Geräusche : „Der akustische Raum hat sich stark verändert“

Der Historiker und Stadtforscher Peter Payer über Lärm in der Großstadt. Er erforscht unter anderem Lärm und Geruch in Städten des 19. und frühen 20. Jahrhunderts.

Peter Payer erforscht unter anderem Lärm und Geruch in der Stadt.
Peter Payer erforscht unter anderem Lärm und Geruch in der Stadt.Foto: Privat

War es im Mittelalter oder in der frühen Neuzeit eigentlich still in den Städten?

Still sicher nicht. Nach allem was wir wissen, war die Geräuschkulisse aber anders, die Menschen hatten wahrscheinlich auch „andere Ohren“, andere Wahrnehmungsgewohnheiten. Die Städte waren nicht so groß, die Naturgeräusche präsenter. Dazu kam das Getrappel der Pferde als dominantes Verkehrsgeräusch. Und nicht zuletzt das Läuten der Glocken! Ein ausgesprochen lautes Geräusch, das aber erst im ausgehenden 19. Jahrhundert als Störung empfunden wurde.

Warum wurde „Lärm in der Großstadt“ zu Beginn des 20. Jahrhunderts zu einem so großen Thema?

Es war eine Zeit, in der sich der akustische Raum stark verändert hat: Die Städte wurden größer, durch höhere Häuser erhöhte sich die Intensität des Schalls und durch die Motorisierung kamen neue Geräusche hinzu. Für mich als Stadtforscher ist besonders spannend, dass die Lärmdebatte von der Debatte über das Befinden des Menschen in der Großstadt nicht zu trennen ist. Sie eignete sich von Anfang an wunderbar als Projektionsfläche für politische und soziale Fragen.

Hat sich die Lärmproblematik inzwischen verändert?

Jede Modernisierungswelle bringt eine Diskussion über akustische Begleiterscheinungen mit sich, weil die Erreger von Lärm sich wandeln, und in einer solchen Zeit leben wir. Kraftfahrzeuge sind in den letzten 100 Jahren bedeutend leiser geworden, dafür haben sich Straßen- und Flugverkehr intensiviert. Wir sind in der U-Bahn von öffentlichen Telefongesprächen umgeben, können uns per Kopfhörer aber auch davon abschotten und den Sound selbst bestimmen. Mit dem Fluglärm ist das anders, wegzuziehen muss man sich leisten können. Die Geschichte zeigt: Laute Geräusche waren einerseits immer Ausdruck von Fortschritt, Vitalität und Freude, Lärmerzeugung ist aber auch immer schon eine Machtfrage gewesen.

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