HU Berlin spart beim Mittelbau : Humboldt-Uni zieht die Notbremse

Entgegen Versprechungen des Präsidenten muss die Humboldt-Universität nun doch beim Mittelbau sparen. Hat sich die Leitung verkalkuliert?

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Die Humboldt-Universität von der Straße Unter den Linden aus gesehen.
Trübe Aussichten. Ersten Mitarbeitern der Humboldt-Universität wurde schon mitgeteilt, dass sie bald gehen müssen.Foto: Kitty Kleist-Heinrich

An der Humboldt-Universität geht die Angst um. Wissenschaftliche Mitarbeiter fürchten um ihre Stellen, Professoren um ihr Team. Und ganze Institute fragen sich, wie sie die Betreuung ihrer Studierenden künftig stemmen sollen. Hintergrund ist die neue Personalmittelplanung bis 2017, über die die Vizepräsidentin für Haushalt, Marina Frost, die Fakultäten und Institute kürzlich informiert hat. Danach sollen in Zukunft Stellen im akademischen Mittelbau eingespart werden. „Nach den vorläufigen Zahlen dürfen wir keine Stelle, die frei wird und nicht durch Berufungszusagen gesichert ist, neu besetzen“, sagt eine Verwaltungsleiterin. Wenn es dabei bleibt, wären vor allem wissenschaftliche Mitarbeiter betroffen, die befristet beschäftigt sind.

„Es gibt Einschnitte“, bestätigt Haushalts-Chefin Frost. Kostensteigerungen durch Tarif- und Besoldungserhöhungen, Pensionslasten, gestiegene Energiepreise und die Inflation seien durch die Hochschulverträge nicht ausgeglichen worden. Das Defizit der Humboldt-Universität werde deshalb im Jahr 2017 auf 3,7 Millionen Euro anwachsen. „Dies haben wir jetzt zur Hälfte im Personalhaushalt und zur Hälfte im Sachmittelhaushalt umgelegt“, erklärt Frost. In der neuen Personalplanung verteilt werden könnten „für bislang nicht geplante Einstellungen in diesem Jahr“ insgesamt nur noch 2,2 Millionen Euro.

Dass an Berliner Hochschulen Stellen aus Spargründen nicht immer sofort nachbesetzt werden, ist nicht ungewöhnlich. An der FU verschafft man sich dadurch gelegentlich Luft. An der TU bleiben Stellen im Mittelbau sogar schon seit Jahren grundsätzlich drei oder vier Monate vakant. Die Präsidenten der Berliner Unis haben aber gerade erst erklärt, die Lage werde sich durch die neuen Hochschulverträge wohl nicht weiter verschlechtern. Warum muss die HU dann so plötzlich im großen Stil Sparmaßnahmen ergreifen?

Ein Kenner, der anonym bleiben will, geht davon aus, dass die „Notbremse“ der HU gar nicht unmittelbar auf die knappe Landesfinanzierung zurückzuführen ist. Vielmehr habe das Management der HU sich wohl verrechnet, was nun „gravierende Folgen“ habe. Diese Sichtweise wird von der Senatsverwaltung für Wissenschaft unterstützt. Die HU werde vom Land Berlin nicht schlechter behandelt als die anderen beiden Universitäten, teilt Sprecher Thorsten Metter auf Anfrage mit: „Das ist jetzt wohl eher eine Diskussion innerhalb der HU.“ Die drohenden Sparmaßnahmen verunsichern nun nicht nur Wissenschaftler im Mittelbau. Sie verärgern auch die Professoren und könnten die Berufungsfähigkeit der Uni beschädigen: „Dann packe ich hier meine Koffer“, wird eine empörte Professorin zitiert.

Zwei Drittel des Geldes will die Unileitung noch "händisch" vergeben

Im Akademischen Senat hatte Frost kürzlich bereits von einer „dramatischen Schere“ zwischen den benötigten und vorhandenen Mitteln für das Personal gesprochen. Gegenwärtig sei aber noch nichts entschieden, betont sie. Über die jetzt bekannt gegebenen Personalkontingente werde nur rund ein Drittel des zur Verfügung stehenden Geldes und damit 800 000 Euro „nach rechnerischen Kriterien“ vergeben, zwei Drittel (1,4 Millionen Euro) könnten in den kommenden Wochen vom Präsidium „händisch“ vergeben werden. An der Diskussion würden alle Statusgruppen beteiligt. Welche Stellen zusätzlich aus diesem Topf finanziert werden, handelt die Unileitung in Einzelgesprächen mit Dekanen und Institutsleitern aus. Vorrang sollten dabei wissenschaftliche Mitarbeiter haben, die in der Lehre engagiert sind oder mitten in der Promotion stecken. Berücksichtigen wolle man auch soziale Härten, sagt Frost.

Mit dem Drei-Jahres-Projekt wähnte sie sich sicher

Doch in den Instituten sollen schon Tränen geflossen sein. „Mein Chef hat mich zu sich bestellt und gesagt, dass ich im Herbst gehen muss“, sagt eine promovierte Nachwuchswissenschaftlerin, die nach einer längeren Elternzeit im August vergangenen Jahres auf ihre Mitarbeiterstelle an einem HU-Institut zurückgekehrt war. Der Professor, dem sie zugeordnet ist, übertrug ihr ein dreijähriges Forschungsprojekt und versprach ihr, ihre zunächst auf ein Jahr befristete Stelle werde 2014 verlängert. Über zwei halbe Mitarbeiterstellen verfügt der Professor, sie wurden ihm in den Berufungsverhandlungen zugesagt. „Eine Hausstelle an einer Exzellenzuniversität, ein Drei-Jahres-Projekt – ich dachte, sicherer geht es nicht“, sagt die Mitarbeiterin. Für ihre Studierenden ist die Lage auch unangenehm: Zwei Bachelor- und fünf Masterarbeiten betreut sie. Wer die Prüflinge nach ihrem Weggang begleitet, ist offen.

"Exzellenztitel - und jetzt soll der Stamm morsch sein?"

Ihren Chef macht das fassungslos: „Wir haben den Exzellenztitel geholt, und jetzt soll der Stamm, an dem das hängt, morsch sein?“ Er sei wütend, werde sich von der Unileitung nicht bieten lassen, seine „Hausstellen“ zu streichen. Vizepräsidentin Frost teilt dazu mit: „Berufungszusagen an Professoren werden entsprechend der hochschulrechtlichen Vorschriften eingehalten.“ Das muss keineswegs bedeuten, dass diese Stellen bei den Sparmaßnahmen tabu sind. Denn nach der Berliner Rechtslage gelten Berufungszusagen zunächst nur für fünf Jahre.

Der Präsident der Humboldt-Uni, Jan-Hendrik Olbertz, hatte Ende 2013 mehrfach Befürchtungen widersprochen, auch im Mittelbau müsse gespart werden. „Das sind Angstszenarien“, sagte er dem Tagesspiegel noch Anfang Dezember. Stellensperrungen werde es weiterhin nur im Service- und Verwaltungsbereich geben, versicherte Olbertz besorgten Vertretern des Mittelbaus – zuletzt am 10. Dezember im Akademischen Senat. Im November hatte sich das Gremium zunächst geweigert, den Haushalt zu beschließen. Der Eindruck war entstanden, das Präsidium mache die Lage nicht transparent, um neue Zumutungen zu verschweigen.

Haushaltschefin Frost: Stellensperre? Bitte auf die Wortwahl achten

Wird Olbertz jetzt wortbrüchig? Haushaltschefin Frost bittet, auf die genaue Wortwahl zu achten. Von einer „Stellensperre“ könne nur die Rede sein, wenn befristete oder auslaufende Stellen „generell für einen bestimmten Zeitraum“ nicht wiederbesetzt werden, wie es ab diesem Jahr in der zentralen Universitätsverwaltung und Serviceeinrichtungen der Fall ist. An den Fakultäten und in den Instituten gehe es aber lediglich darum, 2014 bis 2017 auslaufende Stellen verzögert zu besetzen, um Geld zu sparen. „Wir reden von einer Verzögerung, nicht von einer Streichung“, sagt Frost.

Personalleiter Andreas Kreßler erklärt, es werde bis 2017 „Vakanzen von einigen Monaten“ geben, ab 2016 werde sich die Lage aber wieder entspannen. Rund 1000 wissenschaftliche Mitarbeiter sind an der HU haushaltsfinanziert beschäftigt. Wie viele von den Sparmaßnahmen betroffen sind, könne man vor Abschluss der Gespräche mit Dekanen und Institutsdirektoren nicht beziffern.

Fakultätsreform und Rechenfehlen sollen nicht am Defizit schuld sein

Wie das Defizit entstanden ist, bleibt im Nebel. Die Kosten für die umstrittene Fakultätsreform seien dafür nicht verantwortlich, weist Frost an der HU kursierende Vermutungen zurück. Diese würden mit zusätzlichen Mitteln aus der Exzellenzinitiative und aus dem Innovationsfonds des Präsidiums bestritten. Auch die Debatte um Sondertatbestände im Rahmen der neuen Hochschulverträge habe damit nichts zu tun. Wie berichtet, hatte HU-Präsident Olbertz sich im August an die Berliner Abgeordneten gewandt, weil die HU bei den Verhandlungen zwischen den Hochschulen durch Rechenfehler benachteiligt worden sei. Darum fehlten von 2015 bis 2017 insgesamt 2,8 Millionen Euro. Die Abgeordneten intervenierten nicht. Aus der TU hieß es später, es würden „in der Bewirtschaftung noch Härten ausgeglichen“, die HU bekomme von der TU zwei Mal 250 000 Euro.

Larissa Klinzing, Vertreterin der wissenschaftlichen Mitarbeiter im Akademischen Senat, sieht ihre Warnungen der letzten Monate jedenfalls bestätigt. „Es war uns klar, dass ein Minushaushalt auch bedeutet, an den Mittelbau heranzugehen.“ Aber niemand habe das Ausmaß vorhergesehen. Dass über zwei Drittel des Personaletats noch verhandelt werden kann, beruhigt die Gemüter kaum. „Der Verteilungskampf wird an die Fakultäten verlagert“, sagt ein Dekan.

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