• Gottfried Wilhelm Leibniz - auf dem Weg ins Gedenkjahr 2016: Der letzte Universalgelehrte

Gottfried Wilhelm Leibniz - auf dem Weg ins Gedenkjahr 2016 : Der letzte Universalgelehrte

Leibniz war wohl der letzte Universalgelehrte - und er strebte nach der besten aller Welten. Jetzt wird er neu entdeckt, in Berlin widmet die Akademie der Wissenschaften ihrem Gründer anlässlich seines 300. Todestags im kommenden Jahr erste Veranstaltungen.

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Ein Bildnis von Leibniz, dargestellt in einem Aufsatz auf ein steinernes Podest.
Leibniz auf dem Podest. Mit dieser Gravur des großen Gelehrten wurde eine Universalgeschichte von 1917 illustriert.Foto: mauritius images

Wer heute behauptete, er sei in jeder gängigen Wissenschaft gleichermaßen gut bewandert, würde wohl zu Recht als größenwahnsinnig verspottet. Zu vielfältig, zu unüberschaubar sind die Wissensfelder der Spätmoderne, die im Akkord auf unzähligen Ebenen unzählige neue Erkenntnisse gebiert. Die Gelehrtenform unserer Zeit ist der Experte einer aufs Ganze gerechnet verschwindend kleinen Wissensprovinz. Im ausgehenden 17. Jahrhundert hingegen war es – wenn auch unter großer geistiger und körperlicher Anstrengung – noch eben möglich, die Wissenschaft als Einheit zu begreifen; Philosophie, Mathematik, Physik und Geschichte mit gleichem Ehrgeiz zu verfolgen, ohne dabei in jeder Disziplin notwendig Dilettant zu bleiben.

Im kommenden Jahr jährt sich zum 300. Mal der Todestag desjenigen Intellektuellen, den die Wissenschaftsgeschichte mitunter als letzten Universalgelehrten des Abendlandes bezeichnet. Gottfried Wilhelm Leibniz beackerte nahezu sämtliche Wissensfelder seiner Zeit, geleitet von dem Bestreben, das Ganze zu durchdringen, dabei immer bemüht, die Theorie für die gesellschaftliche Praxis nutzbar zu machen.

Aus dem hochbegabten Kind wird ein grenzenloser Optimist

Sein berühmtes Credo „Theoria cum praxi“ meint denn auch eine wechselseitige Bezogenheit von Theorie und Praxis und nicht bloß ein gleichberechtigtes Nebenher, wie es der Kunsthistoriker Horst Bredekamp unlängst auf einer Tagung der Berlin-Brandenburgischen Akademie der Wissenschaften (BBAW) formulierte, deren Gegenstand Leibniz’ Wissenschaftskonzeption „zwischen Neugierde und Nutzen“ war. Nicht von ungefähr heißt das Jahresthema 2015/16 der BBAW, die sich auf Leibniz als Gründungsvater beruft, „Leibniz: Vision als Aufgabe“. Am 25. Juni lädt die Akademie zum zweiten Teil ihrer transdisziplinären Leibniztagung ein, weitere Termine folgen (http://jahresthema.bbaw.de).

Gottfried Wilhelm Leibniz wurde 1646, zwei Jahre vor Ende des 30-jährigen Krieges, in eine Welt hineingeboren, die alles andere als perfekt war, von Seuchen und einem der schrecklichsten Kriege verheert, die die Geschichtsschreibung bis dato verzeichnet. Und doch wurde aus dem hochbegabten Kind – schon als Achtjähriger las Leibniz autodidaktisch die lateinischen Werke der väterlichen Bibliothek – ein schier grenzenloser Optimist.

Das Bedürfnis nach Harmonie und Einheit, das sein Werk durchdringt, kann man auch vor dem Hintergrund der Wirren seiner Zeit, vor allem der tiefen Zerrissenheit der christlichen Konfessionen lesen. Wohl gerade weil das Böse für ihn allgegenwärtig schien, war Leibniz an dessen unbedingter Erklärung gelegen. So dachte er eine quasi dialektische Beziehung zwischen dem Guten und dem Bösen und nahm Letzteres als für die freie Entscheidung notwendiges Übel an.

"Die beste aller möglichen Welten" hat das Morgen im Blick

Seine Antwort auf die sogenannte Theodizee-Frage – warum der durch einen guten Gott gewirkten Welt offensichtlich grausame Züge eignen –, war fürs Missverständnis prädestiniert und gab nicht bloß Voltaire Anlass zum Spott. Bis heute wird der Satz von der „besten aller möglichen Welten“ häufig als Zustandsbeschreibung fehlinterpretiert, wie unter anderem der Philosoph Reinhard Finster und der Historiker Gerd van den Heuvel in ihrer Leibnizmonografie erläutern. Tatsache aber sei, dass Leibniz nicht das Heute, sondern das Morgen im Blick hatte. Die Welt ist also nicht deshalb vollkommen, weil sie es ist, sondern weil sie es werden kann. Nach vorne denken, die Welt verbessern, das war Leibniz’ unbedingter Anspruch.

Weil er Theorie und Praxis letztlich als Einheit sah, korrespondiert dem Gedanken einer geistigen perfectibilitas auch eine „intellektualistische Ethik“, schreiben Finster und Van den Heuvel. Im Anschluss an Sokrates glaubte Leibniz, dass der Mensch Böses nur aus einem Mangel an Erkenntnis tut. Im Umkehrschluss bedeutet das: Ist das Wissen erst einmal total, werden sich die Menschen auch moralisch veredeln. Leibniz war ein Rationalist, der glaubte, die Welt durch intellektuelle Durchdringung zum Guten zu führen.

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