Hochschulen : "Die Privatunis gehören nicht zur Elite"

Detlef Müller-Böling rät der Wirtschaft, an staatlichen Universitäten zu investieren – und kritisiert die von Insolvenz bedrohte Privathochschule Witten-Herdecke.

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Detlef Müller-Böling -Foto: vario images

Herr Müller-Böling, Witten-Herdecke steht zum wiederholten Male vor der Insolvenz, die International University Bremen rettete 2006 nur eine 200-Millionen-Spende der Jacobs-Stiftung. Und beide sind weiterhin von Staatszuschüssen abhängig. Ist das Modell privat finanzierter Universitäten gescheitert?



Es ist außerordentlich schwierig, in Deutschland so etwas auf die Beine zu stellen, weil es an Kapital fehlt. Man braucht freies Geld, um Forschung und Lehre an einer Universität betreiben zu können. Wir haben einfach eine andere historische Situation als etwa in den USA: Dort sind die Privatuniversitäten im 19. Jahrhundert mit damals überschaubarem Kapital, aber gleichzeitig mit Ländereien ausgestattet worden, die im Verlauf der Jahrzehnte an Wert gewonnen haben. Das ist bei uns nicht reproduzierbar.

Offenbar wollte das Land Nordrhein-Westfalen es diesmal darauf ankommen lassen: Entweder die Uni Witten-Herdecke schafft es jetzt aus eigener Kraft, oder sie muss eben schließen – zu Recht?

Dieses Damoklesschwert gibt es seit über zehn Jahren, seitdem die Landesförderung besteht. NRW hat immer gefordert, dass ein krisensicheres Finanzkonzept entsteht. Das ist nicht der Fall gewesen.

Hat die Uni Witten auch andere Probleme als den chronischen Geldmangel?

Die finanzielle Krise hängt mit einer inhaltlichen zusammen. Für Finanzen ist man dann attraktiv, wenn man ein unverwechselbares Konzept bietet. Und das ist verloren gegangen in Witten-Herdecke. Ursprünglich war die Uni einfach nicht staatlich und damit sehr viel flexibler und unternehmerischer – in der Auswahl der Studierenden, bei den Betreuungsverhältnissen und der Schwerpunktsetzung. Das war attraktiv im Verhältnis zu den staat lichen Universitäten. Die haben aber in den letzten zehn, fünfzehn Jahren auf geholt. Und Witten-Herdecke hat sich nicht entsprechend weiterentwickelt.

Was ist falsch gelaufen?

Witten hat die Chance nicht genutzt, die sie als kleine Universität etwa in der Interdisziplinarität gehabt hätte. Große Vorsprünge in der Medizinerausbildung mit ihrem problemorientierten Lernen sind andererseits von den Staatlichen längst aufgeholt worden.

Kann Witten-Herdecke das jetzt nachholen oder ist die Uni auch konzeptionell am Ende?

Wenn ein Neuanfang überhaupt möglich ist, muss die Universität in Bereiche hineingehen, mit denen man sich in der Vergangenheit sehr schwergetan hat. Es geht darum, mit der Weiterbildung tatsächlich Geld verdienen zu wollen. Marktorientiert wäre beispielsweise die Ausbildung von Krankenhausmanagern, in der Medizin mit Wirtschaftswissenschaften verbunden wird.

Genau eine solche Neuausrichtung werden wohl die neuen „strategischen Partner“ der UWH – die Stiftung der Software AG und der Gesundheits- und Bildungskonzern SRH – fordern. Einen größeren Einfluss der Geldgeber hatte die Unileitung auch bei anderen Privaten bisher abgelehnt. Raten Sie dazu, sich jetzt zu beugen?

Witten-Herdecke kann nicht so weitermachen wie bisher, die Uni muss einen Neuanfang machen. Vor allem aber muss sie einen attraktiven und für die Gesellschaft wesentlichen Beitrag in Forschung und Lehre leisten, der sich zudem abhebt von dem, was die staatlichen Hochschulen bieten. Sonst hat eine private Hochschule keine Existenzberechtigung. Und wenn das nicht erfolgt, muss man unter Umständen auch schließen.

Haben private Hochschulen ihre Vorbildfunktion für die staatlichen und damit ihre Berechtigung verloren?

