Interview : "Die Kirche hat Darwin nie akzeptiert"

Der Religionskritiker Michael Schmidt-Salomon bestreitet, dass Naturwissenschaft und Glauben vereinbar sind – und fordert einen Feiertag für die Evolution.

Sherine
Die Journalistin Ariane Sherine rief die britische Buskampagne der Ungläubigen Anfang 2009 ins Leben. -Foto: AFP

Herr Schmidt-Salomon, Sie sind Vorstandssprecher der religionskritischen Giordano-Bruno-Stiftung. Sie fordern, den Feiertag Christi Himmelfahrt umzubenennen in „Evolutionstag“. Was soll das bringen? Ist das maximale Provokation?



Im Grunde ist unsere Forderung doch etwas völlig Normales! Wir leben in einem Staat, in dem mindestens ein Drittel der Bevölkerung keine religiösen Werte vertritt. Die Feiertage sind aber noch immer durch religiöse Riten dominiert. Das muss verändert werden. Schließlich gibt es eine kulturelle Evolution – auch im Feiertagskalender. Viele Feiertage aus der Vergangenheit feiern wir aus guten Gründen nicht mehr. Und so sollte auch berücksichtigt werden, dass ein Drittel der Bevölkerung mittlerweile konfessionsfrei ist und in der Feiertagsgesetzgebung berücksichtigt werden sollte. Im Darwinjahr hat es sich angeboten, den Evolutionstag zu fordern – auch deshalb, weil wir meinen, dass die weltanschaulichen Konsequenzen der Evolutionstheorie nicht hinreichend beachtet werden.

Und die wären?

Die Evolutionstheorie erklärt die Entstehung von sinnvollen Mustern, ohne dass dahinter sinnvolle Planung steht. Früher konnten Theologen sagen: „Schaut euch die Natur an, dahinter muss doch ein Plan stehen, denn auf natürlichem Wege kann so etwas nicht entstehen.“ Die Evolutionstheorie zeigt aber auf, dass für die Entstehung von Ordnung das blinde Walten von Zufall und Notwendigkeit völlig ausreicht.

Darwin verstehen heißt verstehen, dass es keinen Gott gibt?

Zumindest ein bewusst vorgehender Schöpfergott steht im Widerspruch zur Evolutionstheorie, denn Evolution ist kein zielgerichteter Prozess. Die traditionellen Religionen kommen ohne einen planvoll vorgehenden Schöpfer aber nicht aus. Ein Christ, der seine Religion noch halbwegs ernst nimmt, muss notgedrungen ein Schöpfungsgläubiger sein! Das heißt nicht, dass er dem wortgetreuen Modell der amerikanischen Kreationisten folgen muss. Ein Christ kann durchaus sagen: „Es gibt eine Evolution und das Universum ist 13,7 Milliarden Jahre alt.“ Aber ein Christ kann nicht darauf verzichten, dass Gott uns gewollt hat, dass er mit seiner Schöpfung einen Plan verfolgt. Wenn ich auf die Idee der Schöpfung verzichte, dann muss ich im Grunde auch alles andere fallen lassen, was den christlichen Glauben ausmacht.

Viele Naturwissenschaftler halten Darwin und Religion für vereinbar. Der Philosoph Jürgen Mittelstraß sagt, Darwin und die Kirche hätten sich nie im Kriegszustand befunden: „Aufgabe der Wissenschaft ist es, die Welt zu erklären – Aufgabe des Glaubens, das menschliche Leben zu stabilisieren und zu orientieren.“ Das klingt doch nach einer sinnvollen Teilung.

Ja, das klingt sehr nett, weil wir alle keine Konflikte haben wollen. Doch der Nichtangriffspakt zwischen Religion und Wissenschaft ist nicht haltbar. Denn die Erklärungsmodelle der Naturwissenschaft stehen im Widerspruch zu den Orientierungsmodellen der Religion. Manche versuchen das einfach zu ignorieren. Aber wenn man genau hinschaut, dann sieht man, dass die Kirche Darwin nie akzeptiert hat. Sie hat akzeptiert, dass der Körper des Menschen aus der Evolution stammt, dass der Mensch einen Vorfahren hat, den wir mit dem Schimpansen teilen. Aber sie akzeptiert nicht, dass die höheren geistigen Funktionen, das, was die Kirche Seele nennt, eben auch evolutionär entstanden ist. Die Kirche verlangt von dem Gläubigen einen Dualismus zwischen Körper und Geist. Der widerspricht allem, was wir aus der Hirnforschung wissen.

Vielen Menschen ist die Religion wichtig, weil sie Spielregeln schafft, Werte vertritt. Die Religion gilt als Rückgrat der Moral.

Dieses Argument hört man oft, es ist aber empirisch falsch. Menschenrechte, Meinungsfreiheit, Demokratie, die Gleichberechtigung von Mann und Frau, das waren keine religiösen Werte, sondern Werte, die gegen die Religion erkämpft werden mussten. Und so landeten fast alle Vordenker der Demokratie und der Menschenrechte auf dem römischen Index der verbotenen Schriften. Wenn Sie sich die Enzykliken, Hirtenbriefe, Rundschreiben der Päpste angucken, so waren diese bis ins 20. Jahrhundert hinein gegen solche Werte gerichtet. Und sexuelle Selbstbestimmung beispielsweise ist für den Vatikan bis heute noch ein Fremdwort.

