Hochschule : Frauen sind in der Wissenschaft Exotinnen

Schon vor fünf Jahren sollte ein Ruck durch Hochschulen und Institute gehen. Doch noch immer ist der Anteil von Professorinnen zu gering. Was Experten jetzt fordern

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In einer Männerdomäne. Professorin Angelika Banghard im Labor für Sanitärtechnik an der TFH in Berlin-Wedding.
In einer Männerdomäne. Professorin Angelika Banghard im Labor für Sanitärtechnik an der TFH in Berlin-Wedding.Foto: Thilo Rückeis

Frauen in der Wissenschaft – das ist selbst im Jahr 2012 ein vermintes Gelände. Der Wissenschaftsrat, bekannt für seine ausgewogenen Stellungnahmen als wichtigstes Beratungsgremium für Politik und Wissenschaft, hat jetzt vor dem Bundestagsausschuss für Bildung, Forschung und Technikfolgenabschätzung in ungewohnter Schärfe die Situation beschrieben: „Ohne einen tief greifenden Kulturwandel“ im Wissenschaftssystem „wird Chancengleichheit nicht zu erreichen sein“, sagte Wolfgang Marquardt, der Vorsitzende des Wissenschaftsrats, bei einer Anhörung. Hochschulrektoren, Dekane oder Leiter von Instituten der Forschungseinrichtungen sollen diesen Kulturwandel anstoßen und konsequent einfordern. Selbst Zielquoten, mit denen der Anteil der Frauen in der Wissenschaft sichtbar wird, sollen in Hochschulen und Forschungsinstituten eingeführt werden.

Maßstab ist das Kaskadenmodell: Der zu erstrebene Anteil von Frauen orientiert sich dabei jeweils an ihrem Anteil an der Qualifikationsstufe darunter. So soll der Anteil von Professorinnen der Zahl der Juniorprofessorinnen und Habilitationen von Frauen entsprechen. Dabei wird es je nach Fach unterschiedlich hohe Bezugsgrößen geben, weil es wesentlich mehr promovierende Frauen in den Geistes- als in den Ingenieurwissenschaften gibt. Auch in den Gremien sollte der Anteil von Frauen mindestens bei 40 Prozent liegen.

Weitere Forderungen von Marquardt lauten: Damit mehr Frauen in der Wissenschaft reüssieren können, müsse die Lebensphase nach der Promotion für die Familiengründung geöffnet werden. Denn es sei nicht zu akzeptieren, dass viele Frauen „eine wissenschaftliche Karriere nur um den Preis der Kinderlosigkeit“ als erreichbar ansehen. Abhilfe könnten Arbeitsverträge mit längeren Laufzeiten bringen, aber auch realistische Perspektiven auf eine Professur für Nachwuchswissenschaftlerinnen nach dem amerikanischen Vorbild des Tenure Tracks. Um Familie und Beruf besser vereinbaren zu können, sollten Kinderbetreuungsplätze nahe am Arbeitsplatz geschaffen werden, die Betreuungszeiten müssten bis weit in die Abendstunden hineinreichen.

Wolfgang Marquardt, Vorsitzender des Wissenschaftsrats.
Wolfgang Marquardt, Vorsitzender des Wissenschaftsrats.Foto: Promo

Der Wissenschaftsrat hat schon im Jahr 2006 mit den großen Wissenschaftsorganisationen der Allianz eine Offensive für die Chancengleichheit gestartet. Deren Ergebnisse charakterisiert Marquardt so: Die erzielten Fortschritte seien „maßgeblich hinter den Vorstellungen zurückgeblieben“. Trotzdem will der Wissenschaftsrat die Koordinierung dieser Frage mit der Allianz und den Hochschulen weiter in den Händen behalten.

Dieser Forderung schlossen sich jedoch andere Experten bei der Anhörung im Bundestagsausschuss nicht an. Jutta Dalhoff vom Leibniz-Institut für Sozialwissenschaften wie auch der Präsident der Universität Gießen, Joybrato Mukherjee, hielten es für besser, der Deutschen Forschungsgemeinschaft diese Aufgabe zu übertragen. So könnte die DFG bei ihren Entscheidungen über die Förderung von Drittmittelprojekten eine Koppelung mit Gleichstellungszielen vornehmen: Das Kaskadenmodell als verbindliche Quote für den Anteil von Frauen in den herausgehobenen wissenschaftlichen Positionen soll dabei als Maßstab dienen.

Dagmar Simon vom Wissenschaftszentrum Berlin weist dem Wissenschaftsrat, der DFG wie auch den Wissenschaftsstiftungen „eine zentrale Rolle“ bei der Durchsetzung von Gleichstellungsprogrammen zu. Wenn Quoten nicht eingehalten würden, müsste das Konsequenzen bei der Mittelvergabe haben: Wer bei der Gleichstellung schlecht abschneide, müsse die Konsequenzen bei der Vergabe von Mitteln durch die DFG spüren.

Auslöser für die Debatte im Bundestag war die Antwort der Bundesregierung auf eine Große Anfrage der Oppositionsparteien zur Rolle der Frauen in der Wissenschaft. Darin beruft sich die Regierung auf eine Studie der Prognos AG. Das Beratungsinstitut sagt den Verlust an Wertschöpfung bei einer anhaltenden unzureichenden Berufstätigkeit von Frauen in Höhe von zwei Billionen Euro bis zum Jahr 2030 voraus. Die EU-Kommission fordert einen Frauenanteil von 40 Prozent in den Förderprogrammen und in den Beratungsgremien der Wissenschaft. Von diesen Zielen ist Deutschland weit entfernt.

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