Gefahren durch den Klimawandel : Kälte tötet mehr Menschen als Hitze

Nicht Hitzewellen, sondern winterliche Temperaturen fordern die meisten Toten, zeigt eine umfassende Studie. Extreme Wetterlagen spielen eine überraschend kleine Rolle.

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Anders als oft angenommen sind es meist nicht hohe Temperaturen, die der Gesundheit zusetzen. Weit riskanter sind Abweichungen nach unten. Gefäßleiden verschlimmern sich und Infektionsrisiken nehmen zu.
Anders als oft angenommen sind es meist nicht hohe Temperaturen, die der Gesundheit zusetzen. Weit riskanter sind Abweichungen...Foto: Imago

Die Hitze des Sommers 2003 schlug hohe Wellen. Rund 70.000 vorwiegend Hochbetagte sollen den „Hundstagen“ allein in Frankreich zum Opfer gefallen sein. Weil sie sich bei der Hitze trotz schwerer Herzleiden und erhöhter Anfälligkeit für Krankheiten aller Art zu sehr anstrengten, weil sie zu wenig tranken und dadurch ihren Elektrolythaushalt durcheinanderbrachten, weil sie zu dick angezogen waren. Ärzte, Pflegekräfte, Politiker und internationale Gesundheitsorganisationen forderten effektivere Hilfen für geschwächte Mitbürger und mehr lebensrettende Umsicht. In der Öffentlichkeit wurde diskutiert, inwieweit der Klimawandel das Problem in Zukunft noch verstärken könnte. Statistiker dagegen sprachen schlicht von wetterbedingter „Übersterblichkeit“.

74 Millionen Todesfälle untersucht

Wie nun eine im Fachblatt „Lancet“ veröffentlichte Studie belegt, sind es generell aber weniger die heißen als die kalten Tage, die Menschenleben fordern. Antonio Gasparrini von der London School of Hygiene and Tropical Medicine und sein Team haben für ihre Untersuchung bei mehr als 74 Millionen Todesfällen zwischen 1985 und 2012 das Wetter des jeweiligen Todestages am Ort ermittelt. Und zwar in Ländern mit unterschiedlichen Bedingungen: Großbritannien, den USA, Australien, Kanada, Brasilien, China, Japan, Italien, Spanien, Schweden, Südkorea, Taiwan und Thailand.

Insgesamt bringen sie 7,7 Prozent der Sterbefälle an den 384 einbezogenen Orten dieser Länder mit „nicht optimalen“ Temperaturen in Zusammenhang, wobei die temperaturabhängigen Unterschiede in der Todesrate in Thailand und Brasilien am geringsten, in China, Italien und Japan am höchsten waren. Die Temperatur, bei der es am wenigsten Todesfälle gab, war zudem nicht in allen Ländern gleich. Im Schnitt aber lag sie deutlich über dem jeweiligen Jahresmittel. Und das verständlicherweise am meisten in den „kälteren“ Ländern. „Den größten Anteil an temperaturbedingten Todesfällen hat die Kälte“, resümieren die Autoren.

Kälte fordert fast 20 Mal so viele Tote

Sie forderte fast 20 Mal so viele Opfer wie die Hitze. Obwohl das an den meisten Plätzen der Erde der Fall sei, finde die Hitze als Gefahr mehr Aufmerksamkeit, kritisieren in einem Kommentar zu der Studie Keith Dear und Zhan Wang vom chinesischen Global Health Research Center an der Duke-Kunshan-Universität. Für Bevölkerungswissenschaftler ist das keine Neuigkeit. „Die Hitze erfährt zwar ein weit größeres Medienecho, doch in der kälteren Jahreszeit sterben weit mehr Menschen“, sagt der Bevölkerungswissenschaftler Roland Rau von der Universität Rostock, der sich dem Thema Wetter und Sterblichkeit seit mehr als zehn Jahren widmet.

Für Deutschland hat die Auswertung der Daten des Statistischen Bundesamtes der Jahre 1950 bis 2013 ergeben, dass in den Monaten Dezember bis Februar im Vergleich zu den Sommermonaten ein Viertel mehr Menschen sterben. In Raus Augen liegt das große Verdienst der neuen Studie darin, dass hier große Datenmengen aus zahlreichen Ländern mit ein und derselben Methodik analysiert wurden. Umso wichtiger, dass sich bisherige Erkenntnisse bestätigten.

Erhöhte Anfälligkeit von Menschen, die ohnehin geschwächt sind

„Interessant wäre es allerdings gewesen, auch etwas über die Todesursachen zu erfahren“, sagt der Bevölkerungswissenschaftler. Seinen Untersuchungen zufolge ist nicht etwa eine Zunahme der Selbsttötungen, sondern die erhöhte Anfälligkeit ohnehin geschwächter Menschen für Herz-Kreislauf-Erkrankungen und Lungenentzündungen der Grund dafür, dass im Winter mehr Menschen sterben. Interessanterweise ist das in Griechenland oder Süditalien trotz der milderen Winter nicht anders. „Auch dort ist das Wetter im Winter rauer als im Sommer, die Wohn- und Lebensverhältnisse sind daran oft schlechter angepasst.“
2012 hatte eine Studie des US-Kardiologen Bryan Schwartz von der Universität New Mexico in Albuquerque ergeben, dass das Risiko, an einem Herzinfarkt, einer Herzschwäche oder einem Schlaganfall zu sterben, in fünf recht unterschiedlichen Klimazonen der USA im Winter um 26 bis 36 Prozent höher ist als im Sommer. Nicht wie viel Minusgrade das Thermometer zeigt, ist demnach entscheidend, sondern dass es überhaupt einen Temperaturabfall gibt. Der Kardiologe führt das erhöhte Risiko nicht allein auf kältebedingte Veränderungen der Blutgefäße, sondern auch auf den winterlichen Lebensstil zurück: Wenn es kälter wird, treiben viele Menschen weniger Sport und essen weniger Obst und Gemüse.

Lungenentzündungen sind wichtigste Todesursache im Winter

Bekannt ist, dass Lungenentzündungen als wichtige Todesursache im Winter häufiger sind. „Auch die meisten Verschlechterungen bei der chronisch-obstruktiven Lungenkrankheit treten bei Kälte durch Infektionen auf“, sagt Uta Liebers, Lungenspezialistin am Campus Charité Mitte. Einen gewissen Schutz bieten Impfungen gegen Grippe und Pneumokokken. Auch von hochsommerlichen Temperaturen werden Patienten mit kranken Atemorganen schnell angegriffen. Im letzten Jahr wurden deshalb in der Klinik zwei speziell klimatisierte Krankenzimmer eingebaut. „23 Grad hat sich als Optimum erwiesen“, berichtet Liebers.

Die neue Studie ist nicht für die gesamte Weltbevölkerung repräsentativ, denn ganze Regionen Asiens und Afrika blieben ausgeschlossen. In den untersuchten Ländern aber zeigte sich: Es ist unangemessen, nur die Extreme im Blick zu haben, wenn man über den Einfluss des Wetters auf die Gesundheit spricht. Nur weniger als ein Prozent der Übersterblichkeit ist mit auffallend hohen oder niedrigen Temperaturen zu erklären. Sieben Prozent stehen mit mäßigeren Abweichungen von den „idealen“ Bedingungen in Zusammenhang. Das gilt vor allem für die ganz normale winterliche Kälte – die wichtigste unter den Saisonarbeiterinnen des Sensenmanns.

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