Gestik : Wenn Körper sprechen

Die Emotion steckt im Detail und benötigt einen geübten Blick, um decodiert zu werden: Gefühle drücken sich oft in Mimik und Gestik aus. Forschern gibt diese wortlose Sprache Rätsel auf.

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Erstaunt? Ängstlich? Wütend? Beth Ditto von der Band The Gossip. Wie Mimik und Gestik gedeutet werden, hängt vom Kontext ab.
Erstaunt? Ängstlich? Wütend? Beth Ditto von der Band The Gossip. Wie Mimik und Gestik gedeutet werden, hängt vom Kontext ab.Foto: imago

Das Lächeln, das die Mundwinkel umspielt, der leicht zurückgeneigte Kopf, die sich unmerklich aufrichtende Haltung des Oberkörpers – es handelt sich um die typischen Ausdrücke von Stolz. Auch Scham entfaltet sich innerhalb von nur vier bis fünf Sekunden, in denen eine Reihe von kleinsten Gesten aufeinanderfolgt: der Blick wird abgelenkt, ein Lachen geht in ein Lächeln und wieder in kontrolliertes Lachen über, der Kopf neigt sich nach unten, die Hände fassen unwillkürlich ins Gesicht.

Für Gestikforscher sind solche Körperreaktionen leicht entschlüsselbar. Die Fragen, die sich an das menschliche Gestikrepertoire anschließen, sind indes mannigfaltig und beschäftigen Neurowissenschaftler, Anthropologen und Linguisten gleichermaßen. Wie entsteht gestische Bedeutung? Wie setzen sich verschiedene Gesten zusammen, um eine Emotion abzubilden? Welche Bedeutung haben Gesten für Alltagskonversationen? Welche Gesten sind erlernt, welche gehören zum Grundrepertoire menschlicher Affekte? Sind sie universell oder unterscheiden sich bestimmte Gesten innerhalb der Kulturen?

Es braucht nicht nur Interdisziplinarität, sondern auch ein ganzes Arsenal an Geisteskraft, diesen Fragen nachzugehen, und so kamen jetzt über 300 Wissenschaftler der „Internationalen Gesellschaft für Gestikforschung“ (ISGS) zu einer einwöchigen Konferenz an der Europa-Universität Viadrina in Frankfurt/Oder zusammen. Unterteilt in mehrere Themenkomplexe (Zeichensprache, Kunst und Film, Neurobiologie oder Kognitionswissenschaft) widmeten sich insgesamt knapp 200 Vorträge den neuesten Ergebnissen der Gestikforschung. „Nach dieser Konferenz wird es schwierig für die Linguisten zu behaupten, dass Sprache nur aus Wörtern besteht. Vielmehr sind komplexe Körpergesten am Prozess der Bedeutungsproduktion mit beteiligt“, resümiert Cornelia Müller, Professorin für Angewandte Sprachwissenschaft an der Viadrina und Herausgeberin der Zeitschrift „Gesture“.

Seitdem zum ersten Mal in den frühen 80er Jahren eine Gruppe von Berliner Wissenschaftlern Gesten auch von einem linguistischen Standpunkt aus untersucht, und im Jahr 2000 die Freie Universität Berlin unter der Leitung von Müller das „Berlin Gesture Project“ ins Leben gerufen hatte, hat die Gestikforschung als interdisziplinäres Paradigma par excellence sämtliche Fachbereiche affiziert. Laut Müller hat sich Deutschland international als besonders prominenter Standort für Gestikforschung etabliert. Entsprechend hoch war die Fördersumme der Volkswagen-Stiftung, die das mehrjährig angelegte Projekt „Towards a Grammar of Gesture: Evolution, Brain and Linguistic Structures“ (ToGoG) an der Viadrina mit fast einer Million Euro fördert.

Den Erfolg all dieser Unternehmen sieht Müller nicht zuletzt darin begründet, dass Gesten einerseits ein universales Phänomen sind, also für alle Menschen gleichermaßen Relevanz besitzen. Andererseits seien Gesten auch abhängig von kulturellen Neuentwicklungen, die es zu untersuchen gelte. „Jüngere Kulturtechniken wie das Telefonieren mit dem Handy gehen innerhalb relativ kurzer Zeit in unser Gestenrepertoire über und schaffen neue Codes“, erklärt Müller. Sie hält ihre Faust ans Ohr, Daumen und kleinen Finger abgespreizt, ein Mobiltelefon imitierend – eine Geste, die vor einem Jahrhundert noch unverständlich gewesen wäre.

