Fremdenhass in Deutschland : Rechtsextremismus beginnt in der Mitte der Gesellschaft

Männlich und gebildet: Die Pegida-Gefolgschaft schlägt die Brücke nach rechts außen, schreibt der Historiker Wolfgang Benz in einem Gastbeitrag.

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Pegida-Demo in Dresden. Die Teilnehmer fühlen sich von den gesellschaftlichen Eliten schlecht repräsentiert. Gut gebildete Männer dominieren.
Pegida-Demo in Dresden. Die Teilnehmer fühlen sich von den gesellschaftlichen Eliten schlecht repräsentiert. Gut gebildete Männer...Foto: Sebastian Kahnert/dpa

Das Ressentiment Fremdenfeindschaft brachte einst die Leitkulturdebatte und im vergangenen Herbst Pegida hervor. Dass Zehntausende in Dresden auf die Straße gingen, um als Komparserie Protest darzustellen, ohne Hauptdarsteller, ohne erkennbare Regie, ohne Thema und Plan, das verwunderte wegen des organisierenden Personals und bestürzte wegen der inhaltsleeren Wut, die agiert wurde. Statt einer charismatischen Führergestalt stupide Vereinsmeierei unter dubiosem Kommando, statt revolutionären Aufschreis geklaute Parolen und das zur Schau getragene dumpfe Unbehagen der „Patriotischen Europäer gegen die Islamisierung des Abendlandes“.

Ein neuer Kulturrassismus ist entstanden

Die Ethnisierung sozialer Probleme hat einen Kulturrassismus hervorgebracht, der an das alte Übel anknüpft, Menschen aufgrund ihrer Herkunft als höher- oder minderwertig zu klassifizieren. Minderheiten sind damit zugleich als Gefahr für die Mehrheit stigmatisiert. Wagenburgmentalität innerhalb der Mehrheitsgesellschaft und das Verlangen, Intoleranz als Tugend zur Abwehr vermeintlicher Gefahren zu kanonisieren, sind Reaktionen der Unsicherheit. Die Botschaft, die Ideologen verbreiten, findet den Nährboden in existenziellen Ängsten. Die Adressaten sind resistent gegen rationale Argumente, denn Bedrohungsszenarien und Verschwörungsfantasien sind wirkungsvoller als alle Vernunft und jede Logik.

Wolfgang Benz, der ehemalige Leiter des Zentrums für Antisemitismusforschung der TU Berlin.
Wolfgang Benz, der ehemalige Leiter des Zentrums für Antisemitismusforschung der TU Berlin.Foto: TU Berlin/Ulrich Dahl

Wutentbrannte Einheimische demonstrieren derzeit gegen Bürgerkriegsflüchtlinge. Der Aufruhr bürgerlicher Bosheit gegen Flüchtlinge ist symptomatisch für den Zustand der Gesellschaft: Im ersten Halbjahr 2015 hat es schon mehr Übergriffe gegen Unterkünfte von Asylbewerbern gegeben als im ganzen Jahr zuvor – und beinahe täglich werden es mehr. Die Saat der Ausländerfeinde ist aufgegangen, die Schläger und Brandstifter der NPD und sonstiger rechtsextremer Observanz führen aus, was räsonierender und pöbelnder Mittelstand vor Wohnheimen und auf Pegida-„Spaziergängen“ intendiert hat.

Die Bürger randalieren, als sei die Wohlstandsgesellschaft bedroht

Der Strom der Flüchtlinge, die in Europa Zuflucht suchen, in deren Heimat Bürgerkrieg herrscht oder auch „nur“ existenzielle wirtschaftliche Not, hat in Deutschland zwar viel Verständnis und Hilfsbereitschaft ausgelöst, aber auch beschämenden Fremdenhass. Als seien sie persönlich bedrängt, als würden sie individuell zur Kasse gebeten, als gäbe es eine fundamentale Bedrohung der Wohlstandsgesellschaft, randalieren Bürger in Tröglitz, in Freital oder Heidenau nächtelang vor Flüchtlingsunterkünften, grölen ausländerfeindliche Parolen, üben Gewalt. Brandstiftung gegen Wohnheime, als vorbeugende Maßnahme zur Abwehr von Flüchtlingen, artet im Sommer und Frühherbst 2015 zum Volkssport aus. Politik und Medien verurteilen mit kräftigen Worten die Rechtsextremisten für das traurige und beängstigende Geschehen.

Aber der Rechtsextremismus beginnt schon in der Mitte der Gesellschaft, und er ist mehr als eine Randerscheinung, von der man sich leicht distanzieren kann. Demagogen setzen die Zeichen, Rechtsextreme fachen die Wut der Unbedarften an. Die Täter und ihre Sympathisanten gehören aber auch zum Kreis der Wohlsituierten, die keine materiellen Sorgen haben, denen nichts weggenommen wird, die aber von Ressentiments geleitet glauben, etwas verteidigen zu müssen, das sie für bedroht halten.

Arbeiter und Unterschichten sind bei Pegida kaum vertreten

Die Pegida-Gefolgschaft ist laut seriösen sozialwissenschaftlichen Studien mehrheitlich männlich und mittleren Alters, meist verheiratet, überdurchschnittlich gut gebildet und gut verdienend. Arbeiter und Unterschichten sind wenig bis kaum vertreten, als Beschäftigungsstatus überwiegt das Angestelltenverhältnis. Unter der Oberfläche des Feindbildes „Fremde“ plagt diese Menschen ein diffuses Gemenge von Unsicherheit und Angst, von Ratlosigkeit und Unverständnis gegenüber rasanten und komplexen Veränderungen: Werden die Sozialsysteme überfordert, sind Zukunft und Alter unsicher, ist die Vision Europa von Politikern zerredet und von Bürokraten in Brüssel so kleingearbeitet worden, dass nur noch nationaler Patriotismus die Rettung bringt? Ein zentrales Motiv, das den Ressentiments zugrunde liegt, ist das Gefühl, nicht genug partizipieren zu dürfen, die Empfindung der Ohnmacht gegenüber Obrigkeiten, gegenüber unkalkulierbaren Entwicklungen.

Pegida ist zwar organisatorisch als Versuch zur Gemeindebildung gescheitert. Aber als Protestbewegung aus der Mitte der Gesellschaft behält Pegida eine Brückenfunktion zum Rechtsradikalismus. Die Abneigung gegen Fremde, gegen die Eliten in Politik, Gesellschaft, Medien, und die Demagogie, mit der Minderheiten stigmatisiert, denunziert und ausgegrenzt werden, sind eine Einladung an Extremismus und zur Gewalt.

Der Autor ist Historiker und Vorurteilsforscher. Ein von ihm herausgegebenes Themenheft der „Zeitschrift für Geschichtswissenschaft“ über „Rechtsextremismus in der Mitte“ erscheint im September im Metropol-Verlag Berlin.

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