Geschichte : Das große Latrinum: 155 Jahre öffentliche Toilette

Die Engländer feiern die öffentliche Toilette: Sie wollen sie 1852 erfunden haben. Doch schon das alte Rom kannte prachtvolle Klos. Eine Kulturgeschichte – die 2007 in Münster endet.

Peter Kasza
Das Latrinum
Café Achteck: Dieses gusseiserne Exemplar ging 1878 in Berlin in Serie. -Foto: akg-images

Manche Geschichten werden einfach so oft wiederholt, bis man endlich glaubt, es sei so gewesen. Die Sache mit der ersten öffentlichen Toilette zum Beispiel. Seit langem gilt das Jahr 1852 fast unwidersprochen als ihr Geburtsjahr. Damals gelangte die Londoner Stadtverwaltung zu der revolutionären Erkenntnis, dass Hygiene möglicherweise mit der Volksgesundheit zusammenhängen könnte. In ihrem Bestreben um öffentliche Reinheit setzten die Stadtväter eine Bedürfnisanstalt ausgerechnet in die Fleet Street, die Zeitungsmeile der Insel. Vermutlich kam es deshalb, wie es kommen musste: Journalisten, stets auf der Suche nach exklusiven Geschichten und fündig geworden vor der eigenen Bürotür, priesen die Toilette. Und weil die feierliche Eröffnung eines Klos nur bedingt vom Hocker zu reißen vermag, wurde daraus – Trommelwirbel – die erste öffentliche Toilette der Welt.

So feiern die Briten dieses Jahr also den 155. Geburtstag der ersten öffentlichen Toilette. Glückwunsch, doch die Sache hat einen Haken. England ist sicherlich die Mutternation wichtiger Errungenschaften, nur, öffentliche Toiletten gab es schon zu einer Zeit, da es England noch gar nicht gab.

Die öffentliche Toilette ist bedroht

Auch in Deutschland wird die öffentliche Toilette in diesem Jahr gewürdigt, der Anlass ist eher traurig. Denn der Ort ist bedroht, entweder er wird privatisiert oder geschlossen. Weshalb der Künstler Hans-Peter Feldmann es übernommen hat, dem Lokus beizuspringen, ihn zum Kunstobjekt zu überhöhen. Den passenden Rahmen bieten die „Skulptur Projekte Münster“ – dem nach der Kasseler Documenta zweiten großen deutschen Kunstereignis dieses Sommers. In Münster widmen sich über 30 Künstler der Frage nach der „Funktion von Kunst im öffentlichen Raum“. Feldmann hat die Münsteraner Domtoiletten von Grund auf saniert und mit großformatigen Bildern ausgestattet. Denn, so Feldmann, „ich möchte den Menschen dort ein positives, schönes Erlebnis ermöglichen.“ Der Effekt dürfte ein ähnlicher sein, wie der, den das erste Londoner Musterklo in der Fleet Street beim Publikum auslöste. Dort muss man in Fragen öffentlicher Hygiene zuvor Grausames gewöhnt gewesen sein.

Wer die wirklich allererste öffentliche Toilette der Geschichte konstruiert hat, wird wohl auf ewig im Dunkeln bleiben. Doch gut dokumentierte Beispiele aus längst vergangenen Tagen sind geeignet, das englische Selbstverständnis als Erfinder-Nation zu erschüttern. Bereits im Jahr 2400 v. Chr. gab es im Nordpalast von Esnunna (Mesopotamien) sieben nebeneinander liegende, in Stein gemeißelte Löcher, für die die Archäologen nur eine Erklärung haben: Hier konnte, wer musste, und das nicht allein. Auch die alten Griechen auf Kreta verfügten 600 v. Chr. über ein Etablissement, das Platz für 44 Notdürftige bot. Einzig, wie es auf den gemeinsamen Schüsseln zuging, darüber hüllen sich die zeitgenössischen Dichter leider in Schweigen.

"Hüte Dich, auf die Straße zu kacken!"

