Grenzen für die Genomchirurgie beim Menschen : Das korrigierte Leben

Das Erbgut von Embryonen sollte nur verändert werden, wenn diese nicht von einer Frau ausgetragen werden. Das beschlossen Forscher auf dem Gene-Editing-Summit in Washington. Einigen Patienten dagegen kann die Genomchirurgie helfen.

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Krebspatientin Layla
Experiment. Die einjährige Layla war unheilbar an Leukämie erkrankt. Dank Genomchirurgie geht es ihr nun wieder besser.Foto: REUTERS

Das Wort „historisch“ fällt nicht oft, wenn es um ein Gipfeltreffen von Wissenschaftlern geht. Dieses Mal ist das anders. Das Undenkbare sei vorstellbar geworden, sagte Nobelpreisträger und Gentechnikpionier David Baltimore (Caltech). „Wir sind nahe daran, das Erbgut des Menschen zu verändern. Nun müssen wir uns der Frage stellen, ob und wann wir diese Fähigkeit als Gesellschaft nutzen wollen.“ Drei Tage lang diskutierten daher führende Forscher, Ethiker, Juristen, Regulatoren und Patientenvertreter auf Einladung der Nationalen Akademien von China und den USA sowie der britischen Royal Society in Washington darüber, was bereits machbar und was akzeptabel ist. „Wir sind uns unserer Verantwortung bewusst“, sagte Baltimore.

Das Treffen soll ein Wendepunkt sein, ähnlich wie Asilomar. Auf dieser Konferenz im Jahr 1975 einigten sich amerikanische Forscher auf Regeln für die gerade entstehende Gentechnik. Doch die Welt hat sich verändert. War die Technik damals noch so kompliziert, dass nur wenige Wissenschaftler sie beherrschte, so gibt es nun genomchirurgische Werkzeuge, die billiger, präziser, schneller und einfacher handhabbar sind. „Crispr“ zum Beispiel setzt sich in Laboren überall auf der Welt durch – für sehr verschiedene Anwendungen und vor einem kulturellen Hintergrund, der sich von Region zu Region unterscheidet. Es ist kaum vorstellbar, dass sich alle an ein Moratorium halten würden. Die in Washington versammelten Forscher vermieden daher diese Formulierung.

Der Eingriff in die menschliche Keimbahn erschien nicht mehr wie Science Fiction

Mehrfach sorgte die Technik allein in diesem Jahr für Schlagzeilen. Im April gab es einen Aufschrei, weil chinesische Forscher das Erbgut menschlicher Embryonen verändert hatten. Sie wollten das Gen für Thalassämie, eine Blutkrankheit, korrigieren. Der Versuch war nicht besonders erfolgreich, die Embryonen sollten außerdem nie ausgetragen werden. Aber die rote Linie, das Erbgut menschlicher Embryonen nicht anzutasten, war überschritten. Der Eingriff in die Keimbahn des Menschen – und damit Veränderungen, die von Generation zu Generation weitergegeben werden – erschien nicht mehr wie Science Fiction.

Doch Crispr lässt nicht nur das Gespenst der Eugenik auferstehen. Die Technik steht ebenso für große Hoffnungen in der Medizin. Mithilfe der Genchirurgie könnte man Schweineorgane so verändern, dass sie als Transplantate für den Menschen geeignet sind. Das Gen CCR5 könnte der Schlüssel sein, um HIV zu heilen. Anophelesmücken könnte man eine Resistenz gegen den Malariaerreger einbauen, sodass die Krankheit nicht weiter übertragen werden kann. Anfang November berichteten Ärzte des Great Ormond Street Hospitals in London, dass sie mithilfe der Genchirurgie einer unheilbar kranken Leukämiepatientin helfen konnten. Sie veränderten T-Zellen eines Spenders so, dass die Immunzellen gezielt gegen den aggressiven Blutkrebs vorgehen konnten, ohne bei der Einjährigen eine Abstoßungsreaktion hervorzurufen. Die kleine Layla konnte nach Hause entlassen werden. Der Erfolg wurde gefeiert, ihre Behandlung war nicht kontrovers.

