Forschung : Böse Bonobos?

Sex statt Gewalt – so war das Image der Zwergschimpansen bisher. Doch die Hippies unter den Affen jagen und fressen andere Primaten.

Dagny Lüdemann
Bonobos
In Gefahr. Um Rohstoffe zu gewinnen, erschließt der Mensch den Regenwald. Das bedroht auch den Lebensraum der Bonobos. -Foto: AFP

Bonobos haben ein besonders ausgeprägtes Sozialverhalten und lösen Konflikte ohne Gewalt. Wenn es in der Gruppe Ärger gibt, zeigen sie Sexualverhalten anstatt aufeinander loszugehen. Deshalb werden die Zwergschimpansen (Pan paniscus) gerne als die besseren Menschen verklärt oder als sexbesessene Primitivlinge abgestempelt.

Doch nun ist es vorbei mit dem Hippie-Image der Bonobos: Forscher vom Max-Planck-Institut für evolutionäre Biologie in Leipzig haben nämlich einige dieser Tiere im afrikanischen Regenwald dabei ertappt, wie sie Jungtiere anderer Affenarten erbeutet haben. Ihre Beobachtungen beschreiben die Wissenschaftler im Fachblatt „Current Biology“ (Band 18, Seite R906).

„Dass Bonobos Affenfleisch fressen, wussten wir bereits“, sagt Gottfried Hohmann, Leiter des Bonobo-Forschungsprojekts in der Demokratischen Republik Kongo. In einer Kotprobe hatte sein Team den Daumen eines Affen gefunden. „Da mussten wir nicht mehr viel analysieren.“ Doch bislang war unklar, ob die Zwergschimpansen neben Eichhörnchen und Halbaffen auch andere Primaten erlegen – oder ob sie diese großen Beutetiere nur bei anderen Räubern stibitzen.

Im Solonga-Nationalpark südlich des Kongo-Flusses wurden die Leipziger Forscher nun gleich mehrmals Augenzeugen der Jagd auf Primaten: „Sobald die Bonobos eine Affenhorde in den Baumkronen entdeckt haben, wird es ganz still in der Gruppe“, erzählt Hohmann. „Die Zwergschimpansen schauen nach oben und schleichen sich langsam unter die Beute.“ Drei oder vier Bonobos postieren sich an den Baumstämmen. Plötzlich, wie auf Kommando, hasten sie alle gleichzeitig nach oben – und einer greift sich einen Affen. „Wer das Startsignal gibt, konnten wir noch nicht herausfinden“, sagt der Zoologe. In drei Fällen erbeuteten die Bonobos junge Weißnasenmeerkatzen. Zweimal versuchten sie eine Wolf-Meerkatze zu bekommen, aber diese Tiere sind flink und konnten entwischen.

Ihre Beute töten die Bonobos nicht mit einem gezielten Biss, sondern fressen sie bei lebendigem Leibe auf. „Sie beißen meist zuerst in den Bauch und holen die Eingeweide heraus“, beschreibt Hohmann das Fressverhalten.

Heißt das, die Bonobos sind in Wahrheit besonders grausam und fressen vor allem wehrlose Jungtiere? „Nein“, sagt Gottfried Hohmann. Das Verhalten von Tieren lasse sich nicht nach menschlichen Maßstäben beurteilen. „Löwen lähmen ihre Beute auch nicht mit einem gezielten Biss in den Nacken, damit sie weniger leidet, sondern weil der Kraftaufwand für die Raubkatzen zu groß wäre, einen wehrhaften Büffel zu Fall zu bringen.“ Bonobos würden auch einen erwachsenen Affen fressen. „Jungtiere sind für sie einfach die leichtere Beute“, erklärt der Primatenforscher.

Seit sechs Jahren beobachtet das Leipziger Team die Bonobos. In dieser Zeit wurde eine Gruppe von knapp 35 Tieren an ihre ständigen Begleiter gewöhnt, darunter Diplomanden, Doktoranden und der Teamleiter selbst. „Seit etwa einem Jahr ist diese Bonobo-Gruppe so gut an uns gewöhnt, dass sie sich nicht mehr stören lässt und wir Daten über ihr Verhalten erheben können.“

Die neuen Erkenntnisse über das Jagdverhalten der Bonobos ändern aber nichts an der besonderen Stellung, die sie durch ihr Sozialverhalten unter den Primaten einnehmen. Denn anders als bei Schimpansen, gibt es bei ihnen keine Männerherrschaft. Auch wenn die Bonobo-Weibchen kleiner und körperlich unterlegen sind, können sie einem Männchen Futter abjagen, indem sie sich zusammenschließen. Und auch auf der Jagd sind weibliche Tiere dabei. „Unsere Beobachtungen widerlegen die in der Biologie verbreitete Annahme, dass männliche Dominanz die Voraussetzung für aggressives Jagdverhalten ist“, sagt Hohmann.

Und die Tatsache, dass Bonobos in der Lage sind, durch ihr ausgeprägtes Sexualverhalten innerhalb der Gruppe für Frieden zu sorgen, heißt eben nicht, dass sie deshalb anderen Arten gegenüber keine Gewalt anwenden. Dennoch wäre es falsch, aus den „Hippie-Affen“ jetzt „Horror-Affen“ zu machen. „Sie fressen in erster Linie Früchte und Blätter“, sagt der Primatenforscher. Die Jagd auf Verwandte ist die Ausnahme.

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