Heiße Sommer : Grüne Fassaden gegen die Hitze

Mit einfachen Mitteln wollen Berliner Wissenschaftler den Bewohnern der Stadt Kühlung verschaffen. Dazu haben sie nun ein Forschungsprojekt gestartet, an dem alle vier Universitäten beteiligt sind.

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Gut gegen Hitze. Bäume nehmen viel Wärme auf, um Wasser zu verdunsten. Auch breite, gerade Straßenzüge sind gut fürs Stadtklima, weil der Wind durch diese Kanäle die Hitze fortblasen kann.
Gut gegen Hitze. Bäume nehmen viel Wärme auf, um Wasser zu verdunsten. Auch breite, gerade Straßenzüge sind gut fürs Stadtklima,...Foto: dapd

Mit den heißen Sommertagen kommt nächtliche Ungemach: Hohe Temperaturen lassen viele Menschen schlecht schlafen. Gerade Älteren und Kranken macht das zu schaffen. Sie leiden unter Symptomen von Hitzestress; für manch einen Kranken verzögert sich mangels Erholung die Heilung.

Schuld an der nächtlichen Hitze ist die Versiegelung der Stadt. Fassaden und Asphalt speichern bis zu 30 Prozent der Wärme, die von der Sonne geliefert wird, und geben sie Stunden später wieder an die Umgebung ab. Mit dem Effekt, dass es in solchen Wärmeinseln nachts zehn Grad Celsius wärmer sein kann als in der ländlichen Umgebung, sagt Dieter Scherer, Klimatologe an der TU Berlin. „Dagegen wird in Vegetationsgebieten ein großer Teil der Sonnenenergie für Verdunstungsprozesse aufgebraucht. Gerade fünf Prozent der Sonnenwärme werden gespeichert, so dass es nach Sonnenuntergang dort schnell kühler wird.“

Scherer ist Sprecher eines neuen Forschungsprojekts zum Thema „Hitzestress in der Stadt“, zu dem sich Wissenschaftler aller vier Berliner Universitäten, der Charité und des Potsdam Instituts für Klimafolgenforschung zusammengetan haben. Sie wollen Lösungen finden, wie dem Phänomen begegnet werden kann. Die Deutsche Forschungsgemeinschaft fördert das Vorhaben mit 3,4 Millionen Euro. Berlin und sein Umland werden dabei zum exemplarischen Großlabor. Die Metropole kann mit ihrer Lage gut als Beispiel für andere Großstädte herhalten – ohne dass eine kühle Meeresbrise oder ein warmer Alpenföhn die Ergebnisse verfälschen würde. Zudem gibt es für Berlin bereits eine Reihe von Studien, auf die die Forscher zurückgreifen können.

Kleinteilig und umfassend wollen sie die klimatischen Bedingungen der Stadt erfassen und dabei ihre Problemzonen identifizieren, sagt Scherer. „Welche Wohngegenden vom Hitzestress besonders betroffen sind, hängt eben nicht nur von Grünflächen, dem Winddurchzug oder der Bausubstanz ab, sondern auch von der Altersstruktur ihrer Bewohner“, sagt er. Deshalb werden auch Gesundheitsdaten von Hitzestresspatienten in die Untersuchung eingehen.

Für die Klimatisierung einer Stadt spielen Grünflächen eine sehr wichtige Rolle. Aber selbst große Parks wie das Tempelhofer Feld haben nur einen begrenzten Wirkungskreis. Bäume in den Straßen binden zwar die Sonnenwärme für die Verdunstung von Wasser, bremsen aber gleichzeitig den Wind, der kühle Luft durch die Stadt fächelt. Wohnungsnahe Lösungen sind deshalb gefragt und werden eine wesentliche Rolle in dem Forschungsprojekt spielen. Auf klassische Klimaanlagen will man allerdings nicht setzen. „Die verbrauchen noch immer zu viel Strom und treiben damit den Klimawandel weiter an“, sagt Scherer.

Eine Idee ist, mehr Grün ins Grau der Großstadt zu bringen – in Form von Blätterwerk direkt an den betroffenen Fassaden. Der TU-Wissenschaftler Thomas Nehls wird in dem Projekt die kühlende Wirkung von Efeu, wildem Wein und Knöterich messen. Dass sie die nächtliche Hitze eindämmen, ist bereits bekannt. „Die Pflanzen beschatten die Häuserwände, so dass sie gar nicht erst so viel Sonnenwärme aufnehmen können“, sagt er. „Zudem verdunsten sie Wasser, und allein die Verdunstungskühle hat einen großen Effekt.“ Auch der Nutzen von adiabatischen Klimaanlagen, bei denen die Kühlung ebenfalls durch verdunstendes Wasser erreicht wird, soll erforscht werden.

Weiterhin untersucht wird, wer die hitzestressmildernden Maßnahmen letztlich umsetzen kann. Die Bandbreite von Akteuren ist groß, sie reicht von Stadtplanern und Architekten über Bauherren bis in die Gesetzgebung und das Gesundheitssystem. Scherer: „Was nützen uns effektive und kostengünstige Vorschläge, wenn keiner sie aufgreift?“

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