Geschichtswissenschaften : Alte Schlachtrösser gegen junge Milde

Der Deutsche Historikertag in Mainz widmet sich alten Konflikten um Ressourcen – und schürt neue.

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Mit Strickjacke zum Staatsbesuch. Vertrauen wird im 20. Jahrhundert zur wichtigsten Ressource der Außenpolitik. Das Private wird inszeniert, wie hier bei einem Treffen von Helmut Kohl und Hans-Dietrich Genscher mit Michail Gorbatschow im Juli 1990.
Mit Strickjacke zum Staatsbesuch. Vertrauen wird im 20. Jahrhundert zur wichtigsten Ressource der Außenpolitik. Das Private wird...Foto: picture alliance / dpa

Schirmherrschaften sind eine rein symbolische Angelegenheit. An diese Regel hatte Kurt Beck erinnert, als er in einem launigen Grußwort auf landesväterliche Weise der Hoffnung Ausdruck verlieh, das Mainzer Wetter möge aus ihm keinen echten Schirmträger machen. Der Himmel blieb überwiegend heiter, die politische Wetterlage nicht: Als am Wochenende der Deutsche Historikertag endete, war der Ministerpräsident Kurt Beck selbst Historie.

Selten vollzieht sich Geschichte auf Historikertagen derart unmittelbar. Um sie sichtbar zu machen, bedarf es normalerweise erst der Anstrengung der Wissenschaftler. Rund 3500 Historiker trafen sich in der Johannes-Gutenberg-Universität, um das Selbstverständnis des Faches zu diskutieren. Der mit 400 Beiträgen in 60 Sektionen größte geisteswissenschaftliche Kongress Europas versteht sich als Bindeglied zwischen den verschiedenen Professionen und bringt Professoren, Forscher, Geschichtslehrer und Praktiker aus Museen und Medien zusammen.

Als thematische Modenschauen taugen Historikertage nur bedingt. Ein hierarchisches Anmeldeverfahren führt zur Marginalisierung der eigentlichen Trendsetter der Forschungsthemen: der Doktoranden. Stattdessen dominieren meist etablierte Felder. Neue Themen wie die boomende Ding- oder die Tiergeschichte, die sich vom Menschen als alleinigem Gestalter der Geschicke abwendet und die Rolle anderer natürlicher Faktoren ausloten will, fehlten im Mainzer Programm denn auch fast völlig. Das Thema „Ressourcen – Konflikte“ war dennoch gut gewählt. An ihm ließ sich beispielhaft illustrieren, wie die Gegenwart die Perspektive auf die Vergangenheit selbst älterer Epochen prägt. Historikertage bieten zudem die seltene Gelegenheit zu Spaziergängen durch die sonst streng getrennten Epochen.

In Mainz konnte ein solcher Spaziergang im Jahr 1938 beginnen – vor Christus. Ein epochenübergreifendes Panel widmete sich dem Wasser als einer der wichtigsten Ressourcen der Menschheit, die schon im alten Ägypten heftig umstritten war. Die Pharaonen kannten seine strategische, kultische und repräsentative Bedeutung, wie die Freiburger Historikerin Sitta von Reden ausführte. Die ägyptischen Herrscher stellten ihre Macht durch kunstvoll inszenierte Wasserspiele zur Schau.

Wie das antike Wasserwissen noch das 17. Jahrhundert prägte, zeigte der Darmstädter Historiker Christian Wieland anhand der Erneuerung römischer Aquädukte und der Rückführung des Tibers: ein frühes Umweltprojekt. Auch die Fürsten des neuzeitlichen Europas stellten ihren Herrschaftsanspruch in der Gartenkunst dar und griffen dabei auf Bewässerungssysteme nach antikem Vorbild zurück.

