Genderforschung : Niedliche Feministinnen

Die etablierte Genderforschung hält „Alphamädchen“ für unpolitisch – und sieht sie als Werkzeuge neoliberaler Kräfte.

Amory Burchard

Der „neue Feminismus“ ist an den Universitäten angekommen. Mögen die „Alphamädchen“, die im Job Gas geben und beim Sex einfach nur Spaß haben wollen, auch von Alice Schwarzer als „Wellness-Feministinnen“ abgetan werden: Die Genderforschung kann nicht mehr an ihnen vorbei. Denn so populär waren Bücher, die das F-Wort im Untertitel führen oder es neu interpretieren, seit den 80er Jahren nicht mehr. „Neue deutsche Mädchen“ von Jana Hensel und Elisabeth Raether, „Wir Alphamädchen – Warum Feminismus das Leben schöner macht“ von Meredith Haaf, Susanne Klingner und Barbara Streidl und die „Feuchtgebiete“ von Charlotte Roche werden nicht nur in der Zielgruppe Wir-Mädels-um-die-25-30 gern gelesen.

Von „Alphamädchen“ ist auch die Rede, wenn es um die besseren Schulleistungen, Ausbildungs- und Hochschulabschlüsse von Mädchen und jungen Frauen geht. Ihre männlichen Kameraden scheinen sie weit hinter sich zu lassen; eine Entwicklung, die in den Führungsetagen allerdings noch nicht angekommen ist.

Schafft es die theoretisch orientierte und historisch gerüstete Genderforschung, die „neuen Feministinnen“ in eine ernsthafte Debatte zu ziehen? Oder reagiert sie eher mit „fadem Beleidigtsein“, wie Susanne Baer, Juraprofessorin und Direktorin des Gender-Kompetenz- Zentrums der Humboldt-Universität, beobachtet. Tatsächlich trennt die alte Frauenbewegung mit ihrem Kampf für die Emanzipation vieles vom Selbstverständnis der sich selbst als „Alphamädchen“ verniedlichenden und politisch harmlosen jungen Autorinnen.

„Ich bin verwundert, wie geschichtsvergessen der neue Feminismus daherkommt“, sagt Genderforscherin Sabine Hark am Montagabend bei einer Diskussion am Zentrum für transdisziplinäre Geschlechterstudien. Hark, die an der Universität Potsdam und an der TU Berlin forschte und lehrte und jetzt Professorin an der Uni Köln ist, stimmt den „Alphamädchen“ zwar in einem Punkt zu: „Feminismus macht das Leben schöner.“ Aber Hark, Jahrgang 1962 und in die Frauenbewegung der 70er/80er Jahre hineingewachsen, wurde von anderen Themen umgetrieben als die karriereorientierten und hedonistischen Propagandistinnen des „neuen Feminismus“.

Für Hark ist der Feminismus ein Kampf gegen Unterdrückung, Ungleichheit, Rassismus, Sexismus und Homophobie, ein Kampf zudem, „der zu etwas führt“. Den „neuen Feministinnen“ fehle die Teilhabe an einem solchen gemeinsamen Kampf, sagt Hark. Sie kennen nur den Feminismus Alice Schwarzers – gegen den sie sich wenden. Der „Reichtum feministischen Denkens“ von Simone de Beauvoir (Das andere Geschlecht, 1949) über Audre Lorde (1934-1992; „Ich bin schwarz, lesbisch, Feministin, Kriegerin, Dichterin, Mutter“) bis Judith Butler (Das Unbehagen der Geschlechter, 1991) dagegen bliebe ihnen verschlossen.

