Forschungsprojekt über Primatenforscherinnen : Unterdrückte Affenliebe

Sie arbeiten und leiden mit bedrohten Orang-Utans auf Borneo. Jetzt werden die Primatologinnen selber zum Forschungsobjekt.

Oliver Lubrich
Zwei junge Frauen mit Orang-Utan-Babys auf dem Arm stehen vor Schubkarren, in denen weitere kleine Orang-Utans sitzen.
Emotionale Herausforderungen. Nicht nur die Pflegerinnen – hier in einer Orang-Utan-Auffangstation auf Borneo – entwickeln Gefühle...Foto: Christiane Oelrich/picture-alliance/dpa

An einem Schlagbaum neben der Landstraße beginnt die Auffangstation für Orang-Utans von Pasir Panjang auf Borneo. Schilder warnen, dass es verboten ist, Fotos oder Filmaufnahmen zu machen. Hunderte Menschenaffen sind auf dem Gelände untergebracht. Unter der Leitung der Primatologin Biruté Galdikas werden sie versorgt, nachdem ihre Waldgebiete abgeholzt und sie selbst davor gerettet worden sind, als Haustiere verkauft zu werden. Die Einheimischen bezeichnen die Station als „Klinik“.

Eine Pflegerin sagt, sie empfinde für die Äffchen wie eine Mutter

Viele Affen leben einzeln in Käfigen. Ein älteres Männchen gurgelt hinter Gittern dumpfe Revierlaute hervor, die ihre natürliche Funktion schon vor Jahren verloren haben. Auf einem Spielplatz in einer Lichtung üben Waisentiere das Klettern. Eine Pflegerin sagt, sie empfinde für die Äffchen wie eine Mutter. Werden sie jemals wieder in Freiheit leben? Die Aussicht, gesteht sie, sei für die meisten leider gering. „Der Wald ist voll.“ Beziehungsweise das, was von ihm übrig blieb.

Starke Emotionen - zwischen Umweltzerstörung, Tourismus und Artensterben

Wie leben Orang- Utans in ihrer natürlichen Umwelt? Und wie ist es möglich, sie dort zu beobachten? Eine Gruppe von Kulturwissenschaftlern unternahm eine Expedition in den verbliebenen Urwald, um gemeinsam mit Primatologinnen und Ethnologen die Bedingungen der Affenforschung zu studieren: zwischen Umweltzerstörung, Tourismus und Artensterben. Und um dabei herauszufinden, welche emotionalen Herausforderungen Wissenschaftler zu bewältigen haben, die das Verhalten unserer Verwandten in freier Wildbahn erforschen.

Die Affenforscher, die den Tieren möglichst nahe kommen wollen, ohne sich aber von ihrer Empathie mitreißen zu lassen, müssen sich – ebenso wie die Kulturwissenschaftler, die sie bei ihrer Arbeit beobachten – zunächst durch ein vielschichtiges Dickicht schlagen. Denn der Nationalpark Tanjung Puting, in dem einige der letzten Orang-Utans in freier Wildbahn zu finden sind, ist auch das Ziel touristischer Ausflüge. Die Wildnis, die Touristen als authentisch erleben sollen, ist in vielerlei Hinsicht künstlich, und auch die Orang-Utans, die man dort zu sehen bekommt, sind keineswegs „wild“.

Das Aussterben der Orang-Utans gilt als nicht mehr abwendbar

Besucher des Nationalparks werden bereits an der Mole von Kumai mit falschen Tönen eingestimmt. Hinter der Moschee singen die Schwalben. Aber Ihre Stimmen kommen aus Lautsprechern. Sie sollen Artgenossen verleiten, in Gebäuden am Ufer zu nisten, in deren Beton man Löcher eingelassen hat. Die Nester, die dort abgeerntet werden, gelten in China als Delikatesse, der man heilende Kräfte zuschreibt.

Das Hafenstädtchen im indonesischen Teil der Insel Borneo ist der Ausgangspunkt für Bootsfahrten, die in den Nationalpark führen. Familien oder kleine Gruppen unternehmen mehrtägige Fahrten auf hölzernen Kähnen, betreut von Kapitän, Koch, Schiffsjunge und Führern, die von Krokodilen sprechen, von Speikobras und von wilden Bären. Der Mythos der Wildnis ist verführerisch. Die Werbung verspricht „Natur“, „Abenteuer“ und vor allem: Orang-Utans – die asiatischen Menschenaffen, deren Aussterben Fachleute für nicht mehr abwendbar halten.

Für Experten ist es eine deprimierende Forschungssituation

Die Primatologin Katja Liebal von der FU Berlin erklärt, dass die wenigen verbliebenen Waldgebiete inzwischen zu stark fragmentiert sind, als dass das Überleben der Orang-Utans in ihrem natürlichen Lebensraum langfristig möglich wäre. Touristen mögen sich gerne auf ein harmloses Abenteuer einlassen. Doch für die Experten ist es eine deprimierende Forschungssituation.

Die Einfahrt in den Fluss, wo der Nationalpark beginnt, wirkt durchaus malerisch. Seine Ufer säumen buschige Nipapalmen, die hier im Brackwasser gedeihen, wo sich der schmale Strom in die Javasee ergießt. Doch jenseits des Ufers wurde der Urwald großflächig gerodet, um Platz für Plantagen zu schaffen, auf denen Palmöl produziert wird. Man verwendet es in der Herstellung von Treibstoff, Kosmetik und Lebensmitteln.

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