Nur zwei Prozent aller Studierenden studieren an privaten Hochschulen. Das ist für das Gesamtsystem nicht außerordentlich bedeutsam, dennoch brauchen wir in einer komplexen Welt auch unterschiedliche Ansätze, Bildung zu vermitteln. Und da leisten die Privaten einen spezifischen Beitrag, aber sie müssen ihn auch deutlich machen. Andererseits zeichnet sich ja heute auch das staatliche Hochschulsystem durch Vielfalt aus.

Soll sich der Staat weiterhin für Privathochschulen engagieren?

In der Kombination mit privaten Geldern macht das weiterhin Sinn. Allerdings ist es an der Zeit, dass privates Kapital in einem solchem Umfang fließt, dass sich die Privaten selbst tragen können.

Wie sehen Sie den Eliteanspruch der Privaten? Der Wissenschaftsrat hat kürzlich kritisiert, die Berliner Managerschule ESMT stecke bei der Umsetzung ihres ehrgeizigen Ziels, „in zehn Jahren zu den zu den Top Ten zu gehören“, „erst in den Anfängen“.

Sie können mit Sicherheit keinen Eliteanspruch erheben. Bei der ESMT ist es besonders deutlich, dass einige Herren aus der Wirtschaft geglaubt haben, sie könnten mal schnell eine Universität gründen, um den Staatlichen zu zeigen, wie man es richtig macht. Das ist an der ESMT perfekt gescheitert. Das erarbeitet man sich frühestens in 50 Jahren – und dazu reicht der Atem der Initiatoren aus der Wirtschaft meist nicht.

Die Bertelsmann-Stiftung, die auch Ihren langjährigen Arbeitgeber, das CHE finanziert, war Gründungssponsor der Uni Witten-Herdecke. Welche Rolle spielt die Stiftung dort heute und warum ist sie nicht mehr Hauptsponsor?

Die Bertelsmann-Stiftung ist vor acht Jahren ausgestiegen, weil sie sich immer nur für einen bestimmten Zeitraum engagiert und weil auch gesehen wurde, dass sich in Witten etwas verändern musste. Als der Staat Mitte der 90er Jahre eingestiegen ist, wurde das Engagement entsprechend zurückgefahren. Heute gibt es nur noch einen Reinhard-Mohn-Lehrstuhl bei den Wirtschaftswissenschaften, der von der Bertelsmann AG finanziert wird.

Die Studiengebühren – immerhin 1200 bis 2250 Euro im Quartal – machen bislang nur sieben Prozent des Wittener Hochschuletats aus. Künftig sollen es 20 Prozent sein. Ist das realistisch und wie wirkt sich das auf die soziale Zusammensetzung der Studierenden aus?

Das sind internationale Zahlen, 15 bis 25 Prozent des Etats kommen aus Gebühren. Bisher haben alle Untersuchungen gezeigt, dass die hohen Gebühren in Witten-Herdecke keine sozialen Auswirkungen haben, auch durch die Möglichkeit, die Beiträge erst nach dem Studium zu zahlen. Das war ein vorbildliches Modell, es hat nur nicht genügend Kapital in die Hochschule hineingebracht.

Sollte die Wirtschaft nicht lieber gezielt in Studiengänge oder Ausgründungen staat licher Universitäten wie etwa die Humboldt-Viadrina School of Governance investieren?

Die Unternehmen brauchen heute nicht mehr eigene Hochschulen zu gründen, um sinnvoll zu investieren, sie können das an den staatlichen Hochschulen tun. Die sind nach der Entfesselung qualitativ genauso gut, wenn nicht besser, und haben eine ganz andere Forschungs substanz. Der zweite Weg ist aber, individuell Studierende zu fördern. Da können die Unternehmen in Form von Stipendien direkt investieren, sich die Universitäten, die Fächer und die Personen aussuchen.

Welche Rolle spielt dabei die Finanzkrise?

Sicher sitzt in der Krise das Geld weniger locker, andererseits haben wir in drei, vier Jahren einen Arbeitskräftemangel, der bereits jetzt absehbar ist. Da werden die Unternehmen in die jungen Leute investieren müssen.

Das Gespräch führte Amory Burchard.

Detlef Müller-Böling (60) war von 1994 bis 2008 Leiter des Centrums für Hochschulentwicklung (CHE) und bis 2007 Mitglied des Direktoriums der Privatuniversität Witten-Herdecke.

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