In Mendelssohns Namen : Eva Engel-Holland ist tot

Die Geistes- und Lebenswelt Moses Mendelssohns hat Eva Engel-Holland seit den 50er Jahren nicht mehr losgelassen. Später gab sie die 38-bändige Jubiläumsausgabe seiner Werke heraus. Nachruf auf eine große Gelehrte.

Stephen Tree

Klein gewachsen und zart gebaut ist sie Moses Mendelssohn durch eine Krümmung des Rückens zuletzt auf fast unheimliche Art und Weise ähnlich geworden. Eva Engel-Holland, Lehrerin, Forscherin, Initiatorin der „Dessauer Moses-Mendelssohn-Stiftung“ und Herausgeberin der bis heute 38-bändigen „Jubiläumsausgabe“ der gesammelten Werke des bedeutenden Denkers.

Geboren wird Eva Engel am 18. August 1919 in eine deutsch-jüdische Familie, sie wächst in bürgerlichen Verhältnissen im Berliner Westend auf. Ihre frühen Jahre fallen in eine Zeit, in der jüdische Projekte in Deutschland gedeihen konnten. 1925 entschließt sich die „Berliner Gesellschaft zur Förderung der Wissenschaft des Judentums“ zur Neuherausgabe des Gesamtwerks von Moses Mendelssohn. Ihr erster Band erscheint 1929 pünktlich zum zweihundertsten Geburtstag des Philosophen.

Doch 1933 ändert sich alles: Nachdem Eva Engels Vater, ein Pionier der Kinderheilkunde, mehrfach unter nichtigen Vorwänden festgenommen worden war, entschließt sich die Familie 1936 zur Emigration nach England. Die Mutter stirbt dort zwei Jahre später. 1938 wird auch die Fortführung der Jubiläumsausgabe von den deutschen Staatsorganen untersagt, und die vorhandenen Bände, so weit erreichbar, werden eingestampft.

Willensstärke und Durchsetzungskraft

Nach einer Ausbildung als Lehrerin bringt Eva Engel es in Cambridge zur Dozentin für Germanistik. Dort befasst sie sich Mitte der 50er Jahre zum ersten Mal mit den Werken von Moses Mendelssohn, dessen Geistes- und Lebenswelt sie nun nicht mehr loslassen sollte. 1967 wird sie als Dozentin ans Wellesley College nach Boston berufen, wo sie den Historiker Albert Holland, den stellvertretenden Rektor der Universität, heiratete.

Eva Engel-Holland wird 1971 von Alexander Altmann, dem Verfasser der bis heute maßgeblichen Mendelssohn-Biografie, als Mitherausgeberin der Fortsetzung der Jubiläumsausgabe gewonnen. Möglich wird die Edition auch durch die fotomechanische Reproduktion sichergestellter Bände von 1929. Engel-Holland wirkt zunächst als Spezialistin für Mendelssohns Aufsätze zur vergleichenden Literatur mit. Vor seinem Tod 1987 bestimmt Altmann sie zu seiner Nachfolgerin und Bevollmächtigten. Im selben Jahr kehrt Engel-Holland nach Deutschland zurück, um das gemeinsame Werk hier zu vollenden.

Wer immer Eva Engel-Holland persönlich begegnen durfte, wird nachvollziehen können, warum sich Altmann gerade für sie entschied. Ihre Willensstärke und Durchsetzungsfähigkeit waren noch im höchsten Alter enorm. Mit ihrer Entschlossenheit, gegen alle Widerstände, Hindernisse und Einwände für das von ihr als wahr, richtig und vernünftig Erkannte einzutreten, mag sie gelegentlich angeeckt sein. Ihrer selbst gestellten „Hauptaufgabe, den Verdiensten und der Wirkung von Moses Mendelssohn, vor allem in Deutschland, den ihnen gebührenden Platz zu ermöglichen“, wurde sie damit aber gerecht. Dass man sie dafür 1999, zu ihrem Achtzigsten, mit dem Bundesverdienstkreuz auszeichnete, hat sie sehr gefreut.

Am 30. August dieses Jahres, zwölf Tage nach ihrem 94. Geburtstag, ist die große Gelehrte in einem Göttinger Altersheim, in das sie sich erst vor wenigen Wochen begeben hatte, friedlich verstorben.

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