Gastbeitrag : Deutschlands „Ivy League“

Was die deutschen Universitäten brauchen, um in die Weltspitze aufzusteigen. Für die neue Exzellenz wäre ein Pakt für die Spitzenforschung nötig.

Stephan Leibfried
Stephan Leibfried.
Stephan Leibfried.Foto: promo



Das deutsche Unisystem ist mittezentriert. Bei Rankings kommt stets heraus: Unter den weltweiten Top 10 ist keine deutsche Uni; unter den Top 100 meist nicht mehr als vier, unter den Top 500 zwischen 35 und 40, was in etwa dem Abschneiden von Großbritannien entspricht. Schlimm ist das nicht. Es bedeutet nichts anderes, als das sich die Hälfte der 80 „echten“ deutschen Unis gut schlägt. Das sollen uns die USA erst einmal nachmachen, die unterhalb ihrer dünnen Spitze nicht mithalten können.

Aber nun geht den Bundesländern immer mehr die Luft aus: Schon seit Jahren kürzen sie die Unihaushalte, und ab 2020 gilt die Schuldenbremse. Dann werden die Spielräume noch kleiner. Der Wissenschaftsrat hat die Ausstattungslücke 2008 auf jährlich vier Milliarden Euro beziffert. Doch bald laufen die drei Programme aus, über die der Bund den Hochschulen unter die Arme gegriffen hat. Nur noch bis 2017 werden die Unis aus dem Exzellenzwettbewerb gefördert, insgesamt mit 2,4 Milliarden Euro. Die Zweckbindung für die Mittel, die der Bund noch in die Hochschulbauförderung steckt, entfällt 2013. Im Hochschulpakt, der bis 2020 hunderttausende neuer Studienplätze schaffen soll, fehlen schon jetzt Milliarden. Was geschieht also, wenn die Behelfsbrücken des Bundes entfallen? War es das dann mit der deutschen „Ivy League“?

Nur wenige setzen noch auf eine kleine Zahl von Bundesuniversitäten. Als Bundesforschungsministerin hat Annette Schavan über die Helmholtz-Gemeinschaft Bundesmittel in die Hochschulforschung fließen lassen. Teile der Forschung der Charité werden mit dem Max-Delbrück-Centrum fusioniert, weitere Ehen zwischen attraktiven Uni-Bereichen und außeruniversitären Instituten waren geplant. Sollen das nicht alles Endmoränen von Spitzenpflege werden, müsste man die Pakte zu einem großen Paktsystem zusammenführen.

Dabei würde der vierte Pakt, über den Geld von Bund und Ländern bislang nur in die außeruniversitären Einrichtungen fließt, eine große Rolle spielen: der Pakt für Forschung und Innovation. In den zehn Jahren bis 2015 werden die außeruniversitären Einrichtungen Zuwächse von insgesamt 3,4 Milliarden Euro bekommen haben – ein außerordentliches Privileg. Es hat den außeruniversitären Einrichtungen gegenüber den Unis enorme Wettbewerbsvorteile verschafft und trotz mancher Kooperationen weiter zur Versäulung beider Bereiche beigetragen.

Die vier Pakte müssten in ihrer Fortsetzung darum zu einem System entwickelt werden, das Spitze und Mitte fördert. Zukünftige Aufwüchse für außeruniversitäre Einrichtungen könnten an Investitionen in Kooperationen mit den Unis gebunden werden. Denkbar wäre auch ein Wettbewerb zwischen den vier Wissenschaftsorganisationen um die besten Integrationsmodelle mit den Unis. Dort, wo der Bund weiter auf Kooperationen zwischen Unis und Helmholtz setzt, sollten die Unis Regie führen. Sie stünden so nicht mehr in Gefahr, Anhängsel der Bundesprogrammforschung zu werden.

So ließe sich für neue Exzellenz in allen Bereichen ein aus fünf Teilen bestehender Pakt Spitzenforschung denken: Er hätte erstens das Versprechen einzulösen, auch den erst neu hinzugekommenen fünf Exzellenzunis eine Chance auf Verlängerung ihrer Exzellenz-Mittel um weitere fünf Jahre zu geben.

Er erlaubte zweitens 2017 eine Verstetigung durch eine Bestenauslese aus den anderen sechs Exzellenz-Universitäten sowie den 31 Exzellenz-Clustern und 33 Graduiertenschulen, die sich dann bereits zehn Jahre lang bewährt haben.

Wenn der Artikel 91b des Grundgesetzes nicht reformiert wird, könnte man diese Cluster, Graduiertenschulen oder passenden Forschungselemente der Exzellenzuniversitäten problemlos in der Leibniz-Gemeinschaft platzieren, die aber mit 75 Prozent Bundes- und 25 Prozent Landesmitteln finanziert werden müsste statt wie bislang hälftig. Denkbar wäre auch eine neue, echt selbst verwaltete Humboldt-Gemeinschaft. Die Exzellenzeinrichtungen erhielten so Stetigkeit auf Widerruf. Die Mittel ließen sich bei zentraler Überprüfung auch umwidmen, Einrichtungen ließen sich einstellen oder neu gründen. Wettbewerb würde weiter gelten, aber der Zuwachs wäre gesichert.

Ein drittes Element zielte auf weitere Förderung von Spitzenforschung an allen Unis. Der Exzellenzwettbewerb wird stark verändert: die Wettbewerbszyklen werden auf sieben bis zehn Jahre verlängert. Neu hinzu kommen zum Kleinen hin variablere Formate, die verbindliche Integration inner- und außeruniversitärer Forschung. „Forschungs-Master“ werden als neue Linie eingeführt und anderes mehr.

Das vierte Element eines solchen Paktes könnte eine Deutsche Graduiertenuniversität sein, die die Max-Planck-Gesellschaft mit den Universitäten errichtet. Das fünfte Element wäre ein Wiedereinstieg des Bundes in den Hochschulbau.

Der Einstieg in die „paktierte Bundeswissenschaftspolitik“ würde das Mittelfeld stabilisieren, und weitere Unis könnten zu den globalen Top 500 aufschließen. Ohne eine solche Politik können wir nur verlieren.

- Der Autor ist Professor an der Uni Bremen und der Jacobs University Bremen.

2 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben