Forschung : Die Sintflut – ein Rinnsal

Das Alte Testament und frühere Forschungen irren: Die große Sintflut mit tosenden Wassermassen ins Schwarze Meer hat es nie gegeben.

Michael Zick

"Wir sehen keinerlei Anzeichen für eine katastrophale Flut, wie sie immer wieder behauptet wird." Mit diesem nüchternen Resümee seiner langjährigen Forschungen eröffnet Liviu Giosan die vielleicht letzte Debatte um die seit Jahren postulierte Sintflut am Schwarzen Meer. Nach den neuen Untersuchungen des Geologen von der Woods Hole Oceanographic Institution bei Boston ist das Mittelmeer via Bosporus langsam, über viele Jahre hinweg ins Schwarze Meer geschwappt und nicht urplötzlich mit der Gewalt von 200 Niagarafällen hineingeschossen. Eine solche Naturkatastrophe biblischen Ausmaßes hatten die beiden US-Meeresgeologen Walter Pitman und William Ryan (Lamont-Doherty Earth Observatory, Palisades) 1996 medienträchtig postuliert ("Sintflut", Lübbe Verlag).

Unbestritten stiegen - mit Unterbrechungen - seit rund 12 000 Jahren die Weltmeere mit dem Abschmelzen der globalen Eispanzer an. Um wie viel ist schon wieder strittig, die Berechnungen gehen von einigen bis zu 130 Metern. Sicher ist, dass das Süßwasser des ehemals binnenländischen Schwarzen Meeres irgendwann von salzigem Mittelmeerwasser überlagert und verdrängt wurde: In den Sedimenten des Schwarzen Meeres fanden Wissenschaftler sowohl Süßwasser- als auch Salzwassermuscheln. Und evident ist, dass Schwarzes und Mittelmeer heute durch den Bosporus miteinander verbunden sind.

Eine charmante These, doch nicht unbedingt korrekt

Forschung am und im Schwarzen Meer war jahrzehntelang sowjetische Domäne, erst mit dem Ende der Sowjetunion konnten auch andere Wissenschaftler dort arbeiten. Dabei orteten 1996 William Ryan und Walter Pitman unterseeische Strandlinien, die ihnen bewiesen, dass der Seepegel vor Jahrtausenden um 170 Meter tiefer lag. Aus ihren Bohrungen, den unstrittigen Ingredienzen und uralten Untergangssagen mixten die beiden Forscher ihren Beleg für die Sintflut am Schwarzen Meer. 40 Tage und Nächte lang wollte Gott es regnen lassen, so erzählt das Alte Testament die sumerische Original-Sintflutsaga nach, und alles Lebendige vertilgen.

Das Mittelmeer, so unterfüttern Ryan und Pitman die Legende wissenschaftlich, stieg durch das globale Schmelzwasser so gewaltig an, dass es die Felsenbarriere des Bosporus durchbrach und vor 7600 Jahren mit unvorstellbarer Wucht ins tiefer gelegene Schwarze Meer schoss: jeden Tag die Menge des heutigen Bodensees. Binnen kürzester Zeit überschwemmte die Flut 100 000 Quadratkilometer (mehr als das Doppelte der Fläche der Schweiz) fruchtbarstes Kulturland und vertrieb Hunderttausende von Siedlern. Suggestiv erzählen Ryan und Pitman: "Als die Menschen die Uferregionen des Schwarzen Meeres schon längst verlassen hatten, stieg die Flut immer noch weiter an. Tag für Tag wälzte sich das Wasser mit unverminderter Kraft durch den Bosporus. Zwölf Monate lang tosten die Fluten unvermindert weiter, bis der See um 55 Meter angestiegen war. In den nächsten zwölf Monaten stieg der Wasserspiegel noch um weitere 30 Meter." Das Schwarze Meer hob sich also um insgesamt 85 Meter.

"Da gab es nie eine große Flut"

Die dramatische Sintflut-Theorie der beiden Meeresgeologen hatte durchaus wissenschaftlichen Charme, weil sie stimmige Einzelbefunde verarbeitete, sie stand jedoch immer in der Diskussion, wobei heftige Kritik überwog. So konnte 2002 zum Beispiel Teofilo Abrajano vom Rensselaer Polytechnic Institute in New York in seinen C14-datierten Proben aus den Sedimenten des Schwarzen Meeres keine chaotischen Strukturen erkennen, die auf plötzlich und gewaltig einströmendes Wasser schließen ließen. Und die beiden deutschen Meeresforscher Christian Borowski (Max-Planck-Institut für Marine Mikrobiologe, Bremen) und Helge Arz (Geoforschungszentrum Potsdam) fanden bei ihren Bohrungen im Schwarzen Meer 2007 salzhaltige Sedimente, die mindestens 100 000 Jahre alt waren. Borowski: "Unsere Daten belegen, dass das Naturschauspiel der Überflutung mit Meerwasser wiederholt stattgefunden hat." Und Valentina Yonko-Hombach (Avelon Institute of Applied Science, Kanada) liest aus ihren Sedimentproben, dass schon vor 9500 Jahren Salzwasser ins Schwarze Meer geflossen sei, allerdings gemächlich: mit drei Zentimetern pro Jahrhundert. Yonko-Hombach: "Die Sintflut-Theorie ist ein Mythos."

"Da gab es nie eine große Flut", sagt nun auch Liviu Giosan, "wir können beweisen, dass so etwas unmöglich war." Der Geologe stellte seine Untersuchungen in der Januarausgabe der Fachzeitschrift "Quaternary Science Reviews" vor. Er wählte einen neuen Weg und untersuchte nicht Meeresbodensedimente, sondern die ebenfalls jahrtausendealten Ablagerungen im Donau-Delta. Die "Strandlinien" und "Dünen" am Meeresboden bergen für die Forscher eine Menge Fallstricke, weil kein Wissenschaftler sicher sagen kann, ob und wie unterseeische Erosion und Strömungen die vorgeschichtlichen Bodenschichten gemischt haben. Das kompakte Delta eines Flusses birgt diese Gefahr nicht. Giosan bohrte sich durch 42 Meter Delta-Ablagerungen und kann an den klar abgegrenzten und datierbaren Schichten die Höhe des Meeresspiegels vor und nach der Flut fixieren. Kronzeugen sind ihm Venusmuscheln in seinen Bohrkernen, bei denen er in einem komplexen Verfahren nachweisen kann, dass sie an Ort und Stelle gelebt haben und gestorben sind, also nicht verfrachtet wurden.

Daraus kann er ablesen, dass der Meeresspiegel zur Zeit der Ryan'schen Sintflut nur 30 Meter unter dem heutigen Niveau lag und nicht 170 Meter. Demnach stieg der Meeresspiegel damals auch nicht um 85 Meter, sondern um maximal 10 Meter - kein ausreichendes Gefälle also für eine tosende Sintflut. Dementsprechend wurden auch nicht 100 000 Quadratkilometer geflutet, sondern nur 2000 - und das ganz gemächlich. Paläo-Umweltforscher Tony Brown von der britischen Universität Southampton resümiert, wenig kollegenfreundlich: "Giosans Untersuchungen sind ein weiterer Sargnagel für Ryans Sintflut-Theorie."

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