Interview : „Kunst ist eine Generalprobe fürs Hirn“

Wie hängen Gefühle und Kreativität zusammen? Ein Gespräch mit dem Emotionsforscher Antonio Damasio

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Antonio Damaso -Foto: laif

Herr Damasio, ich habe Ihnen etwas mitgebracht.

Eine Kopie des Gemäldes Guernica, von Picasso. Sehr interessant.

Können Sie sich daran erinnern, was in Ihnen vorging, als Sie das Bild zum ersten Mal sahen?

Ich sah das Original erstmals im New Yorker Museum of Modern Art. Ich weiß noch, wie im zweiten Stock ankam, mich umdrehte und plötzlich dieses Bild da war, das sich über die ganze Wand erstreckte. Es war einer der wenigen Momente, in denen mich ein Gemälde emotional ergriffen hat. Normalerweise passiert mir das eher bei Musik oder bei einem Film. Dieses Bild aber ist so reich, so gewaltig, dann natürlich seine Geschichte …

Die deutsche Luftwaffe hatte 1937 die baskische Stadt Gernika im Norden Spaniens angegriffen – Picasso versucht, das Leid dieses Ereignisses auf die Leinwand zu bringen.

Und malt sein Bild ausschließlich in Schwarz und Weiß und Grautönen. Wie viel da zusammenkommt! Man sieht ja nicht nur die ästhetischen Formen, sondern hinzu kommt ein Stück europäische Geschichte, und auch das ist noch nicht alles: Auf einer weiteren Ebene entsteht in mir das Gefühl, privilegiert zu sein, dieses Bild erleben zu dürfen, ohne dem Horror der Ereignisses ausgesetzt zu sein.

Was passiert dabei in Ihrem Gehirn, während Sie das Gemälde betrachten? Wie ein trauriges Musikstück stimmt es melancholisch und erzeugt zugleich Lust ...

Ist das nicht faszinierend? Das Gehirn ist in der Lage, die verschiedenen Reize und Ebenen des Bildes zu trennen. Mit einem Teil erlebe ich das Grauen, ich spüre Trauer. Ein anderer Teil aber weiß ganz genau, dass dieser Horror nicht wirklich stattfindet und genießt sogar die Ästhetik des Bildes. Die widersprüchliche Mischung gibt dem Gehirn die Gelegenheit, sich auf etwas vorzubereiten. Kunst ist wie eine Generalprobe fürs Gehirn. Insofern hat die Kunst eine Verwandtschaft mit dem Spiel: Sie spüren das Drama und die Gefahr, die in dem Bild stecken, befinden sich aber zugleich in Sicherheit, mehr noch, sie erleben etwas Ästhetisches.

Das Verhältnis von Kunst und Emotionen erstreckt sich in viele Bereiche: Emotionale Ereignisse veranlassen Künstler zur Produktion, ihre Werke lösen Emotionen aus. Zugleich zeigen Studien, dass Künstler, von den Schriftstellern bis zu den Musikern, oft unter emotionalen Störungen leiden. Wo liegt da der Zusammenhang?

Große Künstler wachsen oft in einem Milieu auf, das nicht nur von kulturellem Reichtum geprägt ist, sondern es herrscht nicht selten auch irgendeine Form von besonders starkem „Gefühlschaos“.

In einer Studie über Genies hat man festgestellt, dass viele von ihnen schon in der Kindheit einen Elternteil verloren hatten. Meinen Sie das mit Gefühlschaos?

Nicht nur, Dichter zum Beispiel sind häufig manisch-depressiv. Jeder kennt Ausnahmen, und natürlich reden wir hier auch ein bisschen über ein Stereotyp. Dennoch ergibt das Ganze Sinn: Menschen, die von Kind an in einer emotional besonderen Situation aufwuchsen, mussten irgendwie damit fertig werden. Ein Weg, das zu tun, ist, eine eigene Wirklichkeit zu schaffen, um das Schlechte in etwas Gutes zu verwandeln und eine gestörte Balance wiederherzustellen.

Emotionen aktivieren manche Teile unseres Gehirns und schalten andere ab – wie Sie als einer der Ersten gezeigt haben. Könnte es nicht auch sein, dass jemand, der unter einem ständigen Wechselbad der Gefühle leidet, die Wirklichkeit immer wieder mit einem anderen Gehirn sieht, also aus einer anderen Perspektive?

Oh ja! Kreative Menschen sind ja meist entfesselt. Ich würde sogar noch weiter gehen und sagen: Sie sehen die Realität von Mal zu Mal, als wären sie unterschiedliche Personen. Der portugiesische Dichter Fernando Pessoa …

… dessen Vater starb, als er fünf war …

… ging so weit, dass er seine Werke unter vier „Heteronymen“ schrieb. „Heteronyme“, das waren für ihn nicht einfach nur Pseudonyme, sondern ganze Persönlichkeiten mit eigener Geschichte, die er erfand. Einer zum Beispiel war ein Ingenieur aus Glasgow. Etwas Ähnliches muss wohl in Shakespeare vorgegangen sein, anders kann ich mir die enorme Vielfalt seiner Figuren nicht erklären.

Unterschiedliche Gefühle machen einen zu einem anderen Menschen.

Ja, ich beobachte das auch bei mir selbst: Wenn ich mal eine kreative Einsicht habe, stelle ich oft überrascht fest, dass ich die Dinge in diesem Moment in einer Weise betrachte, die leicht von der typischen Betrachtungsweise meines normalen Ichs abweicht.

Starke Gefühle verengen allerdings auch die Sichtweise: Wer beim Anblick einer Schlange Angst empfindet, denkt nur noch daran, der Gefahr zu entkommen …

Richtig, deshalb glaube ich auch, dass die Momente, in denen man von den stärksten Gefühlen überwältigt wird, nicht die kreativen Momente an sich sind. Kreativität entsteht aus der Reflexion dieser emotionalen Erlebnisse. Wenn Sie mitten in einer Depression stecken, können Sie kein Buch schreiben, sondern erst, wenn sie da wieder herauskommen.

Das Gespräch führte Bas Kast.

ANTONIO DAMASIO (64) ist Hirnforscher in Los Angeles. In Berlin eröffnete er die Graduiertenschule des Exzellenzclusters „Languages of Emotion“ der Freien Universität.



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