Das Latrinum
Trist waren die hygienischen Verhältnisse im Mittelalter, wie diese Buchmalerei aus dem "Decamerone" illustriert.Foto: akg-images

Erst mit den alten Römern rückte die Toilette ein Stück weiter ins Licht der Öffentlichkeit. Den Römern war sogar eine regelrechte Latrinenbesessenheit zu eigen, über die James Joyce mit dem zeitlichen Abstand von fast 2000 Jahren schreiben sollte: „Der Römer dagegen brachte ... jeder neuen Küste, auf die er den Fuß setzte, ... nur seine Kloakenbesessenheit. Er blickte in die Runde in seiner Toga, und er sagte: Hier ist gut sein. Lasst uns ein Wasserklosett installieren.“ Und zwar ein öffentliches, denn nur das war wirklich exportwürdig. Im durchschnittlichen römischen Zuhause ging es eher schlicht zu. Dort bestand das Toilettensystem aus einem Fass im Flur des Erdgeschosses, in das die Bewohner der mehrstöckigen Mietskasernen den Inhalt ihrer Nachttöpfe verfrachteten (außer sie waren es leid, jedes Mal vom sechsten Stock hinunterzulaufen, dann kippten sie einfach alles aus dem Fenster, wie der Satiriker Juvenal berichtet).

Exkremente in einer Schüssel durchs Treppenhaus zu tragen, war einigen aber zu würdelos, und wer es sich leisten konnte, erledigte die Angelegenheit außerhäusig: Er besuchte, wenn das Geld locker saß, eine Latrine, wenn er knausern musste, die Necessaria, eine vergleichsweise einfache Einrichtung. In Pompeji waren die Pächter um Werbung nicht verlegen und schrieben mahnend an die Häuserwände: „Cacator cave malum! Aut si contempseris, habeas Jovem iratum!“ – „Hüte Dich, auf die Straße zu kacken! Sonst wird Dich Jupiters Zorn treffen!“

Urin wurde besteuert

Der öffentliche Toilettengang wurde einem auch nicht schwer gemacht, denn das Netz war engmaschig. Um 400 n. Chr. gab es in Rom 144 Latrinen und 254 Necessarias, die größtenteils von einem Wassergraben unterspült waren und deren Inhalt direkt in die legendäre Cloaca Maxima floss. An lukrativen Verkehrsknotenpunkten gab es zusätzlich äußerst nützliche Pissoirs. Waren die Vasen dort voll, wurden sie von Urinsammlern abgeholt, denn die Kleidung wurde damals nicht mit Wasser, sondern mit vergammeltem Urin gewaschen (das Ammoniak löste trefflich auch den gröbsten Schmutz).

Kaiser Vespasian, der von 69 bis 79 n. Chr. in Amt und Würden war, erkannte darin eine neue Einnahmequelle und besteuerte den Urin. Das fand wiederum sein Sohn Titus eklig und schalt den Vater. Der schnupperte daraufhin an einer Urin-Steuer-Goldmünze und sagte: „Non olet“ - stinkt nicht, und während von seinen Vorgängern Caligula und Nero ein fragwürdiger Charakter in Erinnerung geblieben ist, war es von Vespasian das Bild des Pinkel-Imperators. Knapp zwei Jahrtausende später hießen die kopf- und fußfreien Pissoirs in Frankreich nach dem römischen Kaiser: „Vespasiennes“.

Auf der Latrine sitzend Geschäfte machen

Das Latrinum
Latrinenkultur war überall im Imperium Romanum: antike Anlage im heutigen Libyen. -Foto: akg-images

Berühmt war Rom aber für seine Prachtlatrinen, einem Treffpunkt der gehobenen Gesellschaft. Sie verzauberten den Benutzer mit grandiosem Luxus, mit Säulen, Mosaiken, Fußbodenheizung und, wie der römische Dichter Martial berichtet, auch mit rezitierenden Dichtern. Für 50 bis 60 Menschen bot eine durchschnittliche Latrine Platz, von einem „Stillen Örtchen“ konnte keine Rede sein. In den Klos des Imperiums saß man fröhlich nebeneinander, erfuhr neusten Tratsch, hier wurde das eine oder andere Geschäft abgeschlossen, und so steht zu vermuten, dass der Begriff „sein Geschäft machen“ den Ursprung in der römischen Latrine hat.

