Gründungs-Boom an Hochschulen : Die Uni-Unternehmer

Immer mehr Studierenden und jungen Wissenschaftlern kommt beim Forschen oft eine Geschäftsidee. Hochschulen helfen bei der Ausgründung. Was getan werden kann, damit die Spin-offs die Anfangsphase überleben

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Firma auf dem FU-Dach: Die Gründer Shoaib Burq (vorne links) und Kashif Rasul (vorne rechts) mit Mentorin Agnès Voisard (vorne Mitte) und das Team von SpacialDB. Foto: Thilo Rückeis
Firma auf dem FU-Dach: Die Gründer Shoaib Burq (vorne links) und Kashif Rasul (vorne rechts) mit Mentorin Agnès Voisard (vorne...

Drei Mal um die Ecke, vorbei an Laboren mit Studierenden und einem Tischtennistisch. Bei der Didaktik ist sie dann, die Treppe direkt zu den Gründerbüros auf dem Dach des Physikinstituts der Freien Universität. Dort arbeiten Kashif Rasul und sein Freund und Kollege Shoaib Burq: an ihrem Service für Entwickler von Computer-Anwendungen und Geosystemen. „SpacialDB“ heißt ihre Ausgründung, eine von immer mehr Firmen, die direkt aus einer Hochschule heraus von Studierenden, Absolventen oder Wissenschaftlern gegründet werden.

An der FU gab es 75 Ausgründungen seit 2006. Das Team der „Humboldt-Innovation“, die im Jahr 2008 ins Leben gerufen wurde, führt jährlich einhundert Beratungsgespräche und unterstützt sieben Ausgründungen, heißt es. Das Gründungszentrum der TU zählt seit seinem Beginn im Jahr 1981 über 1000 Spin-offs.

Die Hochschulen unterstützen den Unternehmergeist ihrer Angehörigen. Servicekräfte helfen, eine erste Finanzierung zu beantragen. Sie vermitteln auch Kontakt zu Beratern für unternehmerische Fragen und stellen Büroplätze in Uni-Gebäuden zur Verfügung. Im Fall von Rasul und Burq, die beide aus Australien nach Berlin gekommen sind, hat die FU auch mit den Visa geholfen.

Die Gründer haben oft wissenschaftliches Fachwissen, aber anfangs wenig Vorstellung vom Alltag in der Selbstständigkeit. „Leute mit technischem Hintergrund wie wir entwickeln gerne Dinge, die sie schön und technisch herausfordernd finden, und denken dann, die Leute werden schon kommen“, sagt der 32-jährige Burq. „Als junges Unternehmen müssen wir aber lernen, zuerst zu fragen, was die Kunden wollen.“

Die Idee für ihr Unternehmen hatten der 36-jährige Rasul, der an der FU in Mathematik promoviert wurde, und der 32-jährige Burq, Experte in Geomatik und Informatik, Ende 2010 bei einer langen Autofahrt in die Schweiz. Gemeinsam hatten sie schon häufiger für Kunden fortgeschrittene Geodatenbanken entwickelt. Etwa für ein Netzwerk von kleinen Farmern in Australien oder für die indonesische Regierung, um das Tsunami-Risiko abzuschätzen. Immer wieder mussten sie dabei bei null anfangen, eine neue Geodatenbank aufsetzen, pflegen und die notwendigen Geofunktionen programmieren.

SpacialDB bietet diese Arbeit, das Hosting und die Pflege solcher fortgeschrittenen Geodatenbanken sowie Software-Werkzeuge für komplexe Geofunktionen, nun als Dienstleistung an. Das ist für Transport und Logistik interessant, für Verwaltungen oder für Soziale Netzwerke und Online-Spiele. In drei Monaten wollen Rasul und Burq die ersten Gewinne machen.

Spin-offs aus Hochschulen verfolgen unterschiedlichste Geschäftsideen. So haben Gründer an der FU eine Wärmeleitpaste für elektronische Bauteile entwickelt. An der Humboldt-Universität erfanden junge Unternehmer unter dem Namen „Upcload“ eine Webcam-Anwendung, mit deren Hilfe sich beim Online-Shopping die richtige Kleidergröße ermitteln lässt. Und an der TU entstand die Idee für einen digitalen Fitnesstrainer namens „Hörsport“. Lebenswissenschaften und Informatik dominieren die Gründungsaktivitäten. Es ist aber auch möglich, dass jemand mit einem Abschluss in Altertumswissenschaften ins Geschäft mit individuell gestalteten Pralinen einsteigt.

