Hochschulen : Lehrbeauftragte: Gut gelehrt – nichts verdient

Lehrbeauftragte stemmen einen Großteil der Lehre an den deutschen Hochschulen – oft in prekären Jobs. Für die Unis haben Lehrbeauftragte klare Vorteile: Sie sind flexibler im Kursangebot.

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Zu Anfang jedes Semesters ist es dasselbe: Linda Guzzetti muss rechnen. Wie viele Stunden kann ich an welcher Uni unterrichten? Reichen sie, um über die Runden zu kommen? Linda Guzzetti ist Lehrbeauftragte. Die promovierte Historikerin unterrichtet Italienisch an den Sprachenzentren der Humboldt-Universität, der FU und der TU sowie der Viadrina. Sie mache ihren Job gerne, sagt Guzzetti. Und doch sei sie chronisch unzufrieden.

Lehrbeauftragte nehmen an Hochschulen die gleichen Aufgaben wahr wie wissenschaftliche Mitarbeiter. Sie geben Seminare und halten manchmal sogar Vorlesungen. Der große Unterschied zum fest angestellten wissenschaftlichen Personal: Die Lehrbeauftragten werden wesentlich schlechter bezahlt, haben kaum Absicherung und Rechte an den Unis. Für jede Stunde, die sie am HU-Sprachenzentrum unterrichtet, bekommt Guzzetti 23 Euro. Damit sollen auch die Vorbereitung oder die Korrektur von Prüfungen abgedeckt sein. Wenn sie eine Stunde aus Krankheitsgründen nicht geben kann, zahlt die Uni nichts.

Ursprünglich sollte Guzzettis Tätigkeit als Lehrbeauftragte eine Übergangslösung sein, weil sie direkt nach der Promotion keine Stelle als Historikerin fand. Inzwischen hangelt sie sich seit mehr als zehn Jahren von einem Lehrauftrag zum nächsten. In diesem Semester gibt sie 22 Stunden pro Woche. Ihr Jahreseinkommen liege zwischen 16 000 und 17 000 Euro, sagt die 58-jährige Italienerin. Davon muss sie noch ihren Kranken- und Rentenversicherungsbeitrag bezahlen – rechtlich gesehen ist sie selbstständig.

„Aufträge zu bekommen, ist reine Glückssache“, sagt ein Kollege Guzzettis, der seinen Namen nicht nennen möchte, aus Furcht davor, dann weniger Lehraufträge zu erhalten. Er lehrt an der HU, der FU und der Uni Potsdam Deutsch als Fremdsprache. Besonders die Zeit direkt nach dem Abschluss sei hart gewesen: Damals habe er sich mit vier Unterrichtsstunden pro Woche über Wasser halten müssen. Zwar bekommt er inzwischen mehr Lehraufträge – in diesem Semester kommt er auf 16 Stunden pro Woche – doch eines hat sich nicht geändert: die Unsicherheit. „In diesem Semester habe ich eine Woche vor Kursbeginn Bescheid bekommen, dass einer meiner Kurse nicht stattfindet. Es hatten sich zu wenige Teilnehmer angemeldet“, sagt er. Wie ihre Auftragslage im nächsten Semester aussieht, können Guzzetti und ihr Kollege nicht mit Sicherheit sagen. Die Hochschulen vergeben Lehraufträge immer nur für ein Semester, einen Anspruch auf Verlängerung haben die Lehrbeauftragten nicht.

Deutschlandweit gibt es knapp 70 000 Lehrbeauftragte. Eigentlich sollen sie das Lehrangebot nur ergänzen. In Wirklichkeit aber erbringen Lehrbeauftragte an den Berliner Hochschulen einen wesentlichen Teil der Lehre. Besonders stark setzen die Sprachenzentren der Unis auf diese Dozenten. Am TU-Sprachenzentrum beispielsweise geben sie 68 Prozent aller Sprachkurse.

