Geburtenregister für MS-Kranke : Kinderwunsch trotz Krankheit

Wenn junge Frauen mit Multipler Sklerose Mutter werden, können sie nebenbei der Forschung helfen. Ihre Daten sammelt das deutschsprachige MS- und Kinderwunschregister.

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Krank und schwanger: Viele Frauen mit Multipler Sklerose wünschen sich ein Kind.
Krank und schwanger: Viele Frauen mit Multipler Sklerose wünschen sich ein Kind.Foto: Jens-Ulrich Koch/ dapd

Die Diagnose ist ein Schock. Wer zwischen 20 und 40 Jahren an Multipler Sklerose (MS) erkrankt, hat noch viele Pläne. Viele wünschen sich Kinder. Doch verträgt sich das mit der chronischen Krankheit, die oft in Schüben daherkommt, sich im Laufe der Jahre aber auch so verschlimmern kann, dass man einen Rollstuhl braucht? Noch vor wenigen Jahren war sich die Fachwelt einig: Lieber nicht!

Dabei gibt die Krankheit zeitweise klein bei, wenn eine MS-Patientin ein Kind erwartet. „Eine Schwangerschaft wirkt besser als die besten Medikamente“, sagt die Neurologin Kerstin Hellwig vom St.-Joseph-Hospital der Universität Bochum. Dass die Schübe dann drastisch abnehmen, ist nicht nur Erfahrungswissen, es wurde Ende der 90er Jahre durch Studien belegt. Und es bestätigt sich durch die Daten, die in Bochum gesammelt werden. Dort hat Hellwig eine weltweit einzigartige Datensammlung gestartet, das deutschsprachige MS- und Kinderwunschregister.

Daten zu Schwangerschaft und MS fehlen schon deshalb, weil Studien mit schwangeren oder möglicherweise schwangeren Frauen heikel sind. Dabei wäre es wichtig, über die Sicherheit von Medikamenten Bescheid zu wissen. Als Kerstin Hellwig im Jahr 2006 damit begann, ihr Register aufzubauen, hat sie zunächst rückblickende Daten gesammelt. Inzwischen werden die Frauen bereits zu Beginn der Schwangerschaft einbezogen und ihr Wohlergehen verfolgt. Ungefähr 150 sind es in jedem Jahr, aus ganz Deutschland. So soll zum Beispiel dokumentiert werden, ob die Medikamente, mit denen MS-Patienten einem Schub vorbeugen und die die Frauen oft jahrelang nehmen, dem Ungeborenen schaden. „Glücklicherweise können 98 Prozent der Frauen ihre Medikamente im Verlauf der Schwangerschaft absetzen“, sagt Hellwig. Doch was ist mit den ersten Wochen, in denen manche Frau noch nicht weiß, dass sie ein Kind erwartet? Die MS-Spezialistin hat noch eine gute Nachricht: Die Medikamente, die in den allermeisten Fällen eingesetzt werden, schädigen das Ungeborene nicht.

„Das Kinderwunschthema ist heute auch für Frauen mit MS wichtig“, sagt die Spezialistin. Viele ermutigt es, dass die Symptome der chronischen Krankheit während einer Schwangerschaft oft verschwinden – auch wenn in den ersten drei Monaten nach der Geburt die Schubrate deutlich steigt, um anschließend wieder das Niveau von vorher zu erreichen.

Warum das so ist, ist noch nicht genau bekannt. Dass es einen Zusammenhang mit den weiblichen Geschlechtshormonen gibt, ist aber so gut wie ausgemacht. Auch, dass kinderlose Frauen häufiger an MS erkranken. Die guten Erfahrungen der Schwangeren wiederum legen es nahe, den Östrogenpegel medikamentös dauerhaft auf das Schwangerschaftsniveau zu erhöhen. „Einige Studien, in denen das versucht wird, auch in Kombination mit den vorbeugenden Medikamenten, laufen derzeit“, berichtet Hellwig.

Der Level der weiblichen Geschlechtshormone ist andererseits nicht das einzige, was sich in einer Schwangerschaft verschiebt. Auch das Immunsystem wird toleranter gegenüber Fremdem. Schließlich ist auch das Kind im Bauch der Mutter zumindest zur Hälfte „fremd“. Welche Auswirkungen hat das auf die Autoimmunkrankheit Multiple Sklerose, bei der sich die körpereigene Abwehr fälschlicherweise gegen die Umhüllung von Nervenzellen richtet? Am Institut für Neuroimmunologie und Klinische MS-Forschung des Uniklinikums Hamburg-Eppendorf wird das in Kooperation mit den Bochumer Kollegen untersucht.

Möglicherweise lassen sich die wohltuenden Effekte des Kinderkriegens für die eigene Gesundheit etwas verlängern, wenn Frauen mit MS ihr Baby stillen. „Unsere Daten zeigen, dass sich ausschließliches Stillen positiv auswirkt. Allerdings wird dieses Thema in der Wissenschaft kontrovers diskutiert“, sagt Hellwig. Mithilfe von Kernspin-Aufnahmen will ihr Team der Frage nachgehen, ob es im Gehirn voll stillender MS-Patientinnen weniger von den typischen Nervenschädigungen gibt als bei den Müttern, die ihrem Baby Fläschchen geben oder teilweise stillen.

Offene Fragen gibt es auch bei Kinderwunschbehandlungen. Das Thema beschäftigt viele Frauen mit MS notgedrungen, weil sie ihren Kinderwunsch wegen der Krankheit aufschieben und die Chancen auf ein Kind sinken: Welche Medikamente sollten Gynäkologen bei ihnen einsetzen? Die hormonelle Stimulation vor einer In-vitro-Fertilisation kann Schübe auslösen. Das Register soll nun Aufschluss darüber geben, welche Medikamentenkombinationen am verträglichsten sind. Das Thema Fortpflanzungsmedizin betrifft auch Männer mit MS, die Vater werden wollen, jedenfalls wenn sie Mitoxantron einnehmen müssen. Sie kann fruchtschädigend wirken. Für diese Männer kann es sinnvoll sein, zuvor Samenzellen einfrieren zu lassen.

Kerstin Hellwig und ihre Bochumer Arbeitsgruppe haben seit 2006 Daten von über 500 Schwangerschaften gesammelt. Schon daran kann man erkennen, dass sich MS und erfüllter Kinderwunsch längst nicht mehr ausschließen. Hellwig würde allerdings aus medizinischer Sicht dazu raten, mit einer Schwangerschaft zu warten, bis sich der Verlauf der Krankheit etwas stabilisiert hat. „Und natürlich ist es wichtig, für alle Fälle ein solides soziales Netzwerk und gute Kinderbetreuung zu haben“, sagt sie. Aber das gilt für alle jungen Eltern.

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