Zu den Aufgaben der Gestikforschung zählt heute, nicht mehr nur einzelne Gesten auf ihre Bedeutung zu befragen, sondern auch die Wechselwirkung zwischen Sprechakt, Gestik und individueller Körperdisposition zu analysieren. So untersuchten Mary Copple, Mone Welsche und Cornelia Müller vom Exzellenzcluster „Languages of Emotion“ der Freien Universität Berlin das Phänomen der Alexithymie, die sogenannte Gefühlsblindheit: Menschen mit Alexithymie haben Schwierigkeiten, Gefühle adäquat zu beschreiben. „Etwa zehn Prozent der deutschen Bevölkerung ist alexithymisch“, so Copple. „Mithilfe der Gestikforschung wollten wir herausfinden, ob diese Menschen bestimmte Gefühle tatsächlich nicht empfinden, oder ob es sich um ein kognitives Problem handelt, sie zu artikulieren.“ 50 Stunden Videomaterial mit Interviews von 100 Versuchsteilnehmern – die Hälfte davon alexithymisch – sollte Aufschluss über das Auftreten sogenannter Posture-Gesture-Mergers (PGMs) geben, die spontan und intuitiv erfolgende Verschmelzung von Körperbewegung und Gestik beim Sprechen. „PGMs sind nicht intentional erlernbar sondern unmittelbare Ausdrücke einer Persönlichkeit, die sich in einem Gesprächsmoment besonders engagiert“, sagte Copple. So beugten sich beispielsweise manche Menschen plötzlich nach vorne, wenn sie etwas ausriefen, oder fielen in sich zusammen, wenn sie verunsichert würden.

Die Analyse des Videomaterials ergab, dass Menschen mit Alexithymie deutlich weniger PGMs produzierten – auffälligerweise jedoch nur dann, wenn sie zu ihren Gefühlen oder emotional besetzen Themen befragt wurden. Sollten sie Fragen aus einem Intelligenztest beantworten, zeigten sie eine normal hohe Anzahl von PGMs. „Das weist darauf hin, dass alexithymische Menschen bei geistiger Arbeit entspannter sind und entsprechend mit einer größeren Selbstverständlichkeit intuitiv gestikulieren“, schlussfolgerte Copple. Bei Alexithymie handele es sich also wahrscheinlich eher um eine kognitive Unzulänglichkeit, Emotionen und deren Ausdruck intuitiv synchronisieren zu können. Daran knüpften sich auch Fragestellungen für zukünftige Forschung: „Wir wollen untersuchen, ob PGMs bei Männern und Frauen unterschiedlich auftreten.“

Die Art und Anzahl der Gesten hängt indes nicht nur vom einzelnen Sprecher ab. Vielmehr müsse auch der kulturelle und sprachliche Raum betrachtet werden, in dem sich jemand bewege, so Tasha Lewis vom Marianopolis College im kanadischen Montreal. Sie stellte die Ergebnisse ihrer Studie vor, in der sie sechs englische Muttersprachler in einem Sprachkurs in Barcelona beobachtet hatte um herauszufinden, ob sich ihre Gestik verändern würde. Der Erwerb des Spanischen bedeutete auch einen Wechsel der Sprachfamilie, denn Englisch ist eine germanische, Spanisch eine romanische Sprache, in der meist bei Aussprechen des Verbs gestikuliert wird. „Ältere Studien haben behauptet, man behalte sein muttersprachliches Gestikmuster bei Erwerb einer Fremdsprache bei“, so Lewis. Die Auswertung ihres Videomaterials hätte jedoch ergeben, dass die Teilnehmer im Verlaufe ihres Sprachkurses zunehmend der spanischen Satzstruktur gemäß ihre Gesten platziert hätten. „Dieses Ergebnis stützt die hohe Bedeutung des Lernens im fremden Land“, bilanzierte Lewis. „Die subtilen Aspekte der Kommunikation, wie Gestik, fördern den umfassenden Erwerb einer Fremdsprache.“

Die nächste Konferenz der ISGS findet 2011 in Lund (Schweden) statt. „Bis dahin wird eine weitere beachtliche Zahl an Publikationen zur Gestikforschung erschienen sein“, so Müller. Vielleicht, hofft sie, schlage sie auch Wellen außerhalb des universitären Rahmens. Nicht zuletzt für Schauspieler dürfte ein detailliertes Wissen über Geschichte und Funktionsweisen von Gesten außerordentlich interessant sein.

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