Insel Gough : Maus frisst Albatros

Auf der Insel Gough im südlichen Atlantik machen räuberische Nager Jagd auf seltene Seevögel.

Dagny Lüdemann

Der Tristan-Albatros und die Gough-Ammer kannten keine Feinde, bis gemeine Hausmäuse auf ihre Heimatinsel Gough im Südatlantik eingeschleppt wurden. Die Riesennager fressen die jungen Seevögel bei lebendigem Leib. Inzwischen wurde der Bestand dieser Vogelarten, die nur auf Gough vorkommen, derart dezimiert, dass die britischen Tierschutzorganisation Royal Society for the Protection of Birds (RSPB) sie in der Roten Liste der gefährdeten Arten als „extrem bedroht“ einstuft. „Sie haben keine Überlebenschance, wenn die Mäuse nicht ausgerottet werden“, sagte der RSPB–Ornithologe Geoff Hilton, der die Tierwelt auf den britischen Überseeinseln erforscht hat.

Wenn man den Blick auf der Weltkarte über den Atlantischen Ozean zwischen Südamerika und dem südlichsten Zipfel Afrikas schweifen lässt und ziemlich genau in der Mitte einen Punkt fokussiert, liegt dort die Insel Gough. Sie gehört zur Inselgruppe Tristan da Cunha, die unter der Verwaltung des Britischen Überseegebietes St. Helena steht. Auf diesen tausende Kilometer vom Festland entfernten Vulkaninseln hat sich eine einzigartige Tier- und Pflanzenwelt entwickelt. Von Feinden unbehelligt brüteten hier Seevögel, bis Walfänger vor etwa 150 Jahren einen todbringenden Winzling einschleppten: Die Hausmaus. Als blinder Passagier in den Vorratsräumen der Schiffe mitgereist, ging Mus musculus an Land und fand offenbar paradiesische Zustände vor – heute leben 700 000 Mäuse auf der nur 65 Quadratkilometer kleinen Insel.

Doch anstatt sich wie zu Hause von Käse, Getreide, Früchten und Insekten zu ernähren, haben sich die Einwanderer zu skrupellosen Fleischfressern entwickelt. Da die heimischen Seevögel keine Feinde kannten, sahen sie von Beginn an tatenlos zu, wie ihre Jungen von den Nagern angeknabbert wurden. Die Hausmäuse machten sich diesen Evolutionsvorteil zunutze und spezialisierten sich auf die leichte Beute aus jungen Albatrossen, Sturmvögeln und Sturmtauchern. Heute werden die Mäuse auf Gough dreimal so groß wie ihre Verwandten in Europa und fressen neben Jungvögeln auch Pflanzen, womit sie den ohnehin schon bedrohten Ammern auch noch die Nahrung streitig machen.

Nachts krabbeln sie in die Nester und fressen die Seevögel auf. 60 Prozent der Jungen fallen den Mäusen zum Opfer. „Von allein wird sich der Bestand der bedrohten Seevögel nicht mehr erholen“, sagte Grahame Madge von der RSPB dem Tagesspiegel. Neben den extrem gefährdeten Ammern und Albatrossen gelten inzwischen auch die Nordischen Felsenpinguine und vier weitere Vogelarten auf der Südatlantik-Insel als bedroht.

Birdlife International, ein Verbund aus gut 100 Vogelschutzorganisationen, fordert deshalb den Einsatz von Mäusegift auf Gough, das von Hubschraubern abgeworfen werden soll. Vorbild ist die bislang größte Schädlingsbekämpfungsaktion, bei der auf der Insel Campbell südlich von Neuseeland im Jahr 2001 rund 200 000 Norwegische Ratten getötet wurden. Sie waren im 19. Jahrhundert eingeschleppt worden und hatten heimische Arten weitgehend verdrängt. Durch die Rattenbekämpfung erholte sich die Tierwelt wieder – eine Hoffnung, die die britischen Forscher auch für Gough hegen. Sie haben den fleischfressenden Riesenmäusen den Kampf angesagt.

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