Geschlechtergerechtigkeit in den MINT-Fächern : Technik für alle

Ob Computer oder der Bau von Spielplätzen: Geschlechterzuschreibungen wirken sich auch auf Technik aus. Noch immer ist oft der Mann die Norm, an der sich Entwicklungsprozesse orientieren.

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Eine junge Frau blickt durch ein Mikroskop.
Forschender Blick. Für die Studie der ETH Zürich wurden 780 Physiklehrkräfte aus Deutschland, Österreich und der Schweiz befragt.Foto: picture alliance / dpa

Das Deutsche Institut für Normung (DIN) bestimmt die Normen der deutschen Industrie und Technik – und das Foto seiner Mitglieder zeigt, wie diese Norm aussieht: Alt, männlich, weiß. Keine einzige Frau reihte sich auf der vergangenen DIN-Jahrestagung unter die 35 Männer in dunklen Anzügen, seit seiner Gründung 1917 ist das Präsidium eine Männerdomäne. Für die Ingenieurin Kira Stein, Vorstand im Deutschen Ingenieurinnenbund, ist das Foto eine Metapher für die noch immer männlich geprägte Technikwelt. Schmunzelnd zeigt sie es dem Publikum in der TU deswegen bei ihrer Präsentation: „Die dürfen die Norm bestimmen – das ist die Realität, die es zu verändern gilt.“

Auf Einladung des Zentrums für Interdisziplinäre Frauen- und Geschlechterforschung ist Stein diese Woche an die TU gekommen, um über Vielfalt und Geschlechtergerechtigkeit in der Technik zu sprechen. Der Anlass: Die ersten acht Studierenden der TU haben das Programm „Gender Pro MINT“ abgeschlossen. Seit 2012 können Studierende Veranstaltungen belegen, in denen sie reflektieren, wie sich Geschlechterzuschreibungen auf die MINT-Fächer Mathematik, Informatik, Naturwissenschaft und Technik auswirken.

Warum über Geschlecht nachdenken, wenn man später Turbinen bauen will?

Doch warum sollen Studierende über Geschlecht nachdenken, wenn sie später Turbinen bauen oder Computerprogramme schreiben? „Auch Technik ist nicht neutral, sie spiegelt Geschlechterkonzeptionen wider und schafft diese selbst“, erklärt Petra Lucht, Gastprofessorin für Gender Studies in den Ingenieurwissenschaften. „Wenn Studierende das reflektieren, können sie Technologien gestalten, die Chancengleichheit ermöglichen, statt Menschen auszuschließen oder in Rollen festzuschreiben.“

Kira Stein hat als Entwicklungsleiterin oft beobachtet, wie Produkte an denen, die sie nutzen sollen, vorbeigeplant werden. Weil der Mann die Norm war, gab es für schwangere Frauen zum Beispiel lange Zeit keine geeigneten Sicherheitsgurte. Ein anderes Beispiel jenseits der Produktentwicklung, und zwar aus der Medizin: Herzinfarkte bei Frauen konnten oft nicht rechtzeitig bemerkt werden, weil sie sich anders bemerkbar machen als bei Männern. „Deswegen brauchen wir Menschen, die beim Thema Gender keine blinden Flecken haben.“

Blinde Flecken in Technik und Planungsprozessen

Wo verstecken sich diese blinden Flecken in Technik und Planungsprozessen? Welche Geschlechterannahmen sind etwa den Quellcodes von Programmen eingeschrieben, wie kann man Spielplätze bauen, die kein Kind ausschließen? Die TU-Studierenden haben sich in Projektarbeiten mit Fragen wie diesen befasst. Die Physikstudierenden Max Metzger und Franziska Kaiser befragten iranische und deutsche Physikerinnen und fanden heraus, dass Physik im Iran bei Weitem kein so maskulines Image hat wie in Deutschland. Informatikstudentin Melanie Irrgang zeigte, dass Algorithmen zur automatischen Gewalterkennung in Filmen häusliche Gewalt, die vor allem gegen Frauen gerichtet ist, kaum berücksichtigen.

Die Landschaftsplanerin Anne Miersch verglich Spielplätze der 50er Jahre mit Spielplätzen von heute. Ihr Fazit: In vielen Fällen würden dort auch heute Ausgrenzungen fortgeschrieben. Zum Beispiel auf einer Ballspielanlage in Lichtenberg, auf der Jungen und Mädchen räumlich getrennt wurden und Jungen nach wie vor den Bolzplatz dominieren. Miersch entwarf als Gegenmodell eine elliptische Spielfläche, auf der die Spielenden um eine grüne Insel in der Mitte des Feldes herumdribbeln oder diese durch darin angelegte Balltunnel ins Spiel integrieren können. Die Tore sind halbrund, die Basketballkörbe sind höhenverstellbar, etwa für Kinder im Rollstuhl. „Die Platzgestaltung soll mit traditionellen Formen brechen und so alle Kinder einbeziehen“, erklärt Miersch ihr Konzept. Statt sich für eine angebliche Jungen- oder Mädchenseite des Platzes zu entscheiden, könnten die Kinder auf diesem Feld alles ausprobieren.

Das Potenzial von Frauen für MINT-Berufe wird oft nicht ausgeschöpft

Perspektiven, wie sie die Studierenden entwickelt haben, dürften in der Wirtschaft nicht vernachlässigt werden, sagt Kira Stein. Auch, weil sich Deutschland sonst trotz Fachkräftemangels das Potenzial der Frauen für MINT-Berufe entgehen lasse. Bei der Bedeutung von Frauen für Wirtschaftsinnovationen liegt Deutschland laut DIW weltweit hinten. „Gender Pro MINT“ soll Studierende daher weiter sensibilisieren. Zur Zeit sind 200 Studierende eingeschrieben, die Nachfrage überstieg von Anfang an das Angebot.

Auf die Inneneinrichtung der TU hat sich das Programm allerdings noch nicht ausgewirkt: Bei der Übergabe der Abschlusszertifikate blickten aus den Bilderrahmen an den Wänden nur Männer herab. Es waren die bisherigen Präsidenten der TU.

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