technologie und Forschung, Guido Beermann. Anja Kühne

Anmeldung im Internet unter:

www.ifaf-berlin.de

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