Wie überall, wenn’s ums Geschäft geht, gab es auch hier Schmarotzer. Martial beschrieb einen Zeitgenossen namens Vacerra, der es darauf anlegte, von Latrinen-Bekanntschaften zum Essen eingeladen zu werden. „Warum“, fragte Martial, „Vacerra überall auf dem Abort die Stunden zubringt und den ganzen Tag dort sitzt?“ Und gab auch gleich Antwort: „Cenaturit Vacerra, non cacaturit!“ – „Essen möchte Vacerra, nicht kacken!“

Im Mittelalter war es vorbei mit der Toilettenkultur

In Not gerieten die Vacerras dieser Erde mit dem Untergang des Römischen Reiches, denn da war es mit der schönen Toilettenkultur erst mal dahin. Alles was Hochkulturen in den vergangenen Jahrtausenden aufgebaut hatten, war mit dem Mittelalter vergessen. Man hauste in zugigen Burgen, suchte den heiligen Gral und stapfte durch tiefen Schlamm. Für Körperhygiene war nicht viel Zeit, man entleerte sich dort, wo es gerade nötig war. In den Burgen gab es Abtrittswinkel, wo man sich hinhockte und sein Innerstes per Fallrohr in den Burggraben platschen ließ.

Auch in den Städten beförderte man die Fäkalien einfach per Rohr auf die Straße. Wer kein Rohr hatte, kippte alles durchs Fenster. In Frankreich erging deshalb die rührend hilflose Anordnung, in Zukunft drei Mal „Gardez l’eau“ zu rufen, bevor der Inhalt des Nachttopfs nach draußen flog. So oder so, auf den Straßen stank es erbärmlich.

In einer zivilisatorisch dermaßen fragwürdigen Umgebung die Menschen von der Notwendigkeit zu überzeugen, im großen Stil öffentliche Toiletten zu etablieren, war ein schwieriges Unterfangen. Ab und an findet man in der mittelalterlichen Geschichte dennoch Berichte über öffentliche Bedürfnisanstalten. In Frankfurt hatte es 1348 eine gegeben (dort war auch von einer Frau Hilla, ihres Zeichens „Schizhusfegerin“, die Rede), in London 1383, und in Basel 1455 – aber sie waren nicht mehr als Fähnchen im Wind des mittelalterlichen Zeitgeistes, und Mal um Mal wurde sie von ihm fortgeweht.

In Versailles gab es 2000 Zimmer und nur ein Klo

Der Übergang zur Neuzeit gestaltete sich fließend, denn selbst am so erhabenen Hof von Ludwig XIV. gab es zwar 2000 Zimmer, aber nur ein einziges stationäres Klo. Man benutzte stattdessen so genannte Kackstühle, und der König selbst machte es zur Tugend, Empfänge auf einem besonders schicken Exemplar sitzend abzuhalten. Zu den pompösen Festen nach Versailles kamen gut und gerne 10.000 Gäste auf einen Schlag, die sich in den Königlichen Gärten zu erleichtern pflegten. Noch 1764 klagte ein Zeitgenosse: „Beim Geruch des Parks und der Gärten des Schlosses wird einem übel.“ Diese absolutistische Sauerei wurde 1789 von der Revolution hinweggefegt. Fortan sollte gelten: Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit – auch auf der Toilette. Eine Hand voll öffentlicher Klos wurde aufgestellt. Ihre Zahl war indes überschaubar: 1820 gab es in Paris ganze acht Stück.

