Hochschulen : Humboldts Frühling

Vor der Entscheidung im Elitewettbewerb: Lange gab es Streit an der Humboldt-Universität, jetzt ist die Stimmung prächtig – noch.

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Es liegt was in der Luft. Die Humboldt-Universität (im Bild das Seminargebäude am Hegelplatz) will im dritten Anlauf endlich ihre Chance ergreifen, in den Exzellenzolymp einzuziehen. Im Wettbewerb um Graduiertenschulen und Cluster war sie bereits sehr erfolgreich.
Es liegt was in der Luft. Die Humboldt-Universität (im Bild das Seminargebäude am Hegelplatz) will im dritten Anlauf endlich ihre...Foto: Humboldt-Universität/Matthias Heyde

Irgendwie ist sie plötzlich so anders, die Humboldt-Universität. Das sonst marmorschwere Atrium im Hauptgebäude wirkt ungewohnt leicht, ja jung. Frische Farbe, mehr Licht und neue Hinweisschilder haben den wilhelminischen Mief weggeblasen. Das passt zur neuen Harmonie: Jahrelang hat die Humboldt-Universität durch lähmenden Streit und innere Probleme von sich reden gemacht. Jetzt strahlen noch die skeptischsten Geister Zuversicht aus. „Die Stimmung ist gut!“, ist überall zu hören. – Was ist geschehen?

„Wir haben die Braut geschmückt“, sagt Jan-Hendrik Olbertz, Präsident der HU, und lehnt sich aus seinem Ledersofa nach vorn. Das Prinz-Heinrich-Palais, das Zuhause der Uni seit ihrer Gründung im Jahr 1810, ist renoviert worden, damit die Gutachter im Exzellenzwettbewerb den besten Eindruck bekommen. Bestimmt treten depressive Verstimmungen in hellem Ambiente seltener auf. Vor allem aber weckt der neue Präsident die Lebensgeister der HU-Angehörigen: „Er pflegt einen kollegialen Stil“, sagt ein Professor: „Geschickt“ sei Olbertz, „aber nicht im manipulativen Sinne“. Ein anderer ist „froh, dass Olbertz zuhört“, er sei „offen, freundlich und liebenswürdig“. Und eine Wissenschaftlerin findet, „das Sympathische an ihm ist, dass er lernfähig ist“.

Strahlt eine Uni Geschlossenheit und gute Laune aus, steigert das im Exzellenzwettbewerb ihre Chance. Am 15. Juni könnte die HU sie endlich doch noch im dritten Anlauf ergreifen und in den Uni-Olymp aufsteigen – dorthin, wo sie sich schon gesehen hat, als der Wettbewerb noch nicht mal ins Leben gerufen war. „Wir sind Elite“, war die Selbstwahrnehmung der HU, gegründet auf ihren großen Namen vor dem Zweiten Weltkrieg und auf die Zeit seit der Wiedervereinigung. Wissenschaftssenator Manfred Erhardt, heute Mitglied im Kuratorium der HU, hielt die in West-Berliner Zeiten aufgeblähte und in Grabenkämpfe verstrickte Freie Universität für einen hoffnungslosen Fall und begann nach der Wende, zu ihren Lasten die HU zu einer Spitzenuni aufzubauen. Zwar blieb der Plan, Unter den Linden ein neues Cambridge zu erschaffen, wegen fehlender Finanzmittel auf halbem Wege stecken. Aber die HU konnte herausragende Wissenschaftler gewinnen und drang als erste ostdeutsche Universität auf die Spitzenplätze der deutschen Rankings vor. Deshalb und wegen ihres historischen Nimbus als „Mutter der modernen Universität“ sah die HU sich seither ganz oben. Als die Bundesregierung 2004 einen Exzellenzwettbewerb ausrief, hielt die HU sich für dessen natürliche Siegerin, für schon gesetzt.

