Gaststudierende in Berlin : Familie Schwabes Amerikaner

„Wir holen uns die Welt nach Hause“ – Berliner Familien beherbergen Gaststudierende. Für diese soll ein Berlin-Aufenthalt mehr bedeuten als nur Sprachkurs und Vorlesungen.

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„Fügung und Glück“. Die Schwabes mit Sean Wehle aus Indiana.
„Fügung und Glück“. Die Schwabes mit Sean Wehle aus Indiana.Foto: Paul Zinken

Wie lautet eigentlich der Plural von „Zuhause“? Denn Sean Wehle hat mindestens drei davon: eines im kleinen amerikanischen Städtchen South Bend, Indiana, wo er herkommt. Eines am Vassar College, nahe New York, wo er seit einigen Semestern Kunstgeschichte studiert. Und eines in Berlin – genauer: in Lichterfelde-West, bei Familie Schwabe. Die hat Sean im vergangenen September als Gaststudenten aufgenommen und ist ihm über das akademische Jahr hinweg zu seiner eigenen Berliner Heimat geworden.

„Ich bin kein Tourist, sondern lebe hier richtig als Berliner“, sagt Sean, 21. Er ist einer von derzeit 42 Studierenden aus den USA, für die der Berlin-Aufenthalt mehr bedeutet als Sprachkurs und Vorlesungen. Für vier Wochen den Alltag mit einer Gastfamilie zu teilen ist fester Bestandteil ihres Austauschprogramms, dem Berlin Consortium for German Studies (BCGS) der Freien Universität. Im Jahr 1995 hat die FU Kooperationen mit sieben amerikanischen Universitäten verabredet – darunter Princeton, die Johns Hopkins- und die Columbia-Universität. Schon nach dem ersten Probelauf im Sommersemester 1996 entschied man sich, künftig Gastfamilien zu suchen: „Wir haben gemerkt, dass die Studierenden im Wohnheim isoliert sind und kaum Deutsch sprechen“, sagt Carmen Müller, Direktorin des BCGS.

Fortan wurde es heimelig: Nach einem Orientierungswochenende im Wohnheim ziehen die amerikanischen Wahlberliner für vier Wochen bei ihren Gastfamilien ein. Dort ist Zeit und Ruhe, sich zu akklimatisieren. Die anfangs noch ruckeligen Deutschkenntnisse – mindestens zweieinhalb Jahre Deutschkurs an der Heimatuni sind allerdings Bewerbungsvoraussetzung – können so in sicherem Umfeld trainiert werden. Nach einem Monat werden die Austauschstudierenden in die Berliner Freiheit entlassen, um sich für den Rest ihres Aufenthalts eine eigene Bleibe zu suchen.

Sean allerdings blieb vier Monate länger als geplant. Nicht nur, weil sich die WG-Suche schwierig gestaltete, sondern auch, weil er mit Familie Schwabe einen echten Glückstreffer gelandet hatte: „Uns war auf Anhieb klar, dass Sean ein netter, zuverlässiger, interessanter Mensch ist“, sagt Mathias Schwabe, der Gastvater. Jetzt, wo Sean kurz vor seiner Rückreise steht, erinnern sie sich wehmütig zurück: An den Ausflug nach Würzburg. Den gemeinsamen Streifzug am Gallery Weekend, bei dem Sean seine Gastfamilie in die Berliner Kunstszene einführte. An die sonntäglichen Abendessen, bei denen es ausnahmsweise einen Rollentausch gab, denn dann durften die Schwabes mal Englisch reden und sich vom Muttersprachler korrigieren lassen. „Ich fand es toll, mit Sean die Vereinigten Staaten genauer kennenzulernen und zu sehen, dass Deutsche und Amerikaner vieles teilen“, sagt die achtzehnjährige Clara über ihren Bruder auf Zeit. Familie Schwabe war besonders angetan darüber, wie viel Sean über deutsche Geschichte und Kultur wusste.

Astrid Henrici hat solche Erfahrungen schon oft gemacht. Bereits fünf Mal war sie Gastgeberin für das BCGS. Mal blieben ihre Studentinnen nur den einen Monat, mal ein halbes Jahr, und in einem Fall hat sich gar eine Freundschaft entwickelt und die Gasttochter kam später erneut für einen Urlaub nach Berlin geflogen. „Wir holen uns die Welt nach Hause“, sagt Henrici. Ihre beiden Kinder, acht und zwölf Jahre alt, sollten merken, dass es noch andere Länder, Sprachen und Sitten gibt.

Probleme hatte Henrici mit den Gästen im Haus noch nie: „Die benehmen sich immer gut, wollen alles richtig machen.“ Höchstens ein anderes Umweltbewusstsein – Stichwort Wassersparen und Mülltrennung – habe sie zur Kenntnis genommen, aber sie sei ja auch „ein Öko“, lacht Henrici. Und während sie in den ersten Tagen noch die eine oder andere Heimwehträne trocknet und zum Ausflug nach Potsdam einlädt, würden die Gastkinder schnell flügge und gingen ihrer eigenen Berliner Wege.

Der Idealismus, dem Carmen Müller immer nachspürt, wenn sie neue Gastfamilien sucht – bei Henrici und den Schwabes ist sie fündig geworden. Die Lust am gemeinsamen Austausch solle unbedingt im Vordergrund stehen, im Gegenzug bemühe sie sich um die optimale Paarung, achte auf Vegetarismus oder Tierhaarallergien. Und obwohl immer von „Gastfamilien“ die Rede ist, sei das BCGS „nicht auf das Vater-Mutter-Kind-Prinzip beschränkt“, sagt Müller. Hauptsache sei, die amerikanischen Gäste in einen lebendigen, freundlichen Alltag einzubinden.

„Sean als Gastkind aufzunehmen, war für uns Fügung und Glück“, sagen Mathias, Sylvia und Clara Schwabe. Deswegen wollen sie nun erst mal eine kleine Gastfamilienpause einlegen: „Sonst würden wir den nächsten Studenten nur mit Sean vergleichen.“ Ein Zuhause gibt es zwar im Plural. Aber nicht als Massenware. Anna-Lena Scholz

Die FU sucht laufend Gastfamilien in Berlin. Die Studierenden reisen immer im September und im März an. Voraussetzungen sind ein eigenes Zimmer für das Gastkind und mindestens ein gemeinsames Abendessen pro Woche. Die Gastgeber sollten nicht weiter als 30 Minuten von der FU entfernt wohnen. Eine Aufwandsentschädigung ist vorgesehen. Kontakt: 838 52 260 oder bcgs@fu-berlin.de. – Auch die TU Berlin sucht im Rahmen ihres Programms „Experiment in International Living“ Gastfamilien, die internationale Studierende in der vorlesungsfreien Zeit für zwei bis vier Wochen aufnehmen. Kontakt: 314 24 411.

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