Genetik : Die DNS der Dynastie

Queen’s Lecture an der TU Berlin: Turi King berichtet, wie sie den wiedergefundenen Richard III. identifizierte.

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Der genetischen Analyse zufolge hatte Richard III. blonde Haare und blaue Augen, anders als in diesem Porträt. Foto: picture alliance/dpa
Falsche Haarfarbe. Der genetischen Analyse zufolge hatte Richard III. blonde Haare und blaue Augen, anders als in diesem nach...Foto: picture alliance/dpa

In Berlin ist Richard III. von England ein Star. Das verdankt der König der Art, in der der Schauspieler Lars Eidinger ihn in der Thomas-Ostermeier-Inszenierung des gleichnamigen Dramas von Shakespeare an der Schaubühne verkörpert. Für ein gut gefülltes Haus sorgte der letzte englische König aus dem Hause Plantagenet auch an der Technischen Universität Berlin. Dort hielt ausgerechnet eine Forschungs-„Königin“ namens King die diesjährige Queen’s Lecture. Die Archäologin, Anthropologin und Molekular-Genetikerin Turi King von der Universität von Leicester sprach über den historischen Richard III. (1452–1485).

„Seine mehr als 500 Jahre alte Vermissten-Akte kann geschlossen werden“, hatte King, Erstautorin der 2014 im Fachblatt „Nature Communications“ veröffentlichten Forschungsergebnisse, stolz verkündet. Mit einer Wahrscheinlichkeit von 99,99999 Prozent handelt es sich bei dem Skelett, das unter einem Parkplatz in der mittelenglischen Stadt Leicester gefunden wurde, um die sterblichen Überreste des Monarchen, der in der Schlacht von Bosworth grausam getötet wurde und der Überlieferung zufolge in der Kirche des Franziskanerklosters ohne Leichenhemd und Sarg verscharrt wurde.

Elf Verwundungen, neun davon am Kopf

Über die Puzzlesteine, die sich zu einem Bild zusammenfügten, berichtete die Forscherin in Berlin temperamentvoll und mit unverminderter Begeisterung. Fast alles spricht dafür, dass es sich bei dem Fund um die sterblichen Überreste des Monarchen handelt. Die Fundstelle am Ort, wo einst das Kloster stand, die Datierung des Fundes mit der Radiokarbon-Methode, Alter und Geschlecht der verstorbenen Person, und schließlich auch die schwere Skoliose, eine seitliche Verkrümmung der Wirbelsäule, die die von Zeitgenossen beschriebene schiefe Schulter des Königs erklärt und von Shakespeare mit dichterischer Freiheit in einen Buckel umgewandelt wurde.

Lars Eidinger als Richard III. in Avignon. Foto: Boris Horvat/AFP
Missvergnügt: Lars Eidinger als Richard III.Foto: Boris Horvat/AFP

Eindrucksvoll waren die Spuren von Verwundungen: elf an der Zahl, darunter eine Pfeilspitze in der Wirbelsäule und neun Verletzungen am Kopf. Ein Loch an der Schädelbasis zeugt wohl von der tödlichen Verletzung. Alles passte verblüffend zusammen.

Geschichte und Genetik verbinden

Für das Forscherteam ging es nun darum, Richards Identität auch anhand von Vergleichen seiner Erbsubstanz DNS mit der eventueller Nachfahren zu belegen. Eine Aufgabe, die ins Zentrum von Kings Interessen traf. „In meiner gesamten Arbeit versuche ich, Geschichte und Genetik zu verbinden“, sagte sie in Berlin.
Schon an der Uni Cambridge hatte King sich mit Besonderheiten des männlichen Y-Chromosoms befasst und nach ihrer Vererbung bei Trägern gleicher Nachnamen in Großbritannien gefahndet, um Migrationsströmen und der Bevölkerungsstruktur auf die Spur zu kommen. Ein Projekt, das nach dem aufregenden royalen Intermezzo weiterlaufen wird.

Auf der Suche nach Verwandten des mit 32 Jahren Verstorbenen mussten die Forscher Umwege in Kauf nehmen, denn er hatte keine Nachfahren, der einzige Sohn war vor ihm gestorben. Man musste sich für Analysen des Y-Chromosoms auf einen Vorfahren Richards und dessen Nachkommen stützen, Edward III.

Fünf Nachkommen wurden gefunden

„Fünf lebende Abkömmlinge der männlichen Linie haben wir ausfindig gemacht“, berichtete King. Anhand ihres Erbguts gelang es allerdings nicht, die bestechende Hypothese zur Identität des Toten von Leicester weiter zu stützen. Was zwar enttäuschend war, aber nicht ganz erstaunlich: „Ein bis zwei Prozent der Vaterschaftsereignisse sind in jeder Generation außerehelich.“ Auch im englischen Hochadel dürfte das nicht anders gewesen sein, meint King.

Durchschlagenden Erfolg hatten King und ihr Team dagegen beim Vergleich der DNS aus den Mitochondrien, den Kraftwerken der Zellen, die mit der weiblichen Eizelle vererbt werden. Ausgangspunkt der weiblichen Genealogie war hier Richards ältere Schwester Anne of York. Bei einem Mann und einer Frau fand sich eine Übereinstimmung der mitochondrialen DNS mit der des Königs.

Kult um den König

Am 26. März 2015 wurde Richard in der Kathedrale von Leicester unter großer Anteilnahme der Bevölkerung (wieder-)bestattet. Der harte Kern dieser Geschichte ist Wissenschaft: Genealogie und Genetik. Der Rest ist Kult: Die Fans des Fußball-Vereins Leicester City glauben zum Beispiel fest daran, dass der exhumierte Monarch ihnen ihren erstaunlichen Aufstieg bescherte. 2014 sind sie kurz nach Veröffentlichung der entscheidenden Studie zu Richard III. wieder in die Premier League aufgestiegen und wurden 2015/16 englischer Meister.
In Leicester denkt man nun in größeren Zeiträumen. Das legt ein Verkehrsschild auf dem Parkplatz nahe, unter dem der König gefunden wurde. Seine Aufschrift: „Maximale Parkzeit 500 Jahre“.

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