Umso tiefer war der Fall. In der ersten Runde des Wettbewerbs, im Jahr 2006, kam die HU nicht einmal in die engere Wahl und schied – anders als die Konkurrenz in Berlin-Dahlem –, schon in der Vorrunde aus. Wohl auch, weil der damalige Präsident Jürgen Mlynek kurzfristig zur Helmholtz-Gemeinschaft gewechselt war und sich nicht persönlich um den Antrag kümmern konnte.

Im Jahr darauf kam es noch schlimmer. Qualvoll lang und mit unprofessionellem Getöse verlief die Suche nach einem neuen Präsidenten. Schließlich wurde der Theologe Christoph Markschies auf den Schild gehoben, der die zerstrittene Universität als „Brückenbauer“ ans Ziel führen wollte. Doch er erwies sich als unbeherrschter Einzelgänger und zerlegte das HU-Präsidium im Streit, ein Rücktritt und Abgänge folgten. Es kam zum worst case: Die Freie Universität, nicht die Humboldt-Universität, nahm auf dem Exzellenzthron Platz. Zum Putsch gegen Markschies reichte die Wut der HU-Professoren aber nicht. Sie zogen sich stattdessen frustriert in ihre Forschung zurück.

Seitdem sind fünf Jahre vergangen. Olbertz’ rumpelnder Start als Präsident – die öffentliche Debatte um seine wissenschaftliche Vergangenheit in der DDR und sein Versuch, eine umstrittene Kanzlerin zur Vizepräsidentin zu machen –, sind vergessen. Im Innenhof des Hauptgebäudes wabert an diesem Frühlingstag der Geruch von Risotto, die Mensa ist hier provisorisch in einem zweistöckigen Zelt untergebracht. Aber liegt nicht auch ein Hauch von Exzellenzsieg in der Luft?

Sensible Humboldtianer haben da so ein Gefühl. Hat nicht Bundesforschungsministerin Annette Schavan gemeinsam mit ihrem Duzfreund Olbertz in der Zeitung über „Bundes“- und Eliteunis gesprochen? Weiß Olbertz als einstiger Wissenschaftsminister von Sachsen-Anhalt nicht ziemlich genau, was im Verfahren gut ankommt? Hat sich die HU nicht schon durch die zahlreichen Erfolge im Exzellenzwettbewerb um Graduiertenschulen und Cluster als würdige Kandidatin empfohlen? Und passt schließlich die geplante Fusion der Charité-Forschung mit dem Max-Delbrück-Centrum (MDC) nicht exakt zum HU-Antrag?

Die HU plant ein großes Forschungszentrum für Lebenswissenschaften auf dem Campus Nord, das mit der Charité und dem MDC – und nach der Fusion mit dem dann entstandenen „Berlin Institute of Health“ – kooperieren soll. Das Zentrum ist eins von drei „Integrated Research Institutes“ (IRIs), die das Herzstück des HU-Exzellenzantrags bilden. Ein erstes in den Materialwissenschaften ist bereits mit Bordmitteln in Adlershof angeschoben worden; fließen Exzellenz-Millionen, könnte es ausgebaut werden. Ein drittes IRI mit dem Namen „Thesys“ ist, wie Olbertz formuliert, „in seinen Konturen noch am offensten“: In der Nachhaltigkeits- und Klimaforschung wollen Agrarwissenschaftler und Geografen mit Ökonomen kooperieren.

Mit den IRIs entstehen innerhalb der HU große Plattformen, die zahlreiche HU-Wissenschaftler über die Fächergrenzen hinweg zusammenbringen sollen. Ist der Exzellenzantrag erfolgreich, fließen Millionen in neue Professuren und Ausstattung. Nicht jedoch in die Geisteswissenschaften. In der Skizze des Exzellenzantrags waren sie noch mit zwei IRIs eingeplant. Nun soll es für sie nur noch eine schlanke „Förderlinie Freiräume“ geben: Professoren, die ihr Buch zu Ende schreiben wollen, sollen von der Lehre entlastet werden, Kolloquien werden finanziell unterstützt. In einem Forum sollen Wissenschaftler regelmäßig über die Bedürfnisse geisteswissenschaftlicher Fächer beraten und dann dem Präsidium Anregungen geben.

