Frauen im neoliberalen Chile : Um Emanzipation ringen

Zu Gast an der FU: Die kanadische Politologin Verónica Schild erforscht den Feminismus in Lateinamerika - und kritisiert neue Bevormundungen von Frauen durch den Staat.

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Die Politologin Veronica Schild an der FU
Bewegt. Verónica Schild hat Wurzeln in Chile. Eines ihrer Schlüsselerlebnisse war der Kampf von Frauen gegen Pinochet.Foto: Georg Moritz

Wissen gehört niemandem, auch feministisches Wissen nicht. Einmal in der Öffentlichkeit kann jeder es nutzen – egal, wofür es diejenigen, die es hervorbrachten, vorgesehen hatten. In Chile beispielsweise gehen feministische Ideale gerade eine zweifelhafte Verbindung mit dem Staat ein. So sieht es zumindest Verónica Schild, die sich als Politologin seit Jahrzehnten mit der Frauenbewegung in Lateinamerika beschäftigt. „Der Staat hat viel vom Feminismus gelernt“, sagt sie, „das ist eine Errungenschaft.“ Nur die Art, wie der Staat feministische Forderungen für seine Zwecke nutzt, gefällt ihr nicht. „Er setzt sie zur Armutsbekämpfung ein – die Frage ist nur, zu welchem Preis?“

Verónica Schild wird diese Frage am 6. November stellen, in ihrer Antrittsvorlesung als erste internationale Gastprofessorin für Geschlechterforschung an der Freien Universität (FU) Berlin. Sie wird erklären, warum sich gerade die liberalen Ideen des Feminismus so leicht vom marktwirtschaftlichen Denken vereinnahmen lassen. Mit „Empowerment“ hat das nur wenig zu tun.

Ihre Antwort wird ungemütlich sein, auch für deutsche Feminismus- und Politikforscher. Denn das, was sie beschreibt, ist keineswegs ein Phänomen des fernen Lateinamerika, es ist auch in Europa zu beobachten. Schild nennt es „neoliberale Regulierung des vermeintlichen Sozialstaates“. Denn die Bedingungen, an die der Staat seine Hilfe knüpft, sind von den Regeln des Marktes bestimmt. Chile mag ein extremer Fall sein, dort gibt es existenzielle Leistungen nur bei „emanzipatorischem“ Verhalten. „Der Staat diktiert, wie man erfolgreich lebt“, sagt Schild. Von hier bis zur Agenda 2010 sei es nicht weit. „Für Deutsche ist das schwer verdaulich, mit ihrem idealistischen Bild vom Staat.“

Schild ist in Berlin nicht unbekannt. Schon 1988 kam sie für das Graduiertenkolleg „Gender und Entwicklung“ des Lateinamerikainstituts an die FU, eine Dissertation über die chilenische Frauenbewegung im Gepäck. Inzwischen lehrt sie an der Western University im kanadischen Ontario, doch sie hat ein zweites Büro in Dahlem. Als Mitglied des 2010 gegründeten Forschungsnetzwerks „Desigualdades“, das sich mit sozialen Ungleichheiten in Lateinamerika beschäftigt, ist sie regelmäßig an der FU. Auch privat ist sie Deutschland verbunden. Schild ist Kanadierin, wurde aber in Chile geboren – die Familie des Vaters hat deutsche, die der Mutter spanische Wurzeln. Die Tochter wuchs zweisprachig auf und verbrachte den Sommer bei der deutschsprachigen Großmutter im Süden Chiles.

Schilds Weg zur Lateinamerika-Forschung führte dennoch über einen Umweg. Als Jugendliche wanderte sie mit ihrer Mutter in die USA aus, beendete dort die High School und studierte Philosophie und Literatur. Für ihre Masterarbeit ging sie nach Toronto und wechselte danach als Doktorandin ins politologische Fach, genauer: in den Bereich Politische Ökonomie von Entwicklungsländern. Es machte nichts, dass sie aus der Philosophie kam. Wichtig waren Kenntnisse der Region und deren Sprache. Schild wählte Lateinamerika mit Schwerpunkt Chile.

1986 reiste sie in die Heimat, um für ihre Dissertation zu recherchieren. Dort herrschte inzwischen Augusto Pinochet. Schild interessierte die Rolle der Medien in der Diktatur. Während ihres Aufenthalts besuchte sie jedoch eine Konferenz, die ihre Karriere verändern sollte. Es ging um die Arbeiterbewegungen im Land, doch als die Kollegen die heldenhaften Aufstände gegen das Regime lobten, wurde Schild nachdenklich. Die anderen ignorierten eine wichtige Statistik: In Chile waren 90 Prozent der Aufständischen weiblich. Auf kommunaler Ebene organisierten Frauen aus dem einfachen Volk Demonstrationen, vor allem aber Suppenküchen und lokalen Handel. Verónica Schild stellte eine Frage, die sie von der Soziologin Dorothy Smith gelernt hatte, die bis heute ihr großes Vorbild ist: „Was passiert, wenn man die Frauen als politische Akteure mit einbezieht?“

