Gender in der Forschung : Der moderne Mann sucht – sich selbst

Die Familie wird wichtiger, im Job werden Frauen zur Konkurrenz: Der gesellschaftliche Wandel fordert Männer heraus, sich neu zu positionieren.

Michael Meuser
Tradierte Gewissheiten am Ende. Die Rolle des Alleinernährers ist ins Wanken gekommen, dafür nimmt die Bedeutung der Familie zu. Dadurch sind traditionelle Männlichkeitskonzepte bedroht, neue werden erst erprobt. Das kann verunsichern.
Tradierte Gewissheiten am Ende. Die Rolle des Alleinernährers ist ins Wanken gekommen, dafür nimmt die Bedeutung der Familie zu....Foto: picture alliance / Westend61

Geht es in den Medien um Männer, sind seit einigen Jahren Krisenszenarien stark verbreitet. Von „Not am Mann“ ist die Rede („Die Zeit“, 2014), und es wird gefragt, „was vom Mann noch übrig ist“ („Der Spiegel“, 2008). Die Männer scheinen sich auf der Seite der Verlierer gegenwärtiger gesellschaftlicher Entwicklungen zu befinden. Dies mögen medientypische Dramatisierungen sein. Es ist allerdings festzuhalten, dass tradierte männliche Lebenslagen im Zuge des Wandels von Geschlechter-, Familien- und Erwerbsverhältnissen in vielfacher Weise herausgefordert sind. Männer sind gefordert, sich neu zu positionieren.

Traditionell stellt sich männliche Selbstvergewisserung im Wesentlichen über Erwerbsarbeit und beruflichen Erfolg her. Zwar mag das Zeitalter der Industriegesellschaft, in dem sich dieses Männlichkeitsverständnis etablierte, an sein Ende gekommen sein. Doch die in dieser Epoche entstandenen symbolischen Ordnungen und kulturellen Deutungsmuster wirken beharrlich fort. Die Berufszentriertheit bestimmt bis in die Gegenwart Erwartungen an Männer wie auch deren Selbstverständnis.

Männer knüpfen Familiengründung häufig an gesicherte Jobperspektive

So knüpfen Männer den Entschluss zu einer Familiengründung deutlich häufiger als Frauen an eine gesicherte berufliche Perspektive. Sie sehen sich vor die Anforderung gestellt, mit ihrem Einkommen die Familie ernähren zu können. Sie tun dies gegenwärtig zwar nur noch zu einem Viertel in der Position des Alleinernährers. Bei weiteren 45 Prozent der Paare mit minderjährigen Kindern ist der Mann allerdings weiterhin der Haupternährer. Er arbeitet Vollzeit, die Frau Teilzeit. Männer unterliegen stärker als Frauen der Erwartung einer generellen, durch Familienpflichten nicht begrenzten beruflichen Verfügbarkeit. Anders als Mütter werden Väter in Bewerbungsgesprächen selten mit der Frage konfrontiert, wie sie berufliche Anforderungen und elterliche Pflichten miteinander zu vereinbaren gedenken.

Die zentrale Stütze des berufszentrierten und auf die Position des Familienernährers bezogenen männlichen Lebensentwurfs ist und war das sogenannte Normalarbeitsverhältnis, wie es insbesondere in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts vorherrschte. Die zentralen Merkmale sind eine geregelte, abhängige Vollzeitbeschäftigung, Arbeitsplatzkontinuität und sozialstaatliche Absicherung.

Tendenzen zur Erosion des Normalarbeitsverhältnisses

Tendenzen zur Erosion des Normalarbeitsverhältnisses sind deutlich sichtbar. Atypische, befristete, prekäre und diskontinuierliche Beschäftigungsverhältnisse nehmen zu, sozialstaatliche Sicherungssysteme werden abgebaut. Angesichts der fortbestehenden Berufszentriertheit männlicher Lebensentwürfe beinhalten diese Entwicklungen das Potenzial der Verunsicherung. Dass die Berufszentriertheit bruchlos zu realisieren ist, erweist sich für eine wachsende Zahl von Männern als eine Illusion.

Auf der anderen Seite spielt Berufstätigkeit eine immer größere Rolle in weiblichen Biografien. Die Erwerbsquoten von Männern und Frauen haben sich in den letzten 50 Jahren kontinuierlich einander angenähert. Auch wenn die Teilzeitquote der Frauen deutlich höher als die der Männer ist, sind Frauen zu Konkurrentinnen auf dem Arbeitsmarkt geworden. Für eine wachsende Zahl von hoch qualifizierten Frauen gewinnt der Beruf einen ähnlich hohen Stellenwert, wie er ihn für Männer schon lange hat. All dies lässt die tradierte Rollenverteilung zwischen den Geschlechtern nicht unberührt.

Wenn die Ernährerrolle zur Fiktion wird

Im Rahmen der tradierten Geschlechterordnung ist die Position des Mannes in der Familie durch die Rolle des Ernährers der Familie bestimmt. Wenn die Berufsrolle gefährdet ist, wird die Ernährerrolle schnell zur Fiktion. Zum anderen haben sich die Erwartungen an den Vater und das Verständnis von Vaterschaft verändert. Ein „moderner“ Vater beteiligt sich daran, die Kinder zu betreuen. Fürsorglichkeit wird zu einem wichtigen Bestandteil von Väterlichkeit, und eine solche Väterlichkeit findet Eingang in Männlichkeitskonzepte.

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