Landen die Geisteswissenschaften etwa auf Humboldts Reste-Rampe? „Quatsch“, sagt Jörg Baberowski, Professor für die Geschichte Osteuropas, der selbst an dem Exzellenzantrag der HU mitgearbeitet hat. An der HU habe sich die Einsicht durchgesetzt, dass die großen Formate des Exzellenzwettbewerbs, die Cluster und HU-IRIs, nun einmal in der Regel nichts für die Geisteswissenschaften seien: „Das ist nichts als die sinnfreie Vernetzung von irgendwas, die großen Buchschreiber pfeifen auf den Zirkus“, sagt Baberowski. Eine „Festivalisierung“ der Wissenschaft sei im Gange, Kontemplation kaum noch möglich. Er sei froh, dass Olbertz ein Ohr für die Bedürfnisse der Geisteswissenschaftler habe.

Allerdings könnte die Sache einen Haken haben, wie nicht nur Baberowski befürchtet. Fächer, die zu einem IRI gehören, scheinen in einer Trutzburg zu sitzen. Vermutlich sind sie in ihrem großen Verbund später vor „Umstrukturierungsmaßnahmen“ (also Einsparungen) besser geschützt als Fächer, in denen einsam am Schreibtisch sitzende Professoren dominieren. Auch solche dunklen Gedanken macht man sich an der HU.

Tatsächlich befindet sich die Uni finanziell auf einer Reise ins Ungewisse. Siegt sie bei der Exzellenzinitiative mit ihrem Zukunftskonzept, bekommt sie voraussichtlich im Schnitt jährlich zehn Millionen Euro zusätzlich. Diese Mittel laufen aber im Jahr 2017 aus. Dann muss die HU neue Wege finden, die bis zu 28 neu geschaffenen Professuren und mehrere Dutzend neue Stellen in der Verwaltung weiterzufinanzieren. Die Hälfte der Professuren sollen die Fakultäten allein bewältigen, für die andere Hälfte muss Olbertz die Mittel dann erst noch beschaffen, etwa beim Berliner Senat: „Wir brauchen eine Stärkung des Budgets, sonst wäre der Erfolg ein Fluch“, sagt Olbertz. Eine Wissenschaftlerin geht davon aus, dass die gute Stimmung an der HU nur bis zur Entscheidung des Exzellenzwettbewerbs anhält: „Danach gibt es einen Kampf um Neuverteilung. Haben wir gewonnen, ist die Frage: Was bedeutet das für die Verlierer. Verlieren wir, gilt gleiches Unrecht für alle.“ Studierendenvertreter Gerrit Aust formuliert es so: „Ich habe Angst, wenn wir gewinnen, und Angst, wenn nicht. Die Exzellenzinitiative ist einfach komplett falsch.“

Angesichts der Herausforderungen wird die HU sich kaum in die von Olbertz ursprünglich gewollte Verringerung der Fakultäten – von elf auf sechs – stürzen. Im Exzellenzantrag ist der Plan nur noch vage erwähnt. Wissenschaftler haben dem Präsidenten die Sache schon fast ausgeredet: Der Aufwand wäre groß, der Gewinn für die Wissenschaft nicht zu erkennen, sagen sie. Auch seinen Wunsch nach mehr Macht für den Präsidenten und die Dekane hat Olbertz schon aufgegeben: „Ich habe davon abgelassen“, sagt er. Er habe gelernt, dass er seine Führung auch „irgendwie anders durchsetzen“ kann, nämlich „indem ich mir Mitstreiter suche“. Und er fügt hinzu: „Ich bin ja so was von pragmatisch.“

Dabei blickt Olbertz auf die Flecken auf dem neuen hellgrünen Teppich in seinem Amtszimmer, als wolle er aus ihnen die Zukunft der HU ablesen: „Wenn wir gewinnen, sind wir darauf gut vorbereitet“, sagt er. „Verlieren wir, würde uns das beschädigen. Eine Schicksalsfrage ist es nicht. Aber der Erfolg täte uns gut.“

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