Einen regelrechten „Gründer-Hype“ beobachtet Agnes von Matuschka, die den Gründungsservice der TU leitet, seit 2004. „Es war die Zeit nach dem Platzen der Internetblase, als es um Gründungen ganz ruhig wurde.“ Damals seien Absolventen mit zwanzig Job-Absagen in den Career Service der TU Berlin gekommen und hätten gefragt, was sie nun machen sollen. „Wir an der TU haben beschlossen, dass wir dieses Thema bewusst angehen wollen.“

Gründer zu unterstützen heiße seitdem auch, sie auf Krisen vorzubereiten. „Death Valley“ ist der Ausdruck für die sechs bis zwölf Monate, die nach Ablauf der ersten Finanzierung zu überbrücken sind, bis sich eine Anschlussfinanzierung findet. Die meisten Uni-Gründer überleben die Durststrecke. Laut einer Umfrage der TU unter ihren Gründern von 2010/2011 machen 78 Prozent der Ausgründungen Gewinn. An der FU existieren von 75 Ausgründungen seit 2006 noch zwischen 75 und 80 Prozent, heißt es aus der Gründungsförderung „Profund“. Zwischen zehn und zwanzig Prozent der Ausgründungen hätten Mitarbeiter eingestellt und seien somit neue Arbeitgeber in Berlin.

„Scheitern ist der Ausgangszustand eines Start-ups“, sagt Rasul. Gründer seien aber optimistische Leute. Burq hat eine gut bezahlte Stelle bei der australischen Regierung aufgegeben, um nach Berlin zu kommen. Bis das Geschäft läuft ist Sparen angesagt, erzählt er. Die erste Zeit habe er deshalb bei Rasul und seiner Frau in der Küche gewohnt. Nun geht es voran. Kürzlich stieß eine weitere Gründerin zum Team hinzu, die speziell für das Geschäftliche zuständig ist. Ein Student aus Frankreich absolviert bei SpacialDB ein Praktikum, und ein FU-Student schreibt dort seine Master-Arbeit. Seit einem halben Jahr profitiert die Firma vom Gründungsstipendium „Exist“ des Bundes. Und Burq und Rasul haben inzwischen den Umgang mit Anwälten gelernt und wie man Investoren eine Idee knackig verkaufen kann.

Wissenschaftliche Hilfe bekommen sie weiterhin. Die Gründungsförderung „Profund“ hat ihnen die Informatik-Professorin Agnès Voisard empfohlen, eine Spezialistin für Datenbanken und Informationssysteme. Voisard hat die Idee von SpacialDB gereizt, weil sie technisch herausfordernd sei. „An der Universität wollen wir Dinge nicht nur konzeptionell zusammensetzen, sondern sie – sei es auch nur prototypisch – umsetzen“, sagt sie. Ihre Studierenden würden durch die Arbeit im Team und die Ausrichtung auf ein bestimmtes Produkt effizienter arbeiten. Und für die Jungunternehmer seien die Förderprogramme im universitären Umfeld eine Möglichkeit, neue Ideen umzusetzen ohne gleich Rechte an Investoren zu verlieren.

Allerdings befürchten manche Professoren durchaus einen Braindrain aus der Wissenschaft in die Ausgründungen: „Natürlich gibt es bei uns Wissenschaftler, die ihre jungen Mitarbeiter nicht an ein Start-up verlieren wollen“, sagt Volker Hofmann, Leiter der Gründungsförderung an der Humboldt-Universität. Sobald das Unternehmen läuft, seien die Professoren aber nicht mehr so traurig.

Burq und Rasul wollen mit ihren Büros so lange wie möglich auf dem Uni-Dach bleiben: Ein Umfeld, in dem Wissenschaft und Wirtschaft so viel voneinander lernen können, ist sonst nicht zu finden.

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