Genderforschung und Biologie : Der kleine und der große Unterschied

Die Geschlechterforschung muss die Biologie stärker zur Kenntnis nehmen, sonst wird sie in die Isolation geraten. Ein Kommentar.

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Schnuller für jeden Bedarf. Allerdings: Eine Vorliebe der Geschlechter für Rosa oder Hellblau ist garantiert nicht biologisch festgelegt ...
Schnuller für jeden Bedarf. Allerdings: Eine Vorliebe der Geschlechter für Rosa oder Hellblau ist garantiert nicht biologisch...Foto: dpa

Das Gender-Thema erhitzt die Gemüter. Kaum eine andere sozialwissenschaftliche Disziplin ist so umstritten wie die Geschlechterforschung. Ein großer Teil der Kritik entzündet sich an einem zentralen Gedanken des Fachs. Danach ist das biologische Geschlecht (Sex) im gesellschaftlichen Leben von eher geringer Bedeutung. Viel entscheidender ist das „kulturelle“ Geschlecht (Gender). Es ist eine soziale Konstruktion, mit deren Hilfe (überwiegend männliche) Macht und Unterdrückung, Ressourcen und Chancen organisiert werden. Männer und Frauen spielen Geschlechterrollen wie Schauspieler in einem Theaterstück. Die Genderwissenschaft ist angetreten, hinter die Kulissen des Dramas zu blicken und Ungleichheiten und Machtverhältnisse zu ändern.

Vielen leuchtet die Idee von der Zweiteilung, vom kleinen (biologisches Geschlecht) und vom großen Unterschied (kulturell konstruiertes Geschlecht) nicht ein, mehr noch: Sie fühlen sich so, als würde ihre Männlichkeit oder Weiblichkeit infrage gestellt werden, und damit ein zentraler Teil ihrer Persönlichkeit. Skeptisch gegenüber der Geschlechterforschung sind auch manche Wissenschaftler. Dabei sind es nicht nur Biologen oder Psychologen, die der Geschlechterforschung vorwerfen, naturwissenschaftliche Fakten zu ignorieren. Diese kontert damit, dass sie an den Tatsachen nicht zweifle, sich aber gegen deren ideologische Vereinnahmung wehre. Biologie ja, Biologismus nein, lautet die Formel.

Genderforschung: Glaubensinhalte statt Fakten?

Aber mit der immer wieder behaupteten Anerkennung biologischer Tatbestände ist es womöglich doch nicht so weit her. Das zeigt eine Studie der Soziologin Charlotta Stern von der Universität Stockholm. Im Gespräch mit Genderforschern machte die Wissenschaftlerin häufig die Erfahrung, dass man nicht an „Glaubensinhalten“ rühren durfte. Immer, wenn sie ketzerische Ideen ins Spiel brachte, etwa die, dass es Ungleichheiten in den mathematischen Fähigkeiten von Männern und Frauen gebe oder dass beide Geschlechter angeborene Unterschiede in Talenten und Motivationen haben könnten, begegneten ihr finstere Blicke. Stern hatte das Gefühl, dass ihre Kollegen sich mit ihren Ansichten isolierten und in Tabus flüchteten. Doch stimmte ihre Wahrnehmung?

Die Wissenschaftlerin überprüfte ihre Annahme anhand des Grundsatzartikels „Doing Gender“ von 1987. In diesem unter Geschlechterforschern viel beachteten und häufig zitierten Aufsatz von Candace West und Don Zimmerman spielt die Biologie nur eine Nebenrolle; die zentrale These ist, dass die Geschlechterrollen („Gender“) ein Ergebnis sozialen Handelns („Doing“) sind.

Heute, Jahrzehnte später, gibt es etliche Studien, die in eine andere Richtung deuten, in denen für Unterschiede zwischen den Geschlechtern auch biologische und evolutionär bedingte Ursachen ausfindig gemacht wurden. Stern fragte sich, ob diese mittlerweile in der Forschung berücksichtigt wurden. Sie schaute sich für den Zeitraum 2004 bis 2014 jene Veröffentlichungen an, die „Doing Gender“ zitierten und die ihrerseits viel genannt wurden.

Gegen Ideologie - und selbst ideologisch?

Ergebnis der Stichprobe: Von 20 Beiträgen waren 15 „mit Scheuklappen versehen“, wie Stern schreibt. Sie ignorierten biologische Geschlechterunterschiede oder spielten sie herunter, vier waren neutral und lediglich einer zog die Biologie ernsthaft in Betracht – bei der Frage, welchen Einfluss das biologische Geschlecht der Kinder auf familiäre Prozesse wie Bildungsfragen, Scheidung und die verbrachte Zeit mit den Kindern hat. Sterns Fazit lautet, dass die sozialwissenschaftliche Genderforschung ein Inseldasein führt und sich von anderen wissenschaftlichen Strömungen isoliert. Eine Vermutung, die auch andere Studien nahelegen. Die angeblich so anti-ideologische Geschlechterforschung läuft Gefahr, selbst ideologisch zu verknöchern.

Mann und Frau kommen nicht als unbeschriebene Blätter zur Welt. Es sind nicht nur die Genitalien, die sie unterscheiden, sondern auch, bei allen Gemeinsamkeiten, eine Reihe von biologischen und psychologischen Eigenheiten. Anders gesagt: Der Mensch hat seine natürliche Prägung nicht am Eingang der Zivilisation abgelegt wie einen Mantel an der Garderobe. Natur, Umwelt und Kultur finden in ihm zusammen. Diese Einheit im Verschiedenen macht unsere Existenz so spannend.

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