Mit dem Geld war die zweitwichtigste Ressource benannt, um die mehrere Panels kreisten. In seiner Eröffnungsansprache hatte der Frankfurter Wirtschaftshistoriker Werner Plumpe zwar betont, dass es keine Ressource im eigentlichen Sinne ist, sondern nur ein Wertäquivalent, doch war schon im Hochmittelalter die Politik oft allzu eng an die Finanzmärkte gekoppelt. Dies zeigte der Mainzer Mediävist Joachim Schneider anhand des Stimmenkaufes bei den wahlberechtigten Mitgliedern des Kurfürstenkollegs im 13. Jahrhundert. Die zunehmend monetäre Steuerung politischer Entscheidungen in dieser Zeit erklärte der Wissenschaftler mit der Erschließung von Silbererzvorkommen, die einen neuen Währungsstandard in Europa etabliert hatten. So wurden Privilegien und Sachwerte zunehmend durch klingende Münze ersetzt.

Doch auch immaterielle Rohstoffe unterlagen dem Wandel. Für das gestörte deutsch-französische Verhältnis etwa wurde Vertrauen die zentrale Ressource. Philipp Gassert (Augsburg) zeichnete nach, wie die Außenpolitik nach 1945 Vertraulichkeit zwischen Staatsoberhäuptern inszenierte. Während „Männerfreundschaften“ zwischen Politikern wie Kohl und Gorbatschow oder Brandt und Mitterand in Mimik und Gestik vertrauensbildende Maßnahmen symbolisierten, verschwanden Fotos mit gegenteiliger Botschaft in der Schublade.

Zwar warfen auch Jahrestage der Politikgeschichte wie das 50. Jubiläum des deutsch-französischen Freundschaftsvertrags von 1963 ihre Schatten voraus, doch blieb der Historikertag im ausgehenden Friedrich-Jahr und am Vorabend des 100. Jubiläums des Ersten Weltkrieges in seiner Themenwahl weitgehend ungestört von den Zwängen des Gedenkkalenders. Den Debattenfrieden störte einzig ein Einwurf des stets rauflustigen Freiburger Zeithistorikers Ulrich Herbert. Während ein Podium die Selbsthistorisierung des Historikerverbandes betrieb, provozierte er mit der These von der „Verlangweilung“ der Geschichtswissenschaft.

Tatsächlich vermisste man einige altvordere Schlachtrösser des Faches. Namen wie Hans-Ulrich Wehler oder Hans Mommsen fehlten auffallend im Programm. Auf den Lehrstühlen habe inzwischen eine Generation der Konfliktscheuen Platz genommen, die nicht mehr streite und so zur Marginalisierung des Faches in der Öffentlichkeit führe, so die Kritik. Zumindest über diese These ließ sich trefflich streiten, denn der 49. Historikertag zeigte die Zunft im Umbruch. Während Fragen der Schuld mit dem Aussterben der Zeitzeugengeneration allmählich in den Hintergrund treten, zeichnen sich komplexere Problemfelder ab. Die Umweltgeschichte, das Zeitalter von Massenkommunikation und Popkultur, die Anfänge der Computerisierung und die feine Verästelung globaler Prozesse taugen nicht so gut für klare Dichotomien und scharfe Debatten.

Dass Herberts Kritik mehr als nur ein Körnchen Wahrheit enthält, machte aber schon die eingangs in Richtung Politik lancierte Bemerkung des scheidenden Verbandspräsidenten Werner Plumpe deutlich: Der wachsende Druck zum Einwerben von Drittelmitteln führe zu strategischem Verhalten und diskursiver Unschärfe. Wer will schon einen Kollegen kritisieren, der morgen als Gutachter den eigenen Drittmittelantrag ablehnen könnte? Insofern war das Thema Ressourcen-Konflikte mit Hintersinn gewählt. Die ausufernde Mittellotterie bei sinkender Bewilligungsquote hindert die zunehmend mit Antragsprosa befassten Historiker daran, aus jener stetig nachwachsenden Ressource zu schöpfen, die ihr eigentliches Element ist: aus der Geschichte selbst.