Interview : „Ein Naturkundemuseum wäre eine einmalige Chance für Hamburg“

Der Biologe Matthias Glaubrecht will die nach dem Krieg zerstreuten Naturhistorischen Sammlungen der Hansestadt wieder unter einem Dach zusammenführen.

Hartmut Wewetzer
Der Biologe Matthias Glaubrecht (52) leitet das Centrum für Naturkunde der Universität Hamburg. Vorher forschte er am Museum für Naturkunde in Berlin. Foto: Olga Sukhina/UnivHH
Aufbauhelfer. Der Biologe Matthias Glaubrecht (52) leitet das Centrum für Naturkunde der Universität Hamburg. Vorher forschte er...Foto: Olga Sukhina/UnivHH

Sie sind vom Berliner Museum für Naturkunde an die Universität Hamburg gewechselt. Dort wollen Sie nun das einstige Naturhistorische Museum wieder aufbauen. Warum das?

Hamburg ist die einzige Metropole, die durch den Krieg ihr Naturhistorisches Museum verloren hat. Es war eines der bedeutendsten, das zweitgrößte nach Berlin – und das meistbesuchte vor Berlin. Da das Naturhistorische Museum 1943 durch Bombentreffer und Feuersturm vernichtet wurde, hat man von einem Wiederaufbau abgesehen, obwohl ein Großteil der Sammlungen – jene, die ausgelagert waren – glücklicherweise erhalten geblieben ist. Diese historische Fehlentwicklung wollen wir korrigieren.

Immerhin gibt es als Nachfolger ein Zoologisches Museum.

Genau genommen gibt es drei Nachfolger, alle unter dem Dach der Universität. Das Zoologische Museum, die Mineralogische Sammlung und die Geologisch-Paläontologische Sammlung. Der erste Schritt war nun, dass wir alle drei im Centrum für Naturkunde der Universität Hamburg zusammengeführt haben. Einmalig in Deutschland ist, dass dieses Centrum außerhalb der Fakultäten angesiedelt und direkt dem Präsidium der Universität unterstellt ist. Es ist also gewissermaßen Chefsache.

Das im Krieg zerstörte Naturhistorische Museum der Stadt Hamburg war einst das meistbesuchte in ganz Deutschland. Foto: Archiv CeNak
Große Fische. Das im Krieg zerstörte Naturhistorische Museum der Stadt Hamburg war einst das meistbesuchte in ganz Deutschland.Foto: Archiv CeNak

Wo befinden sich die Sammlungen?

Noch sind sie an drei Standorten der Universität untergebracht, wo sie besichtigt werden können. Aber zumindest virtuell haben wir sie schon im Centrum für Naturkunde vereint. Sie werden der Grundstock für ein neues Museum sein.

Wann soll das Museum gebaut werden?

So schnell wie möglich. 1919 wurde die Hamburger Universität gegründet. 2019 wäre ein schöner Jubiläumstermin, an dem wir Richtfest feiern wollen.

Wo könnte das Museum stehen?

Das hängt sicher auch von der Entscheidung für die Olympiabewerbung ab, da Hamburg dafür ja Flächen in der Nähe der HafenCity vorgesehen hat, wo gut zusätzlich ein Naturkundemuseum stehen könnte. Denkbar wäre also, die Sammlung neben der Elbphilharmonie auszustellen. Allerdings besteht direkt an der Elbe auch eine gewisse Überflutungsgefahr, so dass wir noch andere Möglichkeiten erwägen.

Ausgebrannt. Die noch immer imposante Ruine des Naturhistorischen Museums in der frühen Nachkriegszeit. Foto: Archiv CeNak
Ausgebrannt. Die noch immer imposante Ruine des Naturhistorischen Museums in der frühen Nachkriegszeit.Foto: Archiv CeNak

Wie sieht es mit der Finanzierung aus?