Langsam sorgte auch das zunehmendes Schamgefühl für skurrile Auswüchse. Unabhängig voneinander gab es um das Jahr 1800 herum auf den Straßen in verschiedenen europäischen Städten menschliche Dixi-Klos, denen die Toilettenwissenschaft den schönen Namen „mobile Abtrittsanbieter“ gab. Deren Arbeitsutensilien bestanden aus zwei Eimern und einem wallenden Mantel. Wenn nun jemand musste, warf der Klomann gegen einen kleinen Obolus den Mantel um des Kunden Hals, der sich dann in die Eimer entleeren konnte. Diese schöne Tradition weist auf eine Änderung in Sachen Schamgefühl: Es ging – ganz entgegen der antiken Tradition – darum, nicht mehr gesehen zu werden, den entblößten Körper zu verdecken.

Großbritannien, die führende Klo-Nation

Das Latrinum
Kunst-Klo: Von Hans-Peter Feldmann bei den Skulptur Projekten Münster gestaltet. -Foto: akg-images

Doch erst mit der Industrialisierung und neuen Erkenntnissen zur Hygiene erlebte die öffentliche Toilette eine wirkliche Renaissance. Und so führt dieser Exkurs durch fünf Jahrtausende zurück auf die britische Insel. Schon Ende des 16. Jahrhunderts hatte Sir John Harington so lange getüftelt, bis er das erste pumpenbetriebene Wasserklosett präsentieren konnte. Das zeigte er stolz seiner Tante Königin Elisabeth I., die aber ob dieser Idee pikiert reagierte. Harington fiel in Ungnade. Erst 1775 meldete dann Alexander Cumming das Patent für das erste Water Closet (WC) mit Geruchsverschluss an – mit dem legendären, bis heute verwendeten doppelt gebogenen Abflussrohr.

Wahrscheinlich fühlen sich die Briten auch wegen dieser Erfindung als führende Klo-Nation. Aber in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts gab es in ganz Europa eine Öffentliche-Toiletten-Bewegung, die den neuen hygienischen Maßstäben geschuldet war. Berlin war natürlich vorne dabei. 1820 stand angeblich in der Nähe der Nikolaikirche eine erste öffentliche Latrine. Ab 1878 eroberten die legendären „Café Achteck“ genannten gusseisernen Häuschen die Plätze. In London konnten sich die Besucher der allerersten Weltausstellung über zahlreiche freie Klos freuen – bereits 1851, also ein Jahr vor der vermeintlich ersten öffentlichen Toilette der Welt in der Fleet Street. In Paris bauten sie ein Vaspesienne nach dem anderen, bis es um die Jahrhundertwende 4000 waren.

Sinkende Zahlen öffentlicher Toiletten

Doch wie bei manch anderer Erfindung forderte die Zeit ihren Tribut, und je mehr Privatwohnungen mit einem WC ausgestattet waren, desto mehr sank auch die Bedeutung der öffentlichen Toilette. Vielleicht erlebte sie ja 1996 in Berlin-Marzahn einen ihrer letzten Höhepunkte. Damals berichtete die „Berliner Zeitung“, dass der im Aufbruch begriffene, 168.000 Einwohner zählende Bezirk nun erstmals über eine entsprechende Einrichtung verfüge: „Zur Eröffnung gab’s Freibier, Musik und eine kurze Rede des Bürgermeisters, in der er den Marzahner Fortschritt würdigte.“

2002 schlug die „British Toilet Association“ Alarm. Zum 150-jährigen Jubiläum der Toilette in der Fleet Street warnte sie, dass 47 Prozent der öffentlichen Klos in England während der vergangenen acht Jahre geschlossen worden seien. Kein Wunder, das Image der Bedürfnisanstalten war doch arg ramponiert. Sie sei, so das allgemeine Vorurteil, Tummelplatz für allerlei halbseidene Gestalten, sei dreckig und stinke.

Schön, dass sich nun die zeitgenössische Kunst diesem fatalen Trend entgegenstemmt. So heißt es im Katalog zu den „Skulptur Projekten Münster“ über Hans-Peter Feldmanns Arbeit: Er konfrontiere das unangenehme Bild von öffentlichen Toiletten, das wir in uns tragen, mit dessen Gegenteil. Ziel des Unterfangens: Der Toilettengang solle wieder zu einer „zwanglosen Selbstverständlichkeit“ werden.

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