Wissenschaftliche Studien haben belegt, dass Menschen, die gläubig sind, mildtätiger sind, sozial engagierter als Menschen, die nicht an Gott glauben.

Das stimmt, Religion hat eine Wirkung auf Menschen und führt tatsächlich dazu, dass die Kooperation innerhalb der Gruppe erhöht wird. Nur hat die Sache eine Kehrseite. Denn diese Kooperation innerhalb der eigenen Gruppe führt zu einer deutlichen Abgrenzung gegenüber den Menschen außerhalb der Gruppe. Und je kooperativer Gesellschaften sind, desto militanter sind die Konflikte, die durch sie geführt werden. Man kann sich dies etwa am islamischen Fundamentalismus veranschaulichen. Nehmen wir Osama bin Laden: Innerhalb seines Systems ist er ein Wohltäter. Man könnte fast Tränen der Rührung vergießen, wenn man liest, was er geschrieben hat. Er erscheint als großer Altruist. Als einer, der für Witwen und Waisen Millionen spendete, der ein Leben im Luxus für seine Gemeinschaft aufgeopfert hat. Selbstverständlich nehmen wir Westler ihn nicht als Wohltäter wahr, sondern als gefährlichen Terroristen, der er für uns ja auch ist, da wir seiner „in-group“ nicht angehören. Osama bin Laden ist insofern ein Musterbeispiel für Doppelmoral, die da lautet: Wir sind die Guten, ihr seid die Bösen, und wir werden mit Gottes Hilfe über euch triumphieren! Dieses religiöse Konzept hat in der Geschichte große Katastrophen heraufbeschworen, und das bis zum heutigen Tag.

Sie sagen, Toleranz sei wichtig. Was ist dann falsch am Anliegen der „Pro-Reli“-Befürworter, den Ethikunterricht durch ein Wahlpflichtfach „Ethik/Religion“ zu ersetzen und der Wahlfreiheit mehr Raum zu geben?

Von mehr Wahlfreiheit kann man hier kaum sprechen! Denn die Kinder, die in den Religionsunterricht gehen, hätten ja nicht mehr die Freiheit, gleichzeitig auch den Ethikunterricht zu besuchen. Das grundsätzliche Problem aber ist, dass der „Pro-Reli“-Vorschlag die religiös-weltanschauliche Gettoisierung unserer Gesellschaft verstärkt, statt sie abzubauen. Wir brauchen dringend ein Fach, in dem Jugendliche und Kinder gemeinsam über gute Formen des Zusammenlebens diskutieren, in dem vorurteilsfrei jegliche Weltanschauung und Religion hinterfragt werden kann. Die Regelung, die hier in Berlin gefunden wurde, ist insofern ein großer Fortschritt. „ProReli“ will das Rad der Geschichte zurückdrehen.

Ihre Stiftung unterstützte das Vorhaben, in Berlin, Köln und München Busse mit dem Spruch „Es gibt (mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit) keinen Gott“ beschriften zu lassen. Die Verkehrsbetriebe lehnten das aber ab. In Amerika, Spanien, England oder Italien ist die Aktion gelaufen. Was ist bei uns anders?

Dass die Verkehrsbetriebe sich hier anders verhalten, hängt stark damit zusammen, dass die Trennung von Staat und Kirche in Deutschland nicht wirklich funktioniert. Der Staat spielt sich häufig als Verteidiger des Glaubens auf, während die Nichtgläubigen sowohl politisch als auch medial übergangen werden. Eben deshalb brauchen wir eine säkulare Buskampagne in Deutschland, denn obwohl es mehr konfessionsfreie Menschen in Deutschland gibt als Katholiken oder Protestanten, glaubt jeder von diesen 25 Millionen Menschen, er sei allein.

Wie wollen sie denn diese 25 Millionen Konfessionsfreien erreichen? Das ist doch ein sehr buntes Gemisch.

Wir haben eine Forschungsgruppe „Weltanschauung in Deutschland“ gegründet, um herauszufinden, was das für Menschen sind. Das Ergebnis war, dass die konfessionsfreien Menschen eine homogenere weltanschauliche und politische Gruppe sind als die evangelischen oder die katholischen Kirchenmitglieder. In den meisten sozialen, ethischen und weltanschaulichen Fragen finden Sie bei Konfessionsfreien hohe Zustimmungsquoten, während bei den Kirchenmitgliedern die Meinungen sehr auseinandergehen. Das kann man zum Beispiel bei Sterbehilfe oder der Akzeptanz der Evolutionstheorie sehen. Man kann also relativ gut herausfinden, was die Mehrheit der Konfessionsfreien wünscht. Das ist keine schlechtere Basis als die der Kirchen. Die verweisen zwar auf ihre Mitgliederzahlen, unterschlagen aber, dass 99 Prozent der Menschen zu einem Zeitpunkt Kirchenmitglied werden, an dem sie noch nicht im Entferntesten für Argumente zugänglich sind – nämlich bei der Taufe.

Das Gespräch führten Kai Kupferschmidt und Hartmut Wewetzer.

MICHAEL SCHMIDT-SALOMON, 41, leitet die Giordano-Bruno-Stiftung und gehört zu den deutschen Wortführern der atheistisch gesonnenen „Brights“-Bewegung.

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