Historikerin Jo Fox : Wenn Propaganda wirkt

Karotten erhöhen das Sehvermögen: Dieses Gerücht erfanden die Engländer im Zweiten Weltkrieg zu Propagandazwecken. Mit Gerüchten soll die Öffentlichkeit immer wieder bewusst getäuscht werden. Die britische Historikerin Jo Fox erforscht, wann Manipulationen erfolgreich sind.

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Spurensuche. Für Jo Fox sind Gerüchte eine wertvolle Quelle.
Spurensuche. Für Jo Fox sind Gerüchte eine wertvolle Quelle.Foto: Annika Brockschmidt

Als Wladimir Putin im März eine Woche lang nicht öffentlich aufgetreten war, lief die Gerüchteküche heiß. Krankheit, Verschwinden, Gerüchte um eine Vaterschaft oder clevere Strategie? Die Zeitungen waren voll mit Spekulationen darüber, was geschehen sein könnte. Und was war es? Viel heiße Luft um nichts.

Für Jo Fox, Historikerin an der Durham University in Nordengland, ist dieser Mechanismus von besonderem Interesse. „Diese Art der öffentlichen Reaktion zieht sich durch die Jahrhunderte“, sagt sie, „von Tagen, in denen der König nicht gesehen wurde bis hin zum Verschwinden von Hitlers Stellvertreter Rudolf Heß 1941.“ Gerüchte – sie sind für Fox eine unschätzbar wertvolle Quelle für die Erforschung von Propaganda, worauf Fox spezialisiert ist.

Gerüchte wirken parallel zu Propaganda

Gerüchte wirken parallel zur Propaganda und können so auch für Propagandazwecke benutzt werden. Vor allem, wenn die Informationslage dünn ist – etwa bei einem Nachrichten-Black-out im Krieg – versuchen Menschen sich ihre derzeitige Situation zu erklären. Gerüchte funktionieren als psychologisches Konstrukt, das Stabilität geben kann oder in einer repressiven Staatsform eine Möglichkeit ist, sich auszutauschen, ohne selbst in den Fokus zu geraten. Die Sehnsucht von Menschen nach einem Master-Narrativ, einem roten Faden in ihrer Geschichte, begünstigt die Entstehung und den Austausch von Gerüchten.

„Menschen kommen mit Beliebigkeit nicht gut klar. Das Gerücht sorgt für Struktur und scheinbaren Sinn“, sagt Fox. Derzeit beschäftigt sie sich mit der Rolle von Gerüchten im Zweiten Weltkrieg. Das Feld scheint endlos. Die Geschichten reichen von tragisch bis ins Absurde, von Gerüchten über mit der Pest infizierte Ratten, die mit Mini-Fallschirmen über Städten abgeworfen werden sollten, brennendem Meer bis zu dem von den Briten in die Welt gesetzten Märchen, dass Karotten gut für die Nachtsicht seien. Damit wollten die Briten ihre Erfolge im Luftkrieg erklären, ohne zu enthüllen, dass eine neue, geheime Radartechnik für die Identifizierung deutscher Flugzeuge verantwortlich war.

Nach der Gefangennahme von Rudolf Heß

Nach der Gefangennahme von Rudolf Heß in Großbritannien lief die Gerüchteküche heiß, genauso wie es regelmäßig Gerüchte gab, Hitler sei krank oder tot. Gerüchte, die überall gleich waren, aber je nach Seite unterschiedliche Gefühle hervorriefen. Neben Gerüchten, die von der Bevölkerung selbst verbreitet wurden, gab es auch welche, die von Regierungs- oder Geheimdienstseite gestreut wurden. So setzte etwa eine Einheit des britischen Geheimdienstes während einer Typhus-Epidemie in Hamburg das Gerücht in die Welt, der Impfstoff sei vergiftet, um zu erreichen, dass möglichst wenige Eltern ihre Kinder impfen ließen.

Jo Fox sieht die Langlebigkeit von Propagandamotiven als ein wichtiges Kriterium für deren Erfolg. In der Forschung sei das bisher übersehen worden. Statt wie bisher die direkte Folge von Propaganda zu untersuchen, will sie den Fokus auf die Dauer lenken, in der bestimmte Narrative nachwirken. In den Tagen nach den Bombenanschlägen in London im Juli 2005 waren die Titelseiten aller britischer Zeitungen voll von Anspielungen auf den „Blitz-spirit“ des Zweiten Weltkriegs – business as usual, London can take it – sind wortwörtlich in den Propagandakampagnen während der Bombardierung Londons zu finden. Bizarrer ist wohl der Fall des heute in jeder möglichen Form omnipräsenten „Keep calm and carry on“, das im Krieg nie veröffentlicht wurde. Damals war es als Invasionsplakat für den Fall vorgesehen, dass die Deutschen Großbritannien erobern.

Wie bewegt sich eine Idee?

Jo Fox möchte das Feld für Interdisziplinarität öffnen. „Propaganda ist ein so komplexes Phänomen, dass Historiker, Psychologen, Politologen und Soziologen, um nur ein paar Fachrichtungen zu nennen, zusammenarbeiten müssen, um ein realistisches Bild zu erhalten.“ In Zeiten von enormen Kürzungen im Bereich der Geisteswissenschaften in Großbritannien ist dies für die Forscher auch eine Überlebensstrategie. Gefördert werden momentan interdisziplinäre Projekte.

Für Jo Fox geht es um große Fragen: „Wie bewegt sich eine Idee? Wie wirken sich unterschiedliche Medienkanäle aufeinander aus, nicht nur national, sondern weltweit?“ Sie will weg von der Forschung, die sich nur auf ein einziges Medium konzentriert. Es ist ein Mammutunterfangen, der Zeitplan für ein Buch zu Gerüchten, das ebenfalls interdisziplinär an das Thema herangeht, liegt bei etwa zehn Jahren. „ Aber nur, weil eine Frage schwierig zu beantworten ist, heißt das noch lange nicht, dass wir sie nicht stellen sollten.“

Die Autorin betreibt mit Dennis Schulz den Podcast „Science Pie“. Dort finden sich auch zwei Folgen zu Jo Fox’ Propagandaforschung. „Science Pie“ wurde soeben mit der Hochschulperle digital des Stifterverbandes ausgezeichnet.

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