Gesunde Ernährung : Die unwahre Geschichte von der Droge Zucker

Kritiker behaupten, dass Zucker kein Nahrungsmittel ist, sondern ein gefährlicher Suchtstoff. Süßigkeiten sollen den Menschen wie eine Droge betören und abhängig machen. Diese Behauptungen laufen allerdings ins Leere.

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Begehrt. Jedes Jahr verzehrt ein Bundesbürger 33 bis 34 Kilogramm Zucker.
Begehrt. Jedes Jahr verzehrt ein Bundesbürger 33 bis 34 Kilogramm Zucker.Foto: dpa

Alles auf Zucker? Wohl kaum. Süßes hat zurzeit eine schlechte Presse. Anfang September kündete eine Titelgeschichte des „Spiegel“ von der „Droge Zucker“ und der gefährlichen „Sucht nach Süßem“, Mitte November zog der Fernsehsender „3sat“ mit der Reportage „Zeitbombe Zucker“ nach. Zucker sei ein „gefährlicher Suchtstoff und kein Nahrungsmittel“. Die Botschaft dieser und ähnlicher Beiträge: Die Lebensmittelindustrie macht uns abhängig von Zucker. Wir essen immer mehr Süßes und werden massenhaft dick, zucker- und am Ende womöglich krebskrank. Manchem wird da der Appetit vergehen, mögen in der Weihnachtszeit Lebkuchen, Marzipankartoffeln und Schokoweihnachtsmänner auch noch so sehr locken.

Aber die Kritik am Zucker läuft weitgehend ins Leere. Das beginnt schon mit der Behauptung von der „Droge Zucker“. Sie stellt die Realität auf den Kopf. Denn der Körper ist seit Urzeiten auf süßen Geschmack geeicht. Süßes verheißt energiereiche und gut bekömmliche Nahrung. Der angenehme Geschmack belohnt den Konsum. Dieses Prinzip nutzen Drogen, doch sie betören und täuschen den Körper. Drogen sind ein Nachschlüssel in die Belohnungszentrale des Gehirns. Sie verschaffen uns Wohlgefühl ohne guten Grund. Die Droge imitiert den Zucker, aber das macht diesen noch lange nicht selbst zur Droge. Auch das kleine Glück beim Biss in den Schokoriegel genügt nicht dafür.

Grafik: Tsp/Gitta Pieper-Meyer

Traubenzucker ist Treibstoff fürs Gehirn

Traubenzucker (Glucose), ein wesentlicher Bestandteil von Süßem, ist der Haupttreibstoff des Gehirns. Von den 160 Gramm Glucose, die der gesamte Körper täglich benötigt, „saugt“ allein das Gehirn 120 Gramm auf. Wir brauchen Glucose zum Denken. Deshalb verwundert es nicht, dass Zucker, insbesondere Traubenzucker, als Nervennahrung die geistige (ebenso wie die körperliche) Leistungsfähigkeit steigert. Und zwar bei Schulkindern wie bei Erwachsenen und selbst bei Älteren, die geistig geschwächt sind.

Dem Zucker fehlen Merkmale einer Droge. Es existiert kein Verlust der Selbstkontrolle, wie er etwa für Alkoholkranke typisch ist. Alkoholiker trinken oft, bis sie buchstäblich unter dem Tisch liegen. Die meisten Naschkatzen dagegen haben nach spätestens zwei Stück Linzer Torte oder einer Tafel Schokolade mehr als genug. Es gibt auch kein Abstumpfen der „Wirkung“, wie es bei Drogen charakteristisch ist. Ebenso ist nicht bekannt, dass Menschen für Gummibärchen oder Vanilleeis Beruf, Partnerschaft, die eigene Gesundheit oder die anderer aufs Spiel setzten, was für Drogen kennzeichnend ist. Und schließlich gibt’s auch keine Entzugserscheinungen. Es sei denn, man würde Hunger so deuten. Was doch ein wenig zynisch wäre.

Der Zuckerkonsum der Deutschen ist seit Jahrzehnten gleich geblieben

Der Pro-Kopf-Verbrauch von Zucker ist mit 33 bis 34 Kilogramm pro Jahr in Deutschland seit vier Jahrzehnten praktisch unverändert. Man kann ihn für zu hoch halten, aber er rechtfertigt nicht die von „3sat“ verbreitete Prognose, dass sich die Zahl der Zuckerkranken (Diabetiker) in den nächsten zehn Jahren verdoppeln werde. Zum einen hat die Zuckerkrankheit Diabetes anders als oft behauptet mit dem Zuckerkonsum nur mittelbar zu tun. Zutreffend ist dagegen, dass Fettsucht das Diabetesrisiko drastisch erhöht, und natürlich essen stark Übergewichtige meist zu fett und zu süß.

Eine starke Zunahme der Fettsucht, die als Grundlage einer drastischen Ausbreitung der Zuckerkrankheit plausibel wäre, wird zwar oft behauptet, ist aber nicht vorhanden. Bei deutschen Einschulkindern stagnieren Übergewicht und Fettsucht oder sind sogar rückläufig. Stagnation oder allenfalls geringe Zunahme auch bei den Erwachsenen, wie ein Blick in die statistisch repräsentativen Erhebungen des Mikrozensus zeigt. Das alles bei weiter steigender Lebenserwartung.

Zum Verteufeln des Zuckers besteht kein Anlass, zum gedankenlosen Konsum natürlich ebenso wenig. Zucker bringt bei mangelnder Mundhygiene die Zähne in Gefahr, und mit ihrem hohen Kaloriengehalt begünstigen Süßigkeiten zudem eine ungesunde Gewichtszunahme. Wie stets im Leben gilt es eine Balance zu finden. Gelegentliches Naschen, bewusst und maßvoll, lässt sich vertreten. Weihnachten kann kommen.

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