Einen Teil der Kosten trägt schon jetzt die Universität, sie bezahlt das Personal und den Unterhalt der bisherigen Museen. Aber langfristig müssen wir den Bund als Partner gewinnen. Und es gibt Signale aus der Hamburger Bürgerschaft, wo man sich mäzenatisch für die Idee des Wiederaufbaus begeistern kann. Leider ist der politische Wille für ein neues Museum noch nicht sehr ausgeprägt.

Bürgermeister Olaf Scholz ist gegen den Neubau?

Bürgermeister und Wissenschaftssenatorin haben noch nicht verstanden, welche einmalige Chance sich hier bietet. Als Eigentümerin hat die Stadt natürlich die Verpflichtung, für die adäquate Unterbringung dieser Sammlungen zu sorgen, die sie erst 1968 in den Besitz der Universität gegeben hat. Wir rechnen mit 50 bis 60 Millionen, die diese Unterbringung der Sammlungen ohnehin kostet. Denn leider hat man bei der Planung für den naturwissenschaftlichen Campus der Hamburger Universität die Sammlungen schlicht vergessen. Ein eklatanter Fehler!

Was ist so einmalig an der Sammlung?

Wir besitzen bedeutende Sammlungen etwa von Fischen aus dem Atlantik und von Krebsen aus der Antarktis, die es an keinem anderen Museum gibt. Die Vielfalt der Arten in diesen Regionen wird durch unsere Sammlungsstücke repräsentiert. Auch die weltweit größte Regenwurmsammlung, durch den Krieg gerettet, befindet sich beispielsweise im Hamburger Museum. Das sind oftmals die Originalexemplare, die der Erstbeschreibung zugrunde lagen. Etwa 16 Prozent aller auf der Welt vorkommenden Regenwürmer sind als Typus-Exemplare hier hinterlegt.

Biodiversität ist die Leitidee?

Wir wollen Artenvielfalt dokumentieren und so mit erhalten. Daher spielt Biodiversität in unserer Forschung eine große Rolle. Im Augenblick herrscht Aufbruchsstimmung an den Naturkundemuseen, die allerdings manchmal an Aktionismus grenzt. Man digitalisiert um jeden Preis, schafft viele Daten. Dabei bleibt oft die Qualität auf der Strecke. Das wollen wir intelligenter machen.

Wie wollen Sie denn Leute ins Museum bekommen? Ins Berliner Naturkundemuseum etwa locken riesige Dinosaurier. Regenwürmer und Nordseefische können da kaum mithalten.

 Das ist auch eine Frage der Präsentation. Dinosaurier gibt es in der Berliner Ausstellung seit den 20er, 30er Jahren. Bis zur Eröffnung der neuen Dauerausstellung 2007 hatten wir dort etwa 200000 Besucher im Jahr, danach  schnellte ihre Zahl auf eine halbe Million hoch. Mit einer neuartigen Schau, die das Naturkundemuseum des 21. Jahrhunderts repräsentiert, können wir hier in Hamburg in einem großen repräsentativen Bau ähnliche Besucherzahlen erreichen, da bin ich mir sicher.

 Wie sieht denn das Naturkundemuseum des 21. Jahrhunderts aus?

 Die Ausstellung sollte sowohl ein Spiegel der im Museum betriebenen Forschung sein, gewissermaßen ihr Schaufenster,  als auch auf  die Bedrohung der Artenvielfalt hinweisen. Wir wollen nicht nur Dinosaurier zeigen, an denen man sich erfreuen kann, sondern auch auf die Probleme der Gegenwart und die Gefahren für die Menschheit hinweisen. Wir wollen im Besucher Verständnis für Naturkunde und naturkundliche Zusammenhänge wecken. Der große Vorteil einer naturkundlichen Sammlung sind ja die hier versammelten realen Objekte. Man kann sie beforschen, befragen und ausstellen. In einem Science Center mögen Sie herrlich an Knöpfen spielen können – aber in einem Naturkunde-Museum haben wir echte Natur zu bieten.

Das Gespräch führte Hartmut Wewetzer.

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