„Das TU-Sprachenzentrum ist eine Ausnahme“, sagt Patrick Thurian, Leiter des Präsidialamts. An den wissenschaftlichen Instituten der TU würden Lehrbeauftragte vor allem dazu eingesetzt, um frei gewordene Stellen von wissenschaftlichen Mitarbeitern oder Professoren bis zu deren Neubesetzung zu überbrücken. „Durch Lehraufträge können Drittmittel-Beschäftigte, die an auch an einem externen Institut arbeiten, Erfahrungen in der Lehre zu sammeln.“ Lehrbeauftragte würden das Lehrangebot der TU inhaltlich bereichern, sagt Thurian. Nur eine relativ kleine Gruppe sei unter prekären Beschäftigungsbedingungen tätig. Die TU habe ihr Möglichstes für sie getan. So wurde im vergangenen Jahr die Mindestvergütung im Sprachenzentrum auf 30 Euro erhöht. Für feste Stellen fehle aber das Geld.

Für die Unis haben Lehrbeauftragte klare Vorteile, bestätigt auch Elke Rößler, Direktorin des HU-Sprachenzentrums: „Durch Lehrbeauftragte sind wir flexibler in unserem Kursangebot. Wir brauchen keine fest angestellte Lehrkraft für Sanskrit, weil der Bedarf dafür einfach zu gering ist“, sagt sie. Auch Sprachkurse seien gewissen Trends unterworfen. In den 80er Jahren hätten viel mehr Studenten Französisch lernen wollen als heute. Darauf könne man mit Lehrbeauftragten flexibler reagieren.

Generell gibt es zwei Gruppen von Lehrbeauftragten, erklärt Andreas Keller von der GEW: Experten aus der Praxis – Unternehmer oder Richter – die einen Lehrauftrag zusätzlich zu ihrem Beruf ausüben. Problematisch seien die Lehrbeauftragten, die versuchen, ausschließlich von dieser Tätigkeit zu leben. „Dafür sind Lehraufträge nicht gedacht. Das ist Missbrauch“, sagt Keller. An der TU üben 27 Prozent keine andere Haupttätigkeit aus, an der UdK gar 74 Prozent.

Um die Lehrbeauftragten besser abzusichern fordert die GEW Berlin, dass die Hochschulen sie als freie Mitarbeiter beschäftigen. Dann würden sie zumindest einen Vertrag unterschreiben. Zurzeit unterzeichnen Lehrbeauftragte lediglich eine knappe Erklärung darüber, dass sie mit der Erteilung des Lehrauftrags einverstanden sind. Darüber hinaus fordert die GEW eine Erhöhung des berlinweiten Mindestlohns auf 30 Euro pro Stunde.

Seit 2008 gibt es in Berlin einen Mindestlohn von 21,40 Euro für eine Stunde. Zusätzlich haben die meisten Berliner Hochschulen eigene Richtlinien verabschiedet, in denen sie die Stundensätze der Lehrbeauftragten nach Qualifizierung und Tätigkeit staffeln. Wer „Lehraufgaben wie Professoren“ wahrnimmt, bekommt an den Unis bis zu 36,70 Euro. Habilitierte Lehrbeauftragte bekommen bis zu 52 Euro. Der Durchschnittslohn aber liegt unter 30 Euro pro Stunde, schätzt Matthias Jähne, Hochschulreferent der GEW Berlin. Auch der Markt bestimmt die Vergütung. Lehrbeauftragte in den Ingenieurswissenschaften verdienen meist mehr als in den Geisteswissenschaften. Viele hätten die Hoffnung, dass ihr Lehrauftrag irgendwann in einen festen Vertrag mündet, sagt Jähne.Darum seien einige Lehrbeauftragte sogar bereit, kostenlos zu unterrichten. Allerdings erfülle sich diese Hoffnung nur selten.

Linda Guzzetti versucht jetzt ihre Lage zu verbessern. Zusammen mit zwei Kollegen hat sie sich zur informellen Vertretung der Lehrbeauftragten des HU-Sprachenzentrums wählen lassen. Und sie ist Mitglied der AG Lehrbeauftragte der GEW Berlin, die sich zwei- bis dreimal im Semester trifft.

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