Laut Standardliteratur waren die Frauen lediglich in soziale Projekte involviert. Männer hingegen leisteten „echten“ politischen Widerstand, indem sie Reifen anzündeten und auf der Straße marschierten. Schild bezweifelte das. „Wollen die Frauen hier wirklich gemeinsam Zeit verbringen?“, fragte sie. „Müssen wir Politik nicht umfassender definieren?“

So lernte sie die Frauenbewegung kennen. Es dauerte Monate, bis sie Vertrauen zu den Frauen aufbaute. Viele hielten sie für eine Spionin, weil sie fremd war. Schild nennt die Bewegung ausdrücklich Frauenbewegung, nicht feministische Bewegung  – und in diesem Unterschied liegt der Kern ihrer Kritik am neoliberalen Emanzipationsbegriff. Es gab in den 1980ern durchaus Feministinnen in Chile, die die kommunalen Frauen unterstützten. Frauen, die den lokalen Protest anführten, lernten von den Feministinnen und forderten nun ebenfalls gleiche Rechte für Frauen und Männer und Zugang zum Arbeitsmarkt. Schild bezeichnet diese Forderungen als „feministisches Curriculum“.

Die Zusammenarbeit hatte allerdings einen Haken. Schild spricht von einer „pädagogischen Beziehung“ zwischen Mittelklasse-Feministinnen und den Frauen aus dem Arbeitermilieu. Ihre Ziele blieben unterschiedliche. Während Feministinnen auf Individualismus setzten und Arbeit für Frauen forderten, blieb für viele Frauen die Familie zentral. Verstärkt wurde dieser Bruch, als Anfang der 1990er Jahre wieder demokratische Wahlen in Chile stattfanden. Berufliche Möglichkeiten standen vor allem den Frauen aus den ehemaligen feministischen Organisationen offen, während ärmere Frauen wie früher Häuser putzten.

Gleichzeitig wanderte das „feministische Curriculum“ in die Hände des Staates, wenn auch unter neuem Namen: Armutsbekämpfung. Programme wie „Chile Solidario“ richten sich vorgeblich an Familien, zielen aber auf die Mütter. Denn auch in der Entwicklungsforschung hat sich das Bild der Frau geändert. Betrachtete man Frauen lange als rückständig, gelten sie nun als tugendhaft – im Gegensatz zu ihren Männern, die ihr Geld verschwenden. Schild hält das für ein erneut problematisches Geschlechterbild, zumal Frauen nun auch noch für die Überwindung der Armut verantwortlich sind.

Das feministische Vokabular ist noch erkennbar: Frauen können ein besseres Leben wählen, heißt es, als Individuen mit Ausbildung und medizinischer Versorgung. Doch längst nicht alle haben Zugang zu dieser Hilfe, und dort liegt für Schild das Problem. „Medizinische Versorgung sollte ein Grundrecht für alle Frauen sein“, sagt sie. Der Staat müsste das bedingungslos garantieren. Stattdessen knüpft er finanzielle Unterstützung an gynäkologische Untersuchungen. Für Schild hat das nichts mit Frauenrechten zu tun. „Der Staat reguliert damit vor allem ihr Verhalten.“

Die Weltbank jubiliert, weil die Statistiken glänzen und mehr Frauen denn je in Arbeit sind. Dass es häufig schlecht bezahlte und befristete Jobs sind, auch darauf zielt Verónica Schilds Kritik. Völlig ignoriert werde zudem, dass Frauen weiterhin Kindererziehung, Hausarbeit und Pflege übernähmen – ein Überlastungsproblem, das Schild in Deutschland ebenfalls ungeklärt sieht. Sie möchte daher einen Emanzipations-Begriff formulieren, der mehr umfasst als den Zugang zu bezahlter Arbeit. Er soll auch andere Bereiche weiblicher Verantwortung einschließen. „Das heißt nicht, Frauen zurück an den Herd zu schicken. In Wirklichkeit haben sie ihn nie verlassen.“

Schild bietet dafür keine einfachen Lösungen an. Im Gegenteil: „Ich denke darüber nach, was passiert, wenn die Gender Studies zum Mainstream werden.“ Denn in ihren Augen birgt das nicht nur die Gefahr, dass Wissen in die falschen Hände gerät. Zu oft nutzt eine Gender-Professur wie jetzt die ihre vor allem der Universität als Aushängeschild. „Seht, wir tun etwas“ heißt es dann. Ob sich an der Forschung etwas ändert? Auch hier bleibt sie skeptisch.

Die Antrittsvorlesung „Rethinking Gender and Emancipation Beyond Neoliberal Regulation“ findet am 6. November um 18 Uhr im Henry-Ford-Bau der FU statt.

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