Mit „Leuten, die nicht lesen und sich nur mit sich selber unterhalten“ wolle sie eigentlich gar keine Debatte führen, sagt denn auch Anne Koch-Rein vom HU-Graduiertenkolleg „Geschlecht als Wissenskategorie“. Ernster nimmt die junge Amerikanistin, die jetzt als Gastwissenschaftlerin an die Emory University (USA) geht, schon die Bundesfamilienministerin. Seit Ursula von der Leyen (CDU) für sich den „konservativen Feminismus“ entdeckte, ist auch sie in den Blick der Gender-Wissenschaft geraten. Von der Leyen will die Kinderbetreuung massiv ausbauen, übt gesetzgeberischen Druck auf junge Väter aus, in Elternzeit zu gehen. Da sei doch ihre Position legitim, sich eine konservative Feministin zu nennen, verteidigt Koch-Rein die Ministerin gegen Kritik, den Feminismus zu instrumentalisieren. Unerträglich sei dagegen ein „feministischer“ Appell von Bundesinnenminister Wolfgang Schäuble (CDU) an die Muslime. Darin zumindest waren sich alle im überfüllten Seminarraum der HU einig. „Wenn ich an die Männer meiner Generation denke, dann war auch nicht jeder in der CDU von einem neuen Frauenbild nur begeistert“, sagte Schäuble kürzlich im Tagesspiegel-Interview. Heute sei die „Frauenpower eine der größten Hoffnungen für die Entwicklung moderner, demokratischer Gesellschaften“ in muslimisch geprägten Weltregionen. Einen „Missbrauch“ des Feminismus warf Susanne Baer dem Minister vor. Offensichtlich unterstellt man dem als neokonservativ geltenden Politiker die falschen Motive.

Instrumentalisiert werde der Feminismus heute von neoliberalen Kräften, sagt Deborah Ruggieri, Mitglied im Attac-Rat, dem höchsten Gremium der Protestbewegung Attac Deutschland. Politik und Management hätten die jungen Frauen als Modernisierungsreserve entdeckt. Ruggieri warnt vor einer „politischen Gefahr, die von den „Alphamädchen“ ausgeht“. Wenn weibliche Karriere-Coaches Mädchen darauf einschwören, Machtpositionen einzunehmen und sich in der Männerwelt durchzusetzen, werde ihnen geraten: Wenn abends mal ein sexistischer Witz erzählt wird, sagt nichts – ihr wollt doch nach oben. So hat Ruggieri es im April in Hannover bei der Messe „Women Power“ erlebt. Ulrike Auga, HU-Professorin für Theologie und Geschlechterstudien, glaubt gar, dass der Staat die „Alphamädchen“-Bewegung protegiere, weil er „seine Haut retten will“. Der von der Globalisierung bedrohte Nationalstaat brauche die Geschlechterordnung, um sich zusammenzuhalten. Deshalb werde die neue Spielart des Feminismus „erlaubt“ – ein Feminismus, der nach den Regeln der Regierenden mitspielt und nicht kämpferisch ist wie die alte Frauenbewegung.

Was aber ist so schlimm am Leistungsgedanken, an der Vorstellung, dass ökonomisch unabhängige Frauen eine realistische Chance auf ein selbstbestimmtes Leben haben? Tatsächlich nähmen sich doch die „Alphamädchen“ auch eine individuelle kulturelle Freiheit, sagt Alexandra Manske, Politikwissenschaftlerin an der TU Berlin. Diese Freiheit immerhin bringe ihnen der Neoliberalismus; der Spaßgeneration der 80er Jahre sei diese Freiheit verwehrt worden. Und eine 21-jährige Geschichtsstudentin an der HU findet „Alphamädchen“ einfach „einen tollen Begriff“. Es sei ungerecht, sie als „böse Mädchen“ zu diffamieren. Eine ältere Studentin widerspricht ihr aufgebracht: Die sogenannten jungen Feministinnen machten sie wütend. Wenn sie über ihre Affären mit jungen Männern schrieben, gebärdeten sie sich „heteronormativ“, wenn sie als „Neue deutsche Mädchen“ aufträten, auch „nationalistisch“.

Eine weiteres Podiumsgespräch zu „Feminismus und Gender Studies“ findet am Montag, 16. Juni, in der Humboldt-Universität statt. Unter anderem diskutieren Christina von Braun und Hildegard Maria Nickel. Informationen unter: Veranstaltungen.

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