Ein Gen ist nie nur "schlecht"

Die Experten in Washington versuchten daher einen Balanceakt: Sie wollen verhindern, dass einzelne Forscher oder Ärzte vorpreschen – egal ob es um Eingriffe in die Keimbahn oder die Therapie von Körperzellen geht. Die Grabenkämpfe um die Stammzellforschung sind ihnen ein ebenso abschreckendes Beispiel wie zweifelhafte Stammzellkliniken, die Patienten für viel Geld das Blaue vom Himmel versprachen und damit ein ganzes Feld in Verruf brachten. Diese Fehler sollen sich nicht wiederholen.

Eric Lander vom Broad Institute in Cambridge, Massachusetts, mahnte zur Demut. Krankheiten, die durch nur ein Gen verursacht werden, seien nicht nur extrem selten. Hinzu komme, dass Gene meist mehr als eine Aufgabe haben. Wer zum Beispiel CCR5 entfernt, mache die Zellen zwar immun gegen HIV. „Doch gleichzeitig kann man sich leichter mit dem West-Nil-Virus infizieren.“ Viele Funktionen seien nicht einmal bekannt.

Hintertür für die genetische Verbesserung des Menschen?

Eine Spaltung gab es zwischen Grundlagenforschern sowie Patienten und ihren Ärzten. Es sollte möglich sein, das Erbgut von Embryonen im Labor zu verändern, meinten viele Forscher. Nur so könne man die Sicherheit der Technik testen und außerdem grundlegende Aspekte der Embryonalentwicklung aufklären. Nicht akzeptabel sei jedoch, diese veränderten Embryonen einer Frau einzusetzen. Die Keimbahntherapie sei ohnehin meist unnötig, sagte Rudolf Jaenisch vom MIT in Cambridge. Bei der künstlichen Befruchtung könne man durch die Präimplantationsdiagnostik einfach herausfinden, welcher Embryo gesund ist – ohne an seinem Erbgut herumzuschneiden. Einigen Patientenvertretern geht das nicht weit genug. Als Sharon Terry, die Präsidentin der „Genetic Alliance“, die Mitglieder des Patienten-Netzwerkes fragte, ob eine Keimbahntherapie erlaubt werden sollte, bekam sie sehr unterschiedliche Antworten – vom überzeugten „Ja, natürlich!“ bis zum skeptischen „Lasst uns darüber noch nicht nachdenken“.

Wer die Keimbahntherapie für gravierende Krankheiten erlaubt, könnte damit die Hintertür für die genetische Verbesserung des Menschen öffnen, befürchtet George Church von der Universität Harvard. Das ist für Eigenschaften wie Intelligenz und Körpergröße zwar unrealistisch, da sie durch eine Vielzahl von Genen und Umweltfaktoren gesteuert werden. Möglich wäre theoretisch aber, einem Kind die Fähigkeit mitzugeben, mit wenig Schlaf auszukommen, Laktose zu vertragen oder langlebig zu sein.

Bei Körperzellen ist die Genchirurgie vielversprechend

Viele dieser Positionen finden sich im abschließenden Statement wieder: Sofern es die nationale Gesetzgebung zulässt, sollte es möglich sein, das Erbgut von Embryonen zu verändern – aber nur für die Grundlagenforschung. Mit den so veränderten Embryonen sollte keinesfalls eine Schwangerschaft induziert werden. Der Eingriff in die Keimbahn des Menschen sei erst zu rechtfertigen, wenn die Technik effektiv und sicher ist und wenn sich Wissenschaft und Gesellschaft auf ethische Grundsätze und gesetzliche Regeln geeinigt haben. Keine dieser Voraussetzungen sei bisher erfüllt.

Die genchirurgische Therapie von Körperzellen – um zum Beispiel wie bei Layla einen Krebs besser zu behandeln – sei dagegen sehr vielversprechend. Da diese Veränderungen nicht an die nächste Generation weitergegeben werden, greifen existierende Regelwerke für die Gentherapie. Essentiell sei, die Vorteile und Risiken dieser Anwendungen abzuwägen.

Das letzte Wort zur Keimbahntherapie sei nicht gesprochen, betonte Baltimore. Das menschliche Genom gehöre keiner einzelnen Nation, sondern sei das Erbe aller. Dementsprechend sollte die Weltgemeinschaft danach streben, gemeinsame Normen für die Keimbahntherapie zu finden. Der Forschergipfel sei nur der Auftakt für diese Diskussion.

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