Humboldt-Universität : Martin Lohse soll neuer HU-Präsident werden

Die Humboldt-Universität hat endlich einen Kandidaten: Der Würzburger Mediziner Martin Lohse soll neuer Präsident werden. Lohse ist ein vielseitiger und hoch dekorierter Wissenschaftler.

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Der Mediziner Martin J. Lohse. Foto: Bayern Innovativ GmbH
Der Mediziner Martin J. Lohse.Foto: Bayern Innovativ GmbH

Der Würzburger Mediziner Martin Lohse soll neuer Präsident der Humboldt-Universität werden. Das gab das Kuratorium am Donnerstagabend bekannt. Am Donnerstagnachmittag hatten sich die achtköpfige Findungskommission der HU und das Kuratorium zu einer gemeinsamen Sitzung getroffen, um Lohse anzuhören. Gleich im Anschluss entschied das Kuratorium, ihn als einzigen Kandidaten dem Konzil der Uni zur Wahl zu empfehlen. In beiden Gremien fiel die Entscheidung einstimmig.

Lohse erforscht Herz-Kreislauf-Krankheiten

Mit dem 59-jährigen Lohse, Vizepräsident der Nationalen Akademie der Wissenschaften Leopoldina und bis vor kurzem Vizepräsident der Universität Würzburg, würde die HU einen vielseitigen und hoch dekorierten Wissenschaftler als Präsidenten bekommen. Lohse erforscht Herz-Kreislauf-Krankheiten und die Wirkung von Medikamenten. Von ihm stammen etwa Grundlagen für den Einsatz von Betablockern bei bestimmten Herzkrankheiten.
Aber auch ethische Fragen treiben ihn um. Lohse hat neben Medizin Philosophie studiert und war Mitglied im Nationalen Ethikrat. Aus der Wissenschaft heraus wirkt Lohse in die Wirtschaft und die Gesellschaft: So hat er drei Biotechfirmen gegründet sowie Kinder- und Schülerlabore in Würzburg initiiert.

An der Humboldt-Universität wird manch einer triumphieren. Die monatelangen internen Verwerfungen und die in der Presse zu lesende Behauptung, die HU sei unregierbar, haben keineswegs abschreckend auf attraktive Kandidaten gewirkt. Vor allem wird es den Kritikern des jetzigen Präsidenten Jan-Hendrik Olbertz eine Genugtuung sein, dass für ihn fristgerecht ein zugleich glamouröser, breit interessierter und leitungserfahrener Nachfolger gewonnen werde konnte.

An der HU wird manch einer triumphieren

Herumgekommen ist Lohse auch. In Mainz als Sohn des Bischofs Eduard Lohse geboren, studierte er in Göttingen, London und Paris und habilitierte sich in Heidelberg. Über Stationen an der Duke University und an der LMU München kam er 1993 nach Würzburg. Im Jahr 1999 erhielt Lohse den Leibnizpreis, den „deutschen Nobelpreis“. Im Jahr 2008 war Lohse einer der ersten, der ein hochdotiertes Stipendium des Europäischen Forschungsrates gewann. Vor drei Jahren ehrte ihn die Harvard Medical School mit einer Gastprofessur.

In der HU wird kolportiert, es hätten sich noch eine ganze Reihe anderer namhafter Wissenschaftler für den Posten des HU-Präsidenten interessiert. Die HU gilt also keineswegs als Horrorladen. Während Amtsinhaber Olbertz die HU ohne einen mächtigen Kanzler für kaum zu steuern hält, scheint Lohse sich die Leitung auch mit dem existierenden Team von Vizepräsidenten mit eigener Budgetverantwortung zuzutrauen.

Verschiedene Namen kursierten an der Humboldt-Universität

Auch interne Lösungen waren in den vergangenen Monaten diskutiert worden. Verschiedene Namen kursierten, darunter solche von Frauen. Daraus wurde nichts, warum auch immer. Lohse hat als Externer den Nachteil, die speziellen Eigenschaften der HU erst kennenlernen zu müssen. Das kann aber zugleich ein Vorteil sein, stünde er als neuer Präsident doch zunächst neutral über den verschiedenen Seilschaften und Interessen.

An der Humboldt-Universität muss Lohse sich sogleich in typische Niederungen begeben, etwa, indem er sich mit der als reformbedürftig geltenden Verwaltung befasst und die Trennungsrechnung vorantreibt. Als Mediziner dürfte er sich besonders dafür interessieren, wie es am Berliner Institut für Gesundheitsforschung (BIG) weitergeht, in dem Teile des Max-Delbrück-Centrums mit Teilen der Charité (also der medizinischen Fakultät von Humboldt-Universität und Freier Universität) verschmolzen werden.

Vor allem muss Lohse eine neue Dynamik für die nächste Runde im Exzellenzwettbewerb entfachen. Dabei wird er zu entscheiden haben, ob er Olbertz’ Meinung teilt, die Humboldt-Universität müsse alleine ins Rennen gehen, oder ob er die im Berliner Senat gewünschte Kollektivbewerbung der drei großen Unis unterstützt.

Lohse kommt mit viel Leitungserfahrung

Wie man einen erfolgreichen Antrag schreibt, sollte Lohse wissen. Er hat die Graduiertenschulen der Uni Würzburg gegründet und als Sprecher im Jahr 2001 ein DFG-Forschungszentrum für experimentelle Biomedizin eingeworben. Neben dem Berliner Matheon war das damals eines der ersten dieser Großzentren für die Forschung. Auch an mehreren Sonderforschungsbereichen war Lohse beteiligt. Gut vernetzt ist er auch, wirkt in unzähligen Beiräten, Kuratorien, Akademien und Kommissionen in Wissenschaft und Wirtschaft mit. Zweimal stand Lohse kurz davor, DFG-Präsident zu werden.

Noch fremd ist Lohse die Berliner Politik. Schon im nächsten Jahr könnte er sie näher kennenlernen. Denn dann beginnen die Verhandlungen über neue Hochschulverträge, in denen die Budgets für die nächsten vier Jahre nach 2017 ausgehandelt werden.

Die Entscheidung fällt im November

Ob Lohse Präsident wird, entscheidet das Konzil der HU. Am 10. November will es sich in einer Anhörung ein Bild von ihm machen. Eine Woche später ist die Wahl angesetzt. Dass Lohse durchfällt, erscheint unwahrscheinlich. Auf Olbertz’ Angebot, er könne auch länger im Amt bleiben, um der Uni einen „Panikkandidaten“ zu ersparen, wird die HU wohl nicht zurückgreifen müssen.

Olbertz und die HU gehen nicht im Guten auseinander. Dabei ruhten auf Olbertz große Hoffnungen, als er sein Amt vor fünf Jahren antrat. Sein Vorgänger, der Theologe Christoph Markschies, hatte im Innern unglücklich agiert, es kam zu schweren Konflikten. Auch mussten die Humboldtianer in Markschies' Amtszeit mit ansehen, wie die Berlin-Dahlemer Konkurrenz auf den Elite-Olymp zog, während die als Favoritin gehandelte Humboldt-Uni zum zweiten Mal im Exzellenzwettbewerb durchfiel. Von dem Erziehungswissenschaftler Olbertz, zwischen 2002 und 2010 Kultusminister in Sachsen-Anhalt, erwartete man einen besseren Führungsstil und einen Erfolg in der Exzellenzinitiative.

Sein Vorgänger geht nicht im Guten

Elite-Uni ist die HU unter Olbertz geworden. Aber der Wunsch nach einem pragmatischen Führungsstil hat sich nicht erfüllt. Die meisten Mitglieder des Akademischen Senats und des Kuratoriums haben sich von Olbertz abgewandt, der Kuratoriumsvorsitzende Rolf Emmermann auch öffentlich. Das Verhältnis war schon spürbar erodiert, als Olbertz vor zwei Jahren im Streit mit Studierendenvertretern um die Fakultätsreform zurückgetreten war – und diesen Rücktritt eine halbe Stunde später rückgängig machte, nachdem die Studierenden dem Druck nachgaben und dem Präsidenten entgegen kamen. An der Uni warf man Olbertz vor, die Studierenden genötigt und die Uni öffentlich blamiert zu haben.

Druck ausüben wollte Olbertz auch, als es im Januar um seine erneute Kandidatur ging. Er werde nur noch einmal antreten, wenn sich das Konzil doch noch für die Einführung eines mächtigen Kanzlers ausspricht. Das geschah nicht, Olbertz zog sich schließlich zurück, aber so spät, dass die HU den geplanten Wahltermin im Mai nicht halten konnte. Als Olbertz sich im Sommer von einer kleinen Gruppe von Professoren dazu bewegen ließ, doch noch für die Kandidatur bereit zu stehen, übersah er, dass es im Konzil und im Kuratorium kaum noch Unterstützer für ihn gab.

Bockt die HU jeden Präsidenten aus dem Sattel?

Bockt die HU nach fünf Jahren sowieso jeden Präsidenten aus dem Sattel, wie man bei einem flüchtigen Blick auf Olbertz und auf seinen Vorgänger Christoph Markschies denken könnte? Sicher nicht. So musste der Physiker Jürgen Mlynek in seiner Amtszeit (2000 bis 2005) schwere Spareinschnitte umsetzen, man warf ihm autoritäres Gebaren vor. Aber wiedergewählt wurde er trotzdem, und bis heute schätzen ihn viele Humboldtianer – wenn sie ihm auch nachtragen, dass er sie zur Unzeit, mitten im Exzellenzwettbewerb, in Richtung Helmholtz-Gemeinschaft verließ.

Sollte Lohse die HU nur als Bühne für sich betrachten, wird er mit der Uni nicht zusammenwachsen. Gebraucht wird ein pragmatischer Kümmerer, der wirklich zuhört.


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