Gregorianischer Kalender : Gezähmte Zeit

Im 16. Jahrhundert entwickelte Aloisius Lilius einen Kalender, der endlich zuverlässig funktionierte. Doch das geniale Werk wurde nicht nach ihm benannt, sondern nach dem Papst, der den Kalender einführte.

Sieglinde Borvitz und Francesco Vizza
Übergabe. Von Aloisius Lilius ist kein Bild überliefert. Dafür eine Szene, die zeigt, wie dessen Bruder Papst Gregor XIII. den Kalender überreicht. Foto: Francesco Vizza
Übergabe. Von Aloisius Lilius ist kein Bild überliefert. Dafür eine Szene, die zeigt, wie dessen Bruder Papst Gregor XIII. den...Foto: Francesco Vizza

Seit gut 400 Jahren regelt der Gregorianische Kalender den Jahresgang in Europa, später wurde er auch auf anderen Kontinenten eingeführt. Er bestimmt unter anderem, wann das Osterfest gefeiert wird, das zugleich Grundlage für die weiteren verschiebbaren christlichen Feiertage ist. Benannt ist der Kalender nach Papst Gregor XIII., der ihn in Kraft setzte. Der geniale Kopf, der das mathematisch ausgeklügelte System zuvor entwickelt hatte, ist jedoch weitgehend in Vergessenheit geraten. Nur wenige Spuren deuten auf den Erfinder, Aloisius Lilius.

Einen Hinweis liefert das Marmorrelief des Grabmals von Papst Gregor XIII. Dort ist zu sehen, wie ein vor ihm kniender Mann Gregor den Kalender überreicht. Er tritt am 24.02.1582 mit der päpstlichen Bulle „Inter gravissimas“ in Kraft und bestimmt unsere Zeitrechnung bis heute. An den Namen des Knienden erinnert sich kaum jemand. Es ist Antonius, der Bruder des Wissenschaftlers Aloisius Lilius. Eigentlich hätte der Kalender nach Gregors Willen Lilianischer Kalender heißen sollen. Das belegt ein Brief, den der Astronom Francesco Levero zwischen 1681 und 1694 an Leopoldo de’ Medici schickt. Doch die Geschichte wollte es anders, Lilius fiel dem Vergessen anheim.

Wer war dieser Mann? Das wenige, was über den Arzt und Astronomen bekannt ist, stammt aus Briefen. 1510 wurde er im kalabresischen Cirò geboren. Rom, wo Lilius wahrscheinlich 1574 starb, ist die letzte Station seiner großen Wissenschaftskarriere. Zunächst studierte Aloisius Lilius Medizin an der Universität Neapel, er übernimmt später einen Lehrstuhl an der Universität Perugia und kommt schließlich nach Rom, ins Zentrum der kirchlichen und weltlichen Macht. Dort führt der Mathematiker und Astronom lange Gespräche mit den Intellektuellen des Vatikans. Und er löst eine der schwierigsten Aufgaben, an welcher sich vor ihm bereits namhafte Köpfe – unter ihnen Kopernikus – erfolglos versucht hatten. Lilius reformiert den 46. v. Chr. von Cäsar eingeführten Julianischen Kalender und synchronisiert die astronomische und zivile Zeitrechnung, welche Mitte des 16. Jahrhunderts um zehn Tage differierte.

Ihm verdanken wir nicht nur das Schaltjahr und dass 1582 zehn Tage einfach übersprungen werden, sondern auch das mobile Osterfest, das als Grundlage für alle beweglichen christlichen Feiertage dient. Es wird immer am Sonntag nach dem ersten Frühjahrsvollmond gefeiert, der in diesem Jahr am morgigen Mittwoch sein wird.

Für den Kalender verwendet Lilius die Bruchrechnung mit ganzen Zahlen. Seine Leistung ist umso bemerkenswerter, als zu diesem Zeitpunkt die großen wissenschaftlichen Errungenschaften des 16. und 17. Jahrhunderts noch ausstehen: Galileo, Kepler, Newton kommen erst nach ihm. Die zu seiner Zeit kürzlich veröffentlichten Entdeckungen des Kopernikus, wonach die Erde nicht das Zentrum des Universums sei, stoßen noch nicht auf Resonanz. Selbst das Komma zur Einführung von Dezimalzahlen wird in Italien erst 1593 verwendet – von einem Verfechter seiner Schriften, dem aus Bamberg stammenden Jesuiten Christophorus Clavius. Dieser verfügte wahrscheinlich über eines der wenigen, weit umfangreicheren Manuskripte von Lilius’ Studien. Jedenfalls belegte er 1603 die Richtigkeit des neuen Kalenders.

Clavius ist Teil der neunköpfigen, vom Papst eingesetzten Expertenkommission, der auch Antonius angehört, der Bruder Aloisius Lilius’. Sie war damit beauftragt, Lilius’ „Compendium novae rationis restituendi kalendarium“ zu prüfen, eine zwanzigseitige, 1577 in Rom gedruckte Abhandlung. Nachdem diese auch von den Fürsten und renommierten Universitäten und Akademien des Abendlands examiniert und befürwortet ist, kommt es zur päpstlichen Bulle.

Aloisius ist inzwischen gestorben, so dass sich Antonius als Erbe ein Privileg erkämpft: Im März 1582 erhält er das Monopol, den neuen Kalender zehn Jahre lang drucken zu dürfen. Eine Goldgrube. Doch noch im gleichen Jahr wird es ihm wieder aberkannt, die Nachfrage ist zu groß, Antonius kann nicht liefern. Der Druck wird liberalisiert. Antonius’ Beitrag zu dieser Kalenderreform wird einzig an Gregors Grab im Petersdom deutlich: Er übergibt dem Papst die Schriften seines Bruders Aloisius, die er zeitlebens verteidigt und die heute unseren Jahreslauf bestimmen.

Sieglinde  Borvitz ist Juniorprofessorin für Romanistik an der  Heinrich-Heine-Universität Düsseldorf. Sie erforschte das Wirken Lilius' gemeinsam mit Francesco Vizza. Er ist Mitautor des Buches "Luigi Lilio. Medico astronomo  e matematico di Cirò Ideatore della riforma del calendario gregoriano"  (2010) und Senior Researcher am ICCOM